09.11.12

Drama in Kreuzberg

Türkin getötet, weil sie in Berlin bleiben wollte

Ein Taxifahrer hat seine Frau und dann sich selbst erschossen. Vermutlich tötete der 40-Jährige die dreifache Mutter, weil sie nicht in die Türkei zurück wollte. Die Kinder bekamen alles mit.

Foto: BM

Das Ehepaar Attila (40) und Turna (39) U. ist tot
Das Ehepaar Attila (40) und Turna (39) U. ist tot

Ein Beziehungsdrama im Stadtteil Kreuzberg schockiert Berlin. Ein gerade erst volljähriger junger Mann und seine beiden kleinen Schwestern müssen ihr künftiges Leben als Waisen meistern. Weil ihr Vater sich in einer für ihn anscheinend ausweglosen Situation sah, wurde er zum Mörder. Der 40-Jährige erschoss die eigene Frau und Mutter seiner Kinder und richtete sich anschließend selbst.

Beinahe hätte der Schütze, der sich nach Informationen der Berliner Morgenpost die Schusswaffe illegal besorgt haben muss, die Bluttat überlebt. Ein Rettungssanitäter konnte den Mann, der als Taxifahrer arbeitete, zunächst noch reanimieren. Doch nach der Einlieferung ins Krankenhaus im Friedrichshain erlag auch der Familienvater noch am Mittwochabend seinen schweren Verletzungen.

Auslöser der Tat könnte ein schon länger schwelender Streit um die Zukunft der fünfköpfigen Familie gewesen sein. Im Umfeld wurde davon berichtet, dass Attila U. seine Zukunft in seiner türkischen Heimat in der anatolischen Region Kayseri gesehen habe.

Offenbar war der 40-Jährige auch nach zwei Jahrzehnten in Berlin nicht richtig heimisch geworden. Seine Frau Turna wollte indes auf keinen Fall in die 300 Kilometer südwestlich von Ankara gelegene Stadt umsiedeln. Wie ihre in Berlin geborenen und aufgewachsenen Kinder wollte die Frau offenbar den angestammten Kreuzberger Kiez nicht verlassen. Zudem soll es wegen der Eifersucht des 40-Jährigen öfter zu Streitigkeiten zwischen den Eheleuten gekommen sein, hieß es im Umfeld der Familie.

Spurensicherung dauert Stunden

Die Polizei ermittelt nun die genauen Umstände der Tat und versucht, Klarheit über das Motiv zu bekommen. Ungewiss ist auch, ob die Kinder des Paares den Streit nur gehört haben oder gar Augenzeugen geworden sind. Die genaue Rekonstruktion des Tatgeschehens beschäftigt die 2. Mordkommission des Landeskriminalamtes.

In der Nacht zum Donnerstag waren Kriminaltechniker für Stunden mit der Sicherung von Spuren beschäftigt. Gleichzeitig befragten Kriminalbeamte in dem fünfgeschossigen Haus Nachbarn sowie Angestellte einer Gaststätte im Erdgeschoss des Gebäudes.

Danach gab die Staatsanwaltschaft erste Ermittlungsergebnisse bekannt. Die Sofortobduktion habe ergeben, dass die Frau von zwei Schüssen einer Faustfeuerwaffe im Oberkörper getroffen wurde, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. "Danach schoss sich der Mann drei Mal in die eigene Brust."

Einsatzbefehl "Schusswechsel mit Schwerverletzten"

Nachbarn berichteten, dass es in der Wohnung der Familie U. im dritten Stock der Oranienstraße 162 am Abend zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten gekommen war. Sie hätten einen lauten Streit vernommen, der plötzlich eskaliert sei. Schüsse seien zu hören gewesen, sagten Anwohner übereinstimmend.

Die entsetzten Kinder flohen in Panik in die Wohnung der Nachbarn. Die riefen sofort die Polizei. Die Feuerwehr wurde um 21.58 Uhr mit dem Einsatzbefehl "Schusswechsel mit Schwerverletzten" alarmiert. Vier Minuten später trafen die Einsatzkräfte in dem Wohnhaus ein, das sich auf halbem Weg zwischen dem Moritzplatz und der Oranienplatz befindet. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod der 39-Jährigen feststellen.

Die Polizei fand den 18-jährigen Sohn und seine zehn und zwölf Jahre alten Schwestern in der Nachbarwohnung vor. Sie seien unverletzt, aber schwer traumatisiert, könnten das Geschehen noch gar nicht fassen, so ein Polizeisprecher.

Vor den Schüssen war das Paar im Supermarkt

Sehr schnell verbreitete sich die Nachricht von dem Verbrechen in der Nachbarschaft. Vor dem Haus spielten sich in der Nacht ergreifende Szenen ab, lautes Wehklagen war zu hören. Tränen flossen.

Verwandte des Ehepaares, die ganz in der Nähe leben, nahmen die Kinder schließlich vorläufig bei sich auf. Weil sich unmittelbar nach der Tat auch viele Schaulustige vor dem Haus in der Oranienstraße versammelten, rückte die Polizei zusätzlich mit zwei Mannschaftswagen an, um zu verhindern, dass die Einsätze der Rettungskräfte und der Kriminalpolizei behindert wurden.

Die Familie U. war in der Nachbarschaft vielen bekannt. Ein Anwohner berichtete, noch am Mittwochabend gegen 19 Uhr habe er die Familie beim Einkauf in einem nahe gelegenen Supermarkt gesehen. Für ihn habe überhaupt nichts auf eine ungewöhnliche oder angespannte Situation hingedeutet, sagte der Mann.

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