08.11.12

Kinderkrankheiten

Warum Röteln extrem gefährlich sein können

Bei Röteln denken viele an eine harmlose Kinderkrankheit – infiziert sich jedoch eine schwangere Frau, drohen dem ungeborenen Baby schwerste Gesundheitsschäden. Deshalb ist eine Impfung so wichtig.

Foto: pa/wiki commons

Eine Rötelerkrankung während der Schwangerschaft ist besonders gefährlich: Das Virus gelangt über die Plazenta in das ungeborene Kind und kann zur Schädigung von Innenohr, Herz und anderen Organen führen. Behinderung, Frühgeburt oder Fehlgeburt sind die Folge. Das Foto rechts zeigt einen Säugling mit eingetrübter Augenlinse nach einer Rötelinfektion
Eine Rötelerkrankung während der Schwangerschaft ist besonders gefährlich: Das Virus gelangt über die Plazenta in das ungeborene Kind und kann zur Schädigung von Innenohr, Herz und anderen Organen führen. Behinderung, Frühgeburt oder Fehlgeburt sind die Folge. Das Foto rechts zeigt einen Säugling mit eingetrübter Augenlinse nach einer Rötelinfektion

Röteln sind harmlos und äußerst gefährlich zugleich. Harmlos, wenn sich ein Kind damit ansteckt, unheilvoll dagegen, wenn eine Schwangere daran erkrankt: Ihr Ungeborenes kann schwerste Schäden davontragen.

Das Rötelnvirus wurde erst vor 50 Jahren identifiziert. Die Entwicklung einer Impfung dauerte sieben Jahre.

Mittlerweile tendiert die Häufigkeit der früher am meisten gefürchteten Infektion in der Schwangerschaft gegen null. "Die Wildviruszirkulation in Deutschland ist in den letzten fünf bis sechs Jahren fast zum Erliegen gekommen", stellt die angesehene Stuttgarter Mikrobiologin Gisela Enders im Fachmagazin "Frauenarzt" erfreut fest.

Die Röteln sind eine Kinderkrankheit, die das Prädikat "harmlos" tatsächlich verdienen. Bei jedem dritten Kind, das sich mit Röteln anstreckt, tritt die Infektion sogar unbemerkt auf, völlig ohne Symptome. Bei den übrigen Kindern kommt es höchstens zu ein wenig Fieber. Auch der Ausschlag ist schnell vorbei und vergessen.

Katastrophale Folgen für das ungeborene Baby

Der Sinn der Impfung liegt deshalb nicht darin, Kindern die harmlose Krankheit zu ersparen. Vielmehr soll damit eine andere Gruppe von Patienten geschützt werden, für die eine Ansteckung keineswegs harmlos ist, sondern katastrophale Folgen haben kann: die ungeborenen Babys nämlich.

Die Rötelnerkrankung einer schwangeren Frau gehört noch immer zu den größten Gefahren für das Ungeborene: Die gesundheitlichen Folgen reichen von Hirnschäden, geistiger Behinderung, Blindheit und Taubheit bis hin zu Herzfehlern und Knochenveränderungen. Manchmal führt die Infektion auch zu Fehl- oder Totgeburten. Werden Frauen schwanger, ohne gegen die Röteln geschützt zu sein, beginnt ein überaus riskantes Spiel.

Berthold Koletzko, Kinderarzt an der Universitätskinderklinik München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, sagt: "Begegnet die Mutter jetzt einem rötelnkranken Kind oder Erwachsenen, oder bringt ihr eigenes Kind aus Kindergarten oder Schule die Röteln mit nach Hause, können die sonst so harmlosen Viren in den heranreifenden Organen des Ungeborenen verheerende Schäden anrichten."

Erste drei Monate der Schwangerschaft besonders riskant

Das Risiko einer Schädigung des Babys im Mutterleib ist in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft besonders groß. Bei einer späteren Ansteckung treten kaum noch Schäden auf, da die Organentwicklung nach dem vierten Monat weitestgehend abgeschlossen ist.

Die größte bisher bekannt gewordene Röteln-Epidemie ereignete sich in den USA in den Jahren 1964 und 1965. Die Krankheitswelle hatte etwa 11.000 Fehlgeburten zur Folge, und rund 20.000 Babys kamen mit dem "kongenitalen" (angeborenen) Rötelnsyndrom zur Welt, berichtet Susanne Modrow, Mikrobiologin an der Universität Regensburg.

Der aus abgeschwächten Viren hergestellte Lebendimpfstoff wurde erst danach, im Jahr 1969, zum ersten Mal erfolgreich eingesetzt. "Seine konsequente Anwendung führte 2004 zur Eliminierung der Röteln in den USA", so Modrow. Europa ist noch nicht so weit, Röteln kommen hier weiterhin vor, besonders häufig in Polen und in Rumänien.

Strategie zur Bekämpfung mehrmals geändert

Die Strategie zur Bekämpfung der Röteln wurde bereits mehrmals geändert. Bis zum Jahr 1980 empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) die Rötelnimpfung ausschließlich für junge Mädchen vor der Pubertät. Die früh erworbene Immunität sollte die geimpften Mädchen bereits vor Eintritt einer möglichen Schwangerschaft schützen.

Die Rechnung ging jedoch nicht auf: Teenager gehen nur selten zum Arzt; von einer allgemeinen Impfung konnte deshalb nicht die Rede sein. Heute empfiehlt die Stiko die Impfung von allen Babys und Kleinkindern. Im Alter von elf bis 14 Monaten soll das erste Mal geimpft werden, bis zum Ende des zweiten Lebensjahres sollte dann die zweite Impfung folgen.

Ganz zufrieden sind die Experten aber immer noch nicht. Die Durchimpfungsrate reiche nämlich noch nicht in alle Altersstufen. Unter den heute 15-Jährigen ist jeder dritte nicht vollständig gegen Röteln geimpft. Besser steht es bei den 2003 bis 2004 geborenen Kindern: 96,1 Prozent von ihnen haben bis zum Zeitpunkt der Einschulung die erste Impfung erhalten. Die zweite Impfung erfolgte jedoch nur bei 91,2 Prozent.

Erfreulich hohe Herdenimmunität

Die generelle Impfempfehlung hat immerhin zu einer erfreulich hohen sogenannten Herdenimmunität geführt: Durch die Impfung sind bereits so viele Menschen gegen die Röteln immun, dass sich das Virus nur noch selten weit ausbreitet. Akute Röteln sind eine Rarität geworden. Für Sorglosigkeit gibt es leider dennoch keinen Anlass.

"Aufgrund unserer Erhebungen ist davon auszugehen, dass in Deutschland zurzeit etwa zehn Prozent der jungen Frauen zwischen 15 und 20 Jahren über keinen Röteln-Antikörper-Schutz verfügen", sagt Enders. In Zukunft solle mehr darauf geachtet werden, dass diese Altersgruppe vor Eintritt einer Schwangerschaft zweimal gegen Röteln geimpft werde.

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