11.10.12

Landung in Ankara

Syrien wirft Türkei "Luftpiraterie" vor

Nachdem ein syrisches Verkehrsflugzeug in Ankara zur Landung gezwungen wurde, steigt die Anspannung zwischen den Ländern. Damaskus dementiert die Vorwürfe, dass Waffen an Bord waren.

Foto: dpa

Das syrische Zivilflugzeug war auf dem Weg von Moskau nach Damaskus, als es zur Landung in Ankara gezwungen wurde
Das syrische Zivilflugzeug war auf dem Weg von Moskau nach Damaskus, als es zur Landung in Ankara gezwungen wurde

Die syrische Regierung hat die Türkei der "Luftpiraterie" bezichtigt, nachdem ein syrisches Verkehrsflugzeug auf dem Weg von Moskau nach Damaskus von türkischen Kampfflugzeugen zur Landung in Ankara gezwungen worden war.

Erst nach mehr als fünf Stunden hatte die Maschine ihren Flug fortsetzen können. Nach Angaben des türkischen Außenministers Ahmet Davutoglu hatte sie militärische Güter an Bord. Die türkischen Medien sprachen abweichend von Raketenteilen bzw. "militärisch brauchbarer Kommunikationstechnik".

Syriens Transportminister Mahmoud Said dementierte das, und kündigte eine offizielle Klage bei der internationalen Luftfahrtbehörde an, deren Regeln die Türkei ihm zufolge verletzt habe. Sollte es dazu kommen, wird die Türkei nachweisen müssen, was sie an Bord fand. Das syrische Außenministerium forderte derweil eine "volle und korrekte" Rückgabe der beschlagnahmten Fracht.

Angst vor Revanche

Damit Syrien sich nicht auf ähnliche Weise "revanchieren" kann, wurden türkische Zivilflugzeuge bis auf weiteres von der Führung in Ankara angewiesen, den syrischen Luftraum zu meiden. Ein bereits gestarteter Flug mit türkischen Pilgern auf dem Weg nach Saudi-Arabien wurde umgeleitet.

Der Vorfall kann im Falle einer internationalen Untersuchung auch noch brisant werden, weil eine Stewardess des Flugzeugs im russischen TV-Sender RT schwere Vorwürfe gegen die türkischen Sicherheitskräfte erhob, die die Maschine durchsuchten. Sie hätten "vier Menschen im Flugzeug geschlagen, darunter zwei von der Besatzung und zwei Passagiere", und sie "gezwungen, falsche Papiere zu unterschreiben, ohne zu wissen, was darin steht".

Etwas widersprüchlich angesichts des angeblichen Nicht-Verstehens ist die nächste Aussage der Stewardess, wonach es sich bei den Papieren um Erklärungen gehandelt habe, dass das Flugzeug eine Notlandung gemacht habe (in Wahrheit war es zur Landung gezwungen worden).

Russland dementiert Aussagen zu militärischer Ladung

Auch Russland ist verärgert. Aus Moskau kam ebenfalls ein Dementi, die Maschine habe keinerlei militärische Güter an Bord gehabt. Die Türkei habe zudem den Zugang russischer Botschaftsangehöriger zu den im Flugzeug festgehaltenen russischen Staatsbürgern verweigert. Nach Angaben der "Financial Times" hat die russische Regierung von der türkischen Seite Erklärungen gefordert.

Zugleich – aber womöglich unabhängig von dem Zwischenfall – wurde ein ursprünglich für die kommende Woche geplanter Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Ankara auf November verschoben. Über die Gründe gibt es widersprüchliche Darstellungen aus Moskau und Ankara, die beide wenig glaubwürdig klingen: Putins Terminkalender sei voll gewesen, hieß es von russischer Seite, während aus der Türkei von "bürokratischen" Problemen zu hören war.

Vielleicht hatte aber auch, außer dem Zwischenfall um das Flugzeug, die Donnerrede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf dem jüngst abgehaltenen AKP-Kongress eine Rolle gespielt. Erdogan hatte Russland dort mit den Worten abgekanzelt, es werde von der Geschichte bestraft werden, weil es sich auf die Seite der Unterdrücker stelle (freilich galten auch die Türkei und Erdogan persönlich bis vor kurzem als beste Freunde des syrischen Unterdrückungsregimes). Russland und China bewahren das Assad-Regime im UN-Sicherheitsrat immer noch gegen ein Einschreiten der Staatengemeinschaft.

Türkei verschärft Drohungen

Derweil hat auch der türkische Generalstabschef Necdet Özel den Ton im Konflikt mit Syrien deutlich verschärft. Seit dem 8. Oktober inspiziert er die "Front" an der Grenze zu Syrien, Ort für Ort, ein ungewöhnlicher und sorgsam mediatisierter Vorgang. Erst jetzt wurde bekannt, dass die Türkei die Kampfbereitschaft ihrer Truppen am 8. Oktober angehoben hatte, auf "hohe Gefechtsbereitschaft". Am Donnerstag drohte Özel, dass die Türkei "härter" zurückschlagen werde, wenn weiterhin Granaten aus Syrien auf türkischem Boden einschlagen.

Zuvor hatte die Türkei 25 Kampfflugzeuge vom Typ F-16 in die Region verlegt, sie verfügt dort aber ohnehin bereits über starke Luftkräfte. Der Militärexperte Gareth Jenkins hält Luftangriffe als nächste Stufe der Eskalation für denkbar, aber auch für riskant, da die syrische Luftabwehr als sehr schlagkräftig gelte. Bereits im Juni war ein türkisches Kampfflugzeug von den Syrern abgeschossen worden.

Beschuss seit dem 3. Oktober

Am 3. Oktober hatte eine Granate aus Syrien im türkischen Grenzdorf Akcakale fünf Zivilisten getötet, eine Mutter und ihre vier Kinder.

Seither landen fast jeden Tag Granaten aus Syrien auf türkischem Gebiet, und beschießt türkische Artillerie fast jeden Tag syrische Militärziele, darunter bislang einen Militärstützpunkt und ein Munitionslager. Teilweise nutzten syrische Rebellen diesen Beschuss, um die Stellungen danach anzugreifen.

Eine syrische Zeitung witterte am Mittwoch System dahinter; nach Angaben des Regierungsblattes ist es die Türkei selbst, die mit Hilfe der Rebellen den "syrischen Beschuss" inszeniert, um ihren eigenen Artilleriebeschuss zu rechtfertigen. Der verfolge das Ziel, für die Rebellen eine "Pufferzone" auf syrischem Gebiet zu etablieren.

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