11.10.12

Türkei

Freispruch für Frau, die ihren Vergewaltiger tötete

Jahrelang bat eine Frau die türkische Polizei erfolglos um Hilfe, weil ein Mann sie immer wieder vergewaltigte. Nachdem sie ihn schließlich tötete, sprach ein Gericht sie frei – wegen Staatsversagens.

Foto: Infografik Die Welt

Die Frau wechselte mit ihrem Mann mehrfach den Wohnort, um ihrem Peiniger zu entkommen
Die Frau wechselte mit ihrem Mann mehrfach den Wohnort, um ihrem Peiniger zu entkommen

Ein türkisches Gericht hat eine 43 Jahre alte Frau freigesprochen, die ihren Serienvergewaltiger mit einem Brotmesser getötet hat. Weil der Staat sie nicht verteidigte, habe die Frau ein Recht auf Selbstverteidigung gehabt, es war Notwehr, befand nun ein Gericht. Nach dem Urteil sprechen die Medien sogar von einem "Wendepunkt" der türkischen Rechtspraxis in solchen Fragen. Vor allem Frauenrechtler halten ihn für einen Präzedenzfall.

Vor der Tat hatte die Frau über zwei Jahre hinweg Polizei und Behörden nachweislich angefleht, ihr zu helfen – erfolglos. Die Beamten blieben untätig.

2011 wurde Nafiye Kacmaz schließlich wegen Mordes an Ali Kalkan festgenommen, der sie nach eigenen Worten über Jahre erpresst und sexuell missbraucht hatte. Um seinen Nachstellungen in ihrer Heimatstadt Diyarbakir zu entgehen, hatte Frau Kacmaz sogar ihren Mann eingeweiht, mehrfach war sie mit ihm in andere Provinzen umgezogen, ihr Peiniger spürte sie jedoch jedes Mal wieder auf und bedrängte sie weiter.

Nachdem Kalkan dann bei einem seiner Überfälle gedroht hatte, von ihm gedrehte Videos der Vergewaltigungsszenen zu veröffentlichen, wenn sie sich nicht weiterhin füge, nahm sie ein langes Brotmesser zum nächsten Treffen mit und stach ihn damit in den Rücken. Kalkan starb. "Ich wollte ihn aber nicht töten, nur verletzen", sagte sie vor Gericht.

Vergewaltiger geköpft und zur Schau gestellt

Erst vor Kurzem hatte ein sehr ähnlicher Fall die türkische Öffentlichkeit aufgewühlt: Ebenfalls hatte ein Mann sein Opfer über einen längeren Zeitraum hinweg sexuell genötigt, ebenfalls mit Drohungen, die Sache publik zu machen, wenn sie den Sex mit ihm verweigere. Zumindest gab das die Täterin nach ihrer Festnahme an.

Daraufhin tötete sie ihn auf besonders spektakuläre Weise: Erst erschoss sie ihn mit einem Gewehr, dann schnitt sie dem Mann den Kopf ab und stellte ihn zum Entsetzen der Bewohner auf dem Dorfplatz zur Schau.

Anders als im Fall Kacmaz war diese Frau jedoch im Vorfeld nie zur Polizei oder Staatsanwaltschaft gegangen.

Nach der Tat behauptete die Familie des Toten außerdem, dass es sich nicht um eine Vergewaltigung, sondern um eine einvernehmliche Affäre gehandelt habe und dass nicht die Frau allein, sondern ihre ganze Familie den "Ehrenmord" des Mannes beschlossen habe. Ihm sei schon vor der Tat gedroht worden, man werde ihn köpfen, wenn er das Dorf nicht verlasse.

Zudem habe nicht die Frau ihm den Kopf abgeschnitten, sondern einer ihrer Verwandten. Noch komplizierter wird es dadurch, dass die Frau von dem Mann schwanger ist und das Kind abtreiben will, was aber ein Gericht unter Verweis auf die fortgeschrittene Schwangerschaft nicht erlaubt. Die Familie des geköpften Mannes hat deshalb angeboten, das Kind zu adoptieren.

Politisch brisant wird der Fall vor dem Hintergrund von Bemühungen der Regierung, das geltende Abtreibungsrecht zu verschärfen und Abtreibung grundsätzlich zu verbieten. So hatte sich Gesundheitsminister Recep Akdag zur großen Empörung aller Frauenrechtler mit den folgenden Worten zu dem Fall geäußert: "Vergewaltigte Frauen sollen gebären. Notfalls kümmert sich der Staat um die Kinder."

Zweifelhafte Ehrenrettung

Die beiden Fälle machen deutlich, dass Sexualstraftäter das traditionelle Wertesystem der türkischen Gesellschaft noch immer ausnutzen können, um ihre Opfer gefügig zu machen. Denn wenn die Sache ruchbar wird, droht der Frau der "Ehrenmord", dass sie also von der eigenen Verwandtschaft umgebracht wird, um die "Ehre" zu retten.

"Bei Vergewaltigungsfällen wird dem Ehrdenken zufolge nicht danach gefragt, ob die Frau schuldig ist, sondern, dass es passiert ist und damit das Prestige der Familie, welches alle anderen Beziehungen, auch die ökonomischen, regelt, vernichtet ist", sagt die Soziologin Hülya Özaktürk, die kürzlich eine Studie über die wirtschaftlichen Dimensionen von Ehrenmorden veröffentlichte.

Sie sieht an den beiden jüngsten Mordfällen, "dass dieser Druck auf den Frauen lastet und sie aus dieser Angst heraus handeln. Andererseits sehe ich in beiden Fällen ein gestärktes Selbstbewusstsein der Frauen." Freilich sei, solange der Staat versage, die "einzige Ressource, auf die sie zurückgreifen können, das problematische Ehrdenken selbst".

Mit anderen Worten, die Frauen töten, um nicht getötet zu werden. Insbesondere der jüngste Fall der freigesprochenen Nafiye Kacmaz ist aber auch ein Indiz dafür, dass Frauen in der Türkei immer stärker für ihre Rechte eintreten. Dass das Vergewaltigungsopfer wiederholt zur Staatsanwaltschaft ging, ist ein Symptom dieses neuen Rechtsbewusstseins – die Untätigkeit der Behörden freilich aber auch ein Anzeichen dafür, dass auf der anderen Seite dieses Bewusstsein bei den zuständigen Behörden noch immer nicht verinnerlicht worden ist.

Was die Gesetze selbst betrifft: Sie sind im Laufe der Jahre von der Regierung verschärft worden und hätten genügend Grundlage für ein Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen den Vergewaltiger geboten.

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