08.10.12

Ehrung

Medizin-Nobelpreis geht an Stammzellforscher

Shinya Yamanaka und John B. Gurdon werden mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt. Die Verwandlung von spezialisierten Zellen zu Alleskönnern lässt Forscher auf neue Therapien und Medikamente hoffen.

Von Pia Heinmann
Quelle: Reuters
08.10.12 0:39 min.
Der britische Mediziner John Gurdon (links) und der japanische Forscher Shinya Yamanaka haben den Medizin-Nobelpreis 2012 bekommen.

An zwei Telefonen kam es heute zum "magic call" - zum magischen Anruf. In Japan und Großbritannien klingelte es - und für die Wissenschaftler John B. Gurdon von der britischen University of Cambridge und Shinya Yamanaka Professor an der Kyoto University ging ein Traum in Erfüllung. Denn am Apparat meldete sich die Jury des Nobelpreises in Stockholm. Für die Entdeckung der Umprogrammierung von reifen Zellen in pluripotente Stammzellen erhielten Gurdon und Yamanaka in diesem Jahr den wohl begehrtesten Preis für Bioforscher.

Thomas Perlmann vom Nobelkommitee sagte dazu: "Ihre Entdeckungen haben uns die Entwicklung neuer Werkzeuge für die Herstellung neuer Arzneimittel ermöglicht." Die Forschung mache es möglich, mehr über die Entstehung von Krankheiten wie Krebs zu erfahren und Arzneimittel auf ihre Wirksamkeit hin zu prüfen, hieß es vom Nobelkommitee weiter.

Froscheier und Hautzellen

John Gurdon hatte vor allem an Froscheiern geforscht. Es war ihm gelungen, den Zellkern von verschiedenen Zellen mit verschiedenen Reifestadien zu transplantieren. Aus diesen Zellen wuchsen normale, geschlechtsreife Tiere heran. Er konnte dadurch zeigen, dass sich das Erbgut eines Individuums während der Entwicklung nicht grundlegend ändert. Vielmehr gebe es im Zytoplasma Faktoren, die das Ablesen von Genen steuern.

Shinya Yamanaka war es gelungen, aus entwickelten Hautzellen pluripotente Stammzellen herzustellen. Diese so genannten induzierten pluripotenten Stammzellen (ips-Zellen) entwickelten sich anschließend zu verschiedenen Geweben - etwa zu Nervenzellen. Normale Zellen können also so beeinflusst werden, dass sie in eine Urversion zurückprogrammiert werden. Aus ihnen können dann andere Gewebe gezüchtet werden.

Die beiden Forscher wurden per Telefon kontaktiert und hatten sich sehr über den Preis gefreut. Gurdon ist 78 Jahre alt und Yamanaka 50. Die beiden Forscher teilen sich das Preisgeld.

Wirtschaftskrise trifft Nobelpreis

In diesem Jahr ist der Preis nicht wie bislang mit zehn Millionen Schwedischen Kronen dotiert, sondern nur mit acht (knapp 930.000 Euro) - die Wirtschaftskrise macht auch vor dem weltweit wichtigsten Forschungspreis nicht halt. Die Stiftung kürzte das Preisgeld, um eine "dauerhafte finanzielle Stabilität" zu gewährleisten. 1901 lag das Preisgeld bei 150.800 Schwedischen Kronen und stieg auf den Höchstwert von zehn Millionen Schwedische Kronen in den vergangenen Jahren an.

Mit der Bekanntgabe des Medizin-Nobelpreises hat der diesjährige Reigen der Nobelpreise begonnen. Am Dienstag wird die Auszeichnung für herausragende Leistung in der Physik vergeben, am Mittwoch der Preis für Chemie. Am Donnerstag wird der Träger des Literaturnobelpreises bekanntgegeben, am Freitag der mit besonderer Spannung erwartete Träger des Friedensnobelpreises. Am Montag kommender Woche wird der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften gekürt.

Dieses Mal kein Eklat

Im vergangenen Jahr war es zu einem Fauxpas gekommen: Die Jury für den Medizinnobelpreis hatte drei Wissenschaftlern, die sich mit der Erforschung des Immunsystems beschäftigt haben, den Preis zugesprochen. Der amerikanische Immunologe Bruce Beutler und der französische Forscher Jules Hoffmann sollten sie die eine Hälfte des Preises teilen, die andere sollte an Ralph Steinman gehen. Doch Steinman war drei Tage vor der Bekanntgabe an Krebs gestorben - ohne, dass das Stockholmer Gremium davon etwas mitbekommen hätte.

Die Statuten des Nobelpreises sehen eigentlich vor, dass nur lebende Personen mit ihm geehrt werden dürfen. Nachdem die Jury vom Tod Steinmans Kenntnis erhalten hatte, setzten sich die Mitglieder zu einer Besprechung zusammen, ob sie ihm den Preis nun also doch nicht verleihen dürften. Schließlich hielten die Jurymitglieder aber an der Verleihung fest: Die Regel, den Preis nur an lebende Personen zu verleihen, sei eingerichtet worden, damit der Preis nicht bewusst an verstorbene Personen verliehen werde. Da man 2011 aber davon ausgegangen war, dass Steinman noch lebe, könne man an der Entscheidung festhalten, hieß es.

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Arten von Stammzellen
  • Embryonale Stammzellen

    …sind ethisch umstritten, weil sie aus frühen Embryonen stammen, die bei ihrer Gewinnung zerstört werden. Sie sind noch nicht auf eine endgültige Aufgabe festgelegt. Der Einsatz birgt aber Risiken: Wegen des enormen Teilungs- und Entwicklungspotenzials kann es zu unkontrollierten Wucherungen (Teratomen) kommen. Ob man die Zellen dazu bringen kann, dass sie im Körper nur und genau das tun, was sie sollen, muss sich noch erweisen.

  • Induzierte pluripotente Stammz

    ...entstehen durch die Rückprogrammierung von Körperzellen. Sie besitzen die wichtigsten Eigenschaften embryonaler Stammzellen – und sind ethisch unbedenklich. Pluripotent werden Zellen genannt, die sich zu jedem Zelltyp eines Organismus differenzieren, aber keinen gesamten Organismus bilden können.

  • Adulte Stammzellen

    ...finden sich an vielen Stellen als natürliches Reservoir im Körper. Im Knochenmark etwa entstehen daraus immer neue Blutzellen. Auch in der Leber, der Bauchspeicheldrüse und im Hirn gibt es sie. Allerdings haben sie ein eingeschränktes Entwicklungspotenzial. Die Transplantation von Knochenmark gegen Blutkrebs (Leukämie) ist eine Therapie mit adulten – erwachsenen – Stammzellen.

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