07.10.12

Internetfernsehen

Youtube startet als Sender mit 60 TV-Kanälen

Der US-Anbieter will weltweit mit 60 Kanälen dem klassischen Fernsehen Konkurrenz machen, elf davon kommen aus Deutschland. Geld verdient Youtube mit einem raffinierten Werbesystem.

Foto: REUTERS

Fernsehmannschaft von Revision3 bei der Produktion einer Filmepisode für Youtube
Fernsehmannschaft von Revision3 bei der Produktion einer Filmepisode für Youtube

Die Online-Videoplattform Youtube startet eine neue Offensive, um mit eigenen Inhalten die Nutzer vom Fernseher weg hin vor den Internet-Bildschirm zu locken. Dazu bezahlt die Google-Tochter erstmals auch in Deutschland Kreative für die Erstellung sogenannter "Original Channels" – virtuelle Programmkanäle, in denen Youtubes neue Partner selbstgemachtes Videomaterial zu Nischenthemen erstellen. Von weltweit 60 neuen Kanälen werden ab Montag elf von deutschen Künstlern und Fernsehmachern bestückt.

Dabei setzen Youtubes Einkäufer auf ein ständig variierendes Themenspektrum, auf einen Mix aus professionellen etablierten Anbietern und Newcomern: Endemol liefert einen Survival Guide für Eltern, die Ufa steuert ein Reality-Krimiformat und einen Kulturführer über Berlin bei.

Die junge Berliner Band "Onkel Berni" will aus dem eigenen Wohnzimmer eine eigene Late-Night-Show produzieren, unter dem Stichwort Boneless kommt ein eigener Extremsport-Channel hinzu. Der wilde Mix ist Konzept – Youtube will ausprobieren, welche der neuen Kanäle so erfolgreich sind, dass sie auch ohne Dauerfinanzierung aus den USA funktionieren.

Richtiger Zeitpunkt zur globalen Expansion

"Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um unser Wachstum zu beschleunigen", sagt Robert Kyncl, Youtubes Vizepräsident für Inhalt, im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. "Zum einen sind internetfähige Geräte – große wie kleine – inzwischen überall verbreitet. Zum anderen war die professionelle Produktion von Inhalten nie so günstig machbar wie heute."

Mit der Inhalteoffensive will Youtube seine Nutzer stärker an einzelne Künstler und ihre Kanäle binden, sie so dazu animieren, immer öfter auf die Seite zurück zu kommen. Im Idealfall sollen sie, so hofft Kyncl, sich ihr eigenes Fernsehprogramm aus Youtube-Spartenkanälen abonnieren, und so öfter Youtube anstatt der klassischen Fernsehkanäle nutzen.

Youtube bezahlt für TV-Produktionen

Neu ist in Deutschland vor allem das Finanzierungsmodell: Bislang wurden die Videomacher von Youtube lediglich an den Einnahmen beteiligt, die Youtube mit Werbespots rund um ihre Inhalte verdient. Nun gehen die Kalifornier einen Schritt weiter, und finanzieren auch hierzulande die Produktion der Videos vor.

"Wir bringen die nationalen Märkte jeweils etwa zwei Jahre lang mit eigenen Mitteln in Schwung. Dann schauen wir uns das Resultat an, arbeiten je nach Erfolg mit den bestehenden Partnern weiter, schaffen mit ihnen neue Spartenkanäle oder suchen neue Partner", erklärt Kyncl.

Youtube liefert nur Anschubfinanzierung

Wer erfolgreich ist und eine eigene Fanbasis für seinen Youtube-Kanal sammelt, ist zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr auf Youtubes Anschubfinanzierung angewiesen: Über die Hälfte der Werbe- Einnahme fließen an die Videomacher, in den USA leben längst dutzende kleine Produktionsfirmen und Künstler gut von den Einnahmen.

Dabei beweisen sie, das auch mit auf extrem kleine Nischen zugeschnittenem Material gutes Geld verdient wird, vorausgesetzt sie wirken authentisch und sind gut gemacht: Eine Ein-Frau-Show für koreanische Kochrezepte zieht in den USA bereits ebenso Millionen Zuschauer an wie ein Kanal für Persiflagen bekannter Computerspiele.

Jeder Kanal muss für eigene Werbung sorgen

In dem Erfolg der Nischenkonzepte sieht Kyncl die Grundlage für eine Revolution des Marktes der Videoproduzenten: "Wer bei uns veröffentlicht, kann sich nicht bloß darauf beschränken, gutes Videomaterial zu liefern – er muss selbst zum Unternehmer werden, seine eigene Fanbasis schaffen, seinen Kanal in sozialen Netzwerken bewerben", sagt Kyncl. "Das bedeutet für klassische Produzenten ein echtes Umdenken – sie müssen Aufgaben übernehmen, die sonst die Fernsehsender für sie erledigt haben."

Youtube hat, erklärt Kyncl, in den vergangenen Jahren systematisch die Grundlagen für die jetzt anstehende weltweite Expansion mit eigenen Inhalten geschaffen, dafür waren drei Investitionen entscheidend wichtig: "Als Google Youtube im Jahr 2006 gekauft hat, investierten wir als erstes 30 Millionen Dollar in die Entwicklung des Content-ID-Systems." Das System dient dem Schutz von Urheberrechten, erlaubt den Rechteinhabern, Referenzdateien hochzuladen.

Content-ID-System hilft Rechteinhabern

Die Rechteinhaber haben dann drei Optionen: Sie können die Verwendung ihres Materials auf der Plattform lediglich beobachten, sie können sperren lassen, und sie können Werbung dazu schalten, und so daran verdienen. "Letztere Option entwickelt sich aktuell zu einer immer wichtigeren Einkommensquelle für unsere Partner", erläutert Kyncl.

"Zweitens starten wir Youtube aktuell in so vielen Ländern wie möglich. Dafür reicht es nicht, einfach nur eine nationale Domain zu sichern, und die Seite zu übersetzen. Aktuell gucken die Nutzer überall in der Welt über vier Milliarden Stunden Youtube-Videos pro Monat, 72 Stunden Material werden pro Minute hochgeladen – wir müssen eine entsprechend robuste Server-Infrastruktur aufbauen."

Die dritte Säule der Expansion ist die wohl wichtigste für den Mutterkonzern Google: "Wir wollen mit Youtube Geld verdienen. 2009 haben wir angefangen, über neue Werbekonzepte nachzudenken – vorher haben wir dem Gedanken nicht viel Zeit gewidmet", erinnert sich Kyncl.

Youtubes Werbemaschine erkennt Vorlieben der Nutzer

Seitdem schaltet die Plattform Werbespots. Doch Youtube möchte nicht wie die Fernsehkonkurrenz jedem Nutzer die gleichen Spots präsentieren – stattdessen passt die Plattform Frequenz und Inhalt der Werbeeinblender den Präferenzen der Nutzer an. "Dafür haben wir Trueview erfunden", sagt Kyncl. Das System geht von einer zunächst paradox erscheinenden Idee aus: Nutzer können Spots jederzeit überspringen.

Das System lernt daraus, zudem weiß es, welche Videos die Nutzer gerne sehen, welche Kanäle sie abonniert haben. Das Resultat sind perfekt auf den einzelnen zugeschnittene Werbeeinblender: "Wenn wir alles richtig machen, wollen die Nutzer schlussendlich die Spots sehen, weil sie exakt auf ihre Interessen zugeschnitten sind", hofft Kyncl.

Gezielte Werbung hat weniger Streuverluste

Derart gezielte Werbung ist für die Werbetreibenden wertvoll, da die Streuverluste viel geringer sind als bei herkömmlicher Fernsehwerbung. Noch vermag Youtube den Fernsehwerbemarkt nicht wesentlich zu beeinflussen, die Fernsehwerbebudgets in Europa wie in den USA sind fast unverändert hoch.

Doch Kyncl hofft auf die Zukunft: "Wir zielen mit unseren vielen Nischen-Angeboten speziell auf die Generation der unter 35-Jährigen, die von den Fernsehsendern vernachlässigt werden." Gewöhnen die sich erst einmal daran, statt Fernsehen Youtube zu schauen, werden sich die Mediaplaner in Zukunft immer öfter für Youtube anstatt für RTL und Co. entscheiden.

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