Syrien
Aleppo brennt – und niemand kann löschen
Schwere Kämpfe zerstören die Altstadt in Aleppo. Die angekündigte Offensive der Rebellen bleibt aus: Es fehlt an Organisation und Nachschub – Scharfschützen behindern den Zugang.
Das Feuer sprang rasch von Haus zu Haus. Ganze Gassen standen nach kurzer Zeit in Flammen. Schwarzer dicker Rauch stieg auf über der Stadt, die Katastrophe war schon von Weitem zu erkennen.
Die antiken Holzfassaden wurden vom Feuer buchstäblich aufgefressen und der Großbrand konnte sich so auf die gesamte Altstadt ausdehnen. Bis zu 1000 Geschäfte des aus dem 13. Jahrhundert stammenden Viertels sollen bis auf die Grundmauern niedergebrannt sein.
Der Suk al-Medina, also der Basar, war von der Unesco als Weltkulturerbe deklariert worden. Einer der letzten traditionellen Märkte in der arabischen Welt, in dem noch, wie vor 700 Jahrhunderten, jeder Handwerkszunft eine der überdachten, engen Steingassen vorbehalten war. Ein Hauptanziehungspunkt für viele tausende Touristen, die jedes Jahr die syrische Industriemetropole im Norden des Landes besuchten.
Ein Ende der Verwüstung ist jedoch nicht abzusehen. Regimetruppen und die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) kämpfen um die Kontrolle der Altstadt. Das Feuer kann nicht gelöscht werden. Scharfschützen beider Seiten verhindern jeden Zugang.
"So Gott will, wird die Schlacht entscheiden"
Der Brand war einen Tag nach Beginn einer "letzten Offensive" der FSA ausgebrochen. "Heute starten wir den Angriff auf Baschars Armee an allen Fronten", hatte ein Mann am vergangenen Donnerstag in einem YouTube Video bekannt gegeben. Gemein war Syriens Präsident Baschar al-Assad. "So Gott will, wird die Schlacht die entscheidende sein."
Das Video wurde im Namen der größten Rebelleneinheit Aleppos veröffentlicht. Die Al-Tawhid-Brigade soll über 8000 Kämpfer verfügen. Nach der Erklärung des Mannes schossen einige Rebellen im Hintergrund einige Gewehrsalven ab und riefen: "Gott ist groß."
Nicht minder dramatisch formulierten es einige Rebellenkommandeure auf dem Weg an die Front. "Heute Nacht gehört uns Aleppo oder wir sind geschlagen", versicherte Abu Furat, der ein Bataillon anführte. Drei Tage sind mittlerweile vergangen, aber die "letzte Schlacht" hat zu keinen zwingenden Resultaten geführt – geschweige denn Erfolge für die Rebellen.
"Wir haben zwar einige Stadtteile befreit, aber können die Regimetruppen nicht vertreiben", hieß es von Kämpfern der Al-Tawhid Brigade. Man könne höchstens einige Positionen vorschieben, aber mehr auch nicht.
"Die Al-Tawhid-Brigade kämpft alleine"
Von einer großen, gemeinsamen, konzertierten Aktion aller Gruppen, Bataillone und Brigaden kann keine Rede sein. "Die Al-Tawhid-Brigade kämpft alleine", erklärt Ahmed, ein Cyberaktivist der Rebellen, der täglich einen Tagesbericht über die Ereignisse in Aleppo zusammenstellt und an seinen Email-Verteiler verschickt. "Andere Gruppen haben sich einfach nicht beteiligt", fügt er hinzu.
Das Aufregendste sei der Angriff auf den Militärflugplatz von Nayrab gewesen. "Von dort starten Kampfhubschrauber der syrischen Armee", erklärt Ahmed. Man habe den Flughafen mit Mörsern beschossen und Gewehrsalven abgefeuert. "Nach 20 Minuten war alles vorbei und die Revolutionäre sind wieder zu ihrer Basis zurückgekehrt."
Trotzdem: In Aleppo sind weiterhin ununterbrochen Explosionen von Panzergranaten und das Rattern von Maschinengewehren zu hören. "Ein Lärm wie nie zuvor", sagten Bewohner der Stadt aus, "Tag und Nacht."
Besitzverhältnisse wechseln immer wieder
Die Kämpfe konzentrieren sich rund um die Altstadt. Dort befindet sich die erhöht liegende Zitadelle, der mit ihrem Turm eine strategisch wichtige Rolle zukommt. Sie ist von der syrischen Armee besetzt, die auf dem Turm eine Reihe von Scharfschützen postiert hat und somit die unmittelbare Gegend kontrolliert.
Die Rebellen vermeldeten die Eroberung von Bab Antakya, einem der neun antiken Tore zur Medina. Aber die Besitzverhältnisse scheinen immer wieder zu wechseln. "Niemand macht wirklich Gewinne", sagte ein Rebell, der unerkannt bleiben will. "Es wird gekämpft und gekämpft, ohne dass wirklich etwas passiert."
Die "letzte, entscheidende Offensive" der Rebellen scheint sich als strategischer Fehler zu erweisen. "Wie wollen sie die Stadt erobern, ohne ausreichend Waffen und Munition?", fragt ein westlicher Journalist, der sich seit mehr als einem Monat in Aleppo auf Seiten der Rebellen befindet. "Eine überhastete Aktion, ohne große Vorbereitung", fügt er hinzu.
Es ist das nicht das erste Mal, dass militärische Operationen der FSA an mangelnder Vorausplanung und Organisation scheitern. Als rund 1000 Kämpfer am 18. Juli Damaskus befreien wollten, kam der Angriff in der Hauptstadt bereits nach einem Tag ins Stocken. Den Revolutionären ging die Munition aus und für Nachschub war nicht gesorgt. In Aleppo wiederholt sich offenbar Geschichte.
Seit Pattsituation weniger Aufmerksamkeit
Es ist kaum nachzuvollziehen, warum man ausgerechnet jetzt eine neue Offensive startete. Ein Angriff, der ohne Lieferung neuer moderner Waffen von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Die Überlegenheit der syrischen Armee, die über Panzer, Kampfhubschrauber und Kampfflugzeuge verfügt, dürfte auch den Rebellen bekannt sein.
Vielleicht wollte die FSA das Medieninteresse an ihrem Kampf wieder etwas erhöhen. Nachdem die "Schlacht um Aleppo" in eine Pattsituation gelangt ist, verringerte sich die internationale Aufmerksamkeit zunehmend.



















