04.09.12

Organbevorteilung?

"Die zynischen Folgen der Zwei-Klassen-Medizin"

Die Grünen wollen bei Organtransplantationen einen Skandal entdeckt haben: Privatpatienten werden angeblich bevorzugt behandelt. Das Gesundheitsministerium sieht eine gefährliche Stimmungsmache.

Quelle: Reuters
04.09.12 1:28 min.
Gesundheitsexperten der Grünen haben Daten der Vereinigung für Organübertragung "Euro-Transplant" untersuchen lassen und Auffälligkeiten womöglich zugunsten der privat Versicherten gefunden.

Für die Linken-Abgeordnete Martina Bunge ist es klar: Bei Organtransplantationen zeigen sich "die zynischen Folgen der Zwei-Klassen-Medizin". Und Eugen Brysch von der Hospiz Stiftung sieht eine "offensichtliche" Benachteiligung von Kassenpatienten.

Die beiden machen es sich etwas zu einfach. Zu einem echten Skandal taugt das, was der grüne Gesundheitspolitiker Harald Terpe entdeckt haben will, nicht. Es drängt sich höchstens ein Verdacht auf. Viel spricht dafür, dass Terpe ordentlich Wind um nichts macht.

Vor zwei Wochen hatte das Gesundheitsministerium mitgeteilt, dass Privatpatienten bei der Transplantation von Organen nicht bevorzugt würden. Der Anteil der Patienten, die im Jahr 2011 ein neues Organ bekamen, entspreche mit 9,8 Prozent fast genau dem Anteil der Mitglieder einer privaten Krankenversicherung an der Gesamtbevölkerung, erklärten die Beamten von Minister Daniel Bahr (FDP).

Damit war für sie der Fall erledigt. Für den Abgeordneten Terpe war er es allerdings nicht.

August 2012 mit dem ganzen Jahr 2011 verglichen

Terpe ließ sich von der Koordinierungsstelle Eurotransplant die Liste der deutschen Patienten geben, die im August dieses Jahres auf ein Spenderorgan warteten.

Dann schaute er auf die Transplantationen, die 2011 vorgenommen wurden. Das Ergebnis: Der Anteil der Privatpatienten, die ein neues Organ bekamen, war zum Teil deutlich höher als der Anteil der Privatpatienten auf der Warteliste. Ein Zufall? Absicht?

Viel wichtiger wäre die Frage gewesen: Kann man überhaupt eine Momentaufnahme aus dem August 2012 mit dem ganzen Jahr 2011 vergleichen?

Terpe ließ sich davon aber nicht stören. Er rechnete trotzdem und kam zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Privatversicherten auf der Warteliste im August für eine Leber bei 9,7 Prozent lag. Der Anteil der Privatpatienten, die 2011 eine neue Leber bekamen, lag aber bei 13,1 Prozent.

Keine Hinweise auf Manipulationen der Daten

Ein ähnliches Bild ergab sich bei Herzen, bei Lungen und bei der Bauchspeicheldrüse, wobei einige Abweichungen durch statistische Fehler erklärbar seien, heißt es in Terpes Büro.

Ähnliche Auffälligkeiten entdeckte der Grünen-Politiker beim Anteil der Privatversicherten, die ein neues Organ im "beschleunigten Verfahren" bekamen. Bei diesem Verfahren dürfen Transplantationszentren unabhängig von der Warteliste selbst Patienten auswählen.

Es sei "unklar", ob die Zahlen Zufall oder das Ergebnis von Manipulationen seien, sagt Terpe und spricht nur von "Auffälligkeiten". Beweise dafür, dass absichtlich gepfuscht wurde, gebe es nicht. Tatsächlich würde der Versichertenstatus allein nicht helfen, um bevorzugt ein Spenderorgan zu bekommen.

Eine Bevorzugung müsste einhergehen mit einer Manipulation der medizinischen Daten des Patienten – so wie es an den Unikliniken in Göttingen und Regensburg geschah. Dafür gibt es keine Hinweise.

Selbst Angaben über die Quote schwanken

Möglich sind die Spekulationen Terpes, weil es keine Gesamtübersicht darüber gibt, wie viele Privatpatienten wann und wie lange auf ein Spenderorgan gewartet haben. Selbst Angaben über die Quote der Privatversicherten, denen ein Organ eingepflanzt wurde, schwanken.

Das Gesundheitsministerium, die Bundesärztekammer und Eurotransplant bemühten sich am Dienstag, dem Verdacht nachzugehen. Sie präsentierten am Nachmittag eine Statistik, wonach Privatpatienten nach einer Transplantation häufiger sterben als gesetzlich Versicherte.

Besonders bei Leber- und bei Lungentransplantationen ist die Mortalität größer. Das widerlegt Terpes Thesen zwar nicht ganz, aber es zeigt doch eine Art Gleichheit vor dem Schicksal.

Die Entscheidung, wer ein Spenderorgan bekomme, "findet ohne Berücksichtigung des Versichertenstatus statt", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministers.

Auch werde dieser Versichertenstatus nachträglich erhoben. "Das Thema Organspende ist zu sensibel, um mit unverantwortlichen Spekulationen weiter Stimmung zu machen", fügte er hinzu.

Auch der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn regte sich auf. Die Grünen würden einen "Feldzug gegen die Organspende" führen und "Panikmache im Wochenrhythmus" machen. Die Verunsicherung führe zu noch weniger Spenden.

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