15.08.12

Nationalmannschaft

Löws Elf von Messis Argentiniern gedemütigt

Negativmarke für Bundestrainer Joachim Löw: Die Pleite gegen Argentinien ist die vierte Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im Jahr 2012. Historisch: Erstes Rot für einen deutschen Torwart.

Foto: REUTERS

Missglückter Auftakt zur neuen Länderspiel-Saison: In Frankfurt verlor Deutschland gegen den zweimaligen Weltmeister Argentinien mit 1:3.

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Es sollte ein Spiel gegen die Enttäuschung sein und gegen die Zweifel, die sich nach dem verlorene Halbfinale der Europameisterschaft über den Glanz der deutschen Nationalmannschaft gelegt hatten. Doch das 1:3 (0:1) gegen Argentinien taugte nicht, neues Selbstbewusstsein aufzubauen. Auch wenn die Umstände der Niederlage unglücklich waren, immerhin spielte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw eine Stunde in Unterzahl.

Löw: "Taktische Fehler"

"Wir haben 20, 25 Minuten sehr gut angefangen. Die Rote Karte hat uns ins Hintertreffen gebracht. Dann kam auch noch das Eigentor hinzu. Danach war es schwer für uns gegen so Klasseleute wie Messi, Higuain oder di Maria. Wir haben einige taktische Fehler gemacht, aber die Spieler haben alles gegeben. In Unterzahl ist es schwer, den Gegner früh zu stören. In den ersten 20 Minuten haben wir es geschafft, später nicht mehr", erläuterte Löw nach der Niederlage in Frankfurt.

230 Altinternationale zu Besuch

Der Druck auf die Nationalmannschaft war groß. Natürlich auch, weil immer noch die EM in der Luft lag. Aber auch, weil sich auf der Tribüne die Fußballlegenden drängten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte zum "Club der Nationalspieler" geladen, und über 230 Altinternationale mit insgesamt 4426 Länderspielen auf dem Buckel waren gekommen, um ihren Erben auf die Füße zu schauen. Darunter Rudi Völler, Rainer Bonhof, Jürgen Grabowski und Siegfried Held.

Beifall für Messi

Die konnten zunächst wohlwollend registrieren, dass das Publikum die Enttäuschung über das 1:2 gegen Italien in der Vorschlussrunde der EM offenbar aus den Klamotten geschüttelt hatte, jedenfalls wurden die Spieler mit Applaus empfangen. Auch wenn das Raunen ungleich lauter war, als der Name des argentinischen Kapitäns auf dem Videowürfel erschien: Lionel Messi. Und als bei der argentinischen Hymne der Spielgestalter des FC Barcelona eingeblendet wurde, brandete spontaner Jubel auf. Das hat es bei einem gegnerischen Spieler auch lange nicht mehr gegeben.

Der Weltfußballer des Jahres konnte vor dem Anpfiff zusehen, wie sein deutsches Pendant geehrt wurde. Marco Reus wurde zum Spieler der abgelaufenen Saison gewählt.

Die erste Premiumaktion des Spieles gehörte dann auch dem Neu-Dortmunder, der sich nach zwei Minuten genial durch die argentinische Abwehr schlängelte, für seinen Pass in die Mitte allerdings keinen Abnehmer fand. Das klappte in der zwölften Minute besser, als er Miroslav Klose steil schickte, dessen Hereingabe Mesut Özil dem argentinischen Torhüter Sergio Romero vor die Schienbeinschoner schoss.

Erster Platzverweis für einen deutschen Torwart

Für die drückende Hitze und den Termin kurz vor Saisonstart war es ein munteres Spielchen, das die WM-Endspielgegner von 1986 und 1990 sich lieferten.

Bitter für Bundestrainer Löw war die frühe Auswechslung von Mats Hummels (24.), dem nach einem Zusammenstoß mit Gonzalo Higuian eine leichte Halswirbelverrenkung davontrug; Benedikt Höwedes ersetzte den Innenverteidiger.

Noch bitterer die 31. Minute, als Torwart Ron-Robert Zieler den heranstürmenden Jose Sosa von den Beinen holte und Schiedsrichter Jonas Eriksson auch in einem Freundschaftsspiel die Regeln konsequent auslegte und neben Strafstoß auch auf Platzverweis entschied. Es war der erste Platzverweis für einen deutschen Torhüter in der 104-jährigen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes. "Wir hatten uns viel vorgenommen. Bis zur Roten Karte haben wir vieles sehr gut umgesetzt. Danach war es schwer für uns. Das Ergebnis war letztendlich verdient", sagte Khedira.

Eigentor von Khedira

Zieler war für den verletzten Manuel Neuer ins Team gerückt, nun musste der dritte Torwart Marc-Andre ter Stegen ran. Der sah sich plötzlich Auge in Auge mit Messi. Doch der 20-jährige Gladbacher blieb cool: Lange blieb er stehen, tauchte dann nach links ab und hielt den Schuss des Superstars sogar fest. Das Publikum raste vor Begeisterung, allerdings nur bis zur Nachspielzeit der ersten Hälfte. Da hielt Sami Khedira seinen Fuß in einen argentinischen Eckball und fälschte das Leder ins eigene Tor ab. "Es tut mir leid. Es war, glaube ich, mein erstes Eigentor überhaupt in meiner Karriere. Aber das gehört zum Fußball", sagte Khedira.

Apropos abgefälscht: Auch nach Wiederanpfiff war dem deutschen Spiel die Unterzahl nicht anzumerken. Kaum fünf Minuten waren gespielt, da zog der überragende Reus ab, sein abgefälschter Ball klatschte an den Pfosten, und als Özil den Ball dann versenkte, entschied der Referee auf Abseits. Im Gegenzug überrannte Higuain die deutsche Abwehr, und diesmal hatte ter Stegen keine Chance gegen Messi: Sein Schuss schlug unhaltbar zum 2:0 ein (52.).

Ballstafetten der Argentinier

Das zog dem Spiel den Stecker. Die Deutschen konnten nicht mehr, die Argentinier ergötzten sich an Ballstafetten. Und hätte Angel di Maria in der 73. Minute nicht aus 30 Meter so dermaßen wuchtig abgezogen, dass ter Stegen nicht einmal Zeit blieb, ein verdutztes Gesicht zu machen, hätten die Zuschauer wohl mit einem Schulterzucken den Heimweg angetreten.

Doch das zwischenzeitliche 0:3 tat weh, und den Schmerz konnte auch der wunderschöne Flugkopfball von Benedikt Höwedes in der 82. Minute nur lindern, der zum 1:3-Endstand einschlug.

Am 7. September startet die deutsche Mannschaft gegen die Färöer Inseln in die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014. Diesem Kaliber sollte sie gewachsen sein.

Vierte Niederlage im Jahr 2012

Am Ende des Tages musste Bundestrainer Joachim Löw – seit 2006 im Amt – auch noch eine Negativmarke registrieren. Das 1:3 gegen Argentinien war nach dem 1:2 gegen Frankreich, dem 3:5 in der Schweiz und dem 1:2 im Halbfinale der EM gegen Italien die vierte Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Länderspieljahr 2012. So oft hatte das Team zuletzt 2004 verloren.

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Ron-Robert Zieler

Tragische Figur des Spiels. Hatte in seinem zweiten Länderspiel zunächst wenig zu tun, verursachte dann in der 30. Minute einen Foulelfmeter und wurde des Feldes verwiesen. Geht als erster Nationaltorwart mit einer Roten Karte in die Länderspielgeschichte ein. Note: 5

   

Jerome Boateng

Rückte nach dem Hummels-Ausfall in die Innenverteidigung, wo er sich sichtbar wohler als auf der rechten Seite fühlt. Note: 5

Holger Badstuber

Nicht immer im Bilde. Offenbarte Mängel im Stellungsspiel und hatte zudem oft in der Luft das Nachsehen. Note: 5

   

Mats Hummels

Musste nach 24 Minuten verletzt das Feld verlassen. Der Dortmunder hatte sich elf Minuten zuvor bei einem Zweikampf mit Higuain eine Halswirbelverrenkung zugezogen und war anschließend nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte. ohne Note

Marcel Schmelzer

Einmal mehr in der Nationalelf ein Schatten seiner selbst. Kann seine guten Leistungen bei Borussia Dortmund in Länderspielen nicht bestätigen. Note: 5

 

Lars Bender

Der Leverkusener agierte im defensiven Mittelfeld, spielte unauffällig, aber effektiv. Vergab in der fünften Minute nach Reus-Zuspiel eine gute Chance. Note: 4

Sami Khedira

Unglücksrabe des Spiels. Zeigte im defensiven Mittelfeld eine starke Leistung, lenkte den Ball aber kurz vor der Pause nach einer scharfen Ecke von Di Maria zum 0:1 ins eigene Netz. Note: 4

   

Thomas Müller

Einige gute Ansätze. Aber seine Aktionen verpufften zumeist wie schon bei der EM. Muss weiterhin um seinen Stammplatz bangen. Wurde nach Zielers Roter Karte gegen ter Stegen ausgewechselt. ohne Note

Mesut Özil

Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels. Setzte seine Nebenleute gut in Szene und hatte selbst zu Beginn eine gute Chance. Pech dass sein vermeintliches 1:1 kurz nach der Pause wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannt wurde. Note: 4

   

Marco Reus

Bewies eindrucksvoll, warum er zum "Fußballer des Jahres" gewählt wurde. Mit Abstand bester Akteur der Gastgeber. Sprühte vor Spielfreude, hatte viele starke Aktionen und in der 50. Minute Pech bei einem Pfostenschuss. Note: 3

Miroslav Klose

Der Ersatzkapitän überzeugte als Vorbereiter, kam selbst aber selbst nur selten zum Abschluss. Machte in der 62. Platz für Schürrle. Note: 4

   

Benedikt Höwedes

Der Schalker kam nach 25 Minuten für Hummels, spielte aber in der Viererkette auf der rechten Seite. Machte defensiv seine Sache ordentlich und konnte zudem im neunten Spiel seinen ersten Treffer in der Nationalelf feiern. Note: 4

Marc-Andre ter Stegen

In seinem zweiten Länderspiel parierte der Gladbacher Keeper Sekunden nach seiner Einwechslung den Foulelfmeter von Weltfußballer Lionel Messi. Konnte auch anschließend einige Male seine Klasse unter Beweis stellen, sah allerdings beim 0:3 nicht gut aus. Dennoch besser als bei seiner Länderspielpremiere vor der EM beim 3:5 gegen die Schweiz in Basel, wo er einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte. Note: 3

Andre Schürrle

Kam in der 62. Minute für Klose und konnte noch mit zwei, drei guten Aktionen auf sich aufmerksam machen. ohne Note

Ilkay Gündogan

Konnte in der Schlussphase auf der Khedira-Position nicht mehr viel ausrichten. ohne Note

Toni Kroos

Ersetzte in der 69. Minute Özil, hatte aber keine Gelegenheit mehr, sich auszuzeichnen. ohne Note

Mario Götze

Unterstrich wenige Minuten nach seiner Einwechslung seine Klasse, als er gekonnt das 1:3 von Höwedes vorbereitete. ohne Note

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