06.08.12

Terror im Tempel

Der Hass auf Andersdenkende als Mordmotiv

Die Suche nach dem Tatmotiv nach dem Angriff auf den Sikh-Tempel geht weiter. Der Angreifer tötete sechs Gläubige und starb im Schusswechsel mit der Polizei. Es wird Hass auf Muslime vermutet.

Quelle: Reuters
06.08.12 1:02 min.
Im Bundesstaat Wisconsin gibt es nach einem bewaffneten Anschlag sieben Tote, darunter den mutmaßlichen Schützen. Die Polizei stufte die Schießerei als einen Fall von "Inlandsterrorismus" ein.

Amardeep Kaleka war schockiert, als er am Sonntagvormittag einen Anruf von seinem Onkel bekam: Im Sikh-Tempel in Oak-Creek habe es gerade eine schreckliche Bluttat gegeben, mehrere Menschen seien erschossen worden. Der junge Mann ahnte sofort Schlimmes. Sein Vater Satwant Kaleka leitete die Gemeinde in dem Vorort von Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin.

Amardeep rief die Handynummer des Vaters an, und für einen Moment fühlte er Erleichterung, als der Anruf angenommen wurde. Aber nicht der Vater war am Telefon, sondern ein Priester, der aufgeregt fragte: "Wo sind die Rettungswagen? Warum sind die Rettungswagen noch nicht da?"

Ob auch seinem Vater etwas geschehen sei, fragte Amardeep zurück. Die Antwort: Ja, Satwant liege zu seinen Füßen. "Er liegt auf dem Boden, er blutet aus dem Rücken. So heftig, dass ich es nicht stoppen kann."

Täter unehrenhaft aus Armee entlassen

Satwant Kaleka, der Präsident der Sikh-Gemeinde, gehört zu den sechs Opfern von Wade Michael Page, dem erbarmungslosen Attentäter, der offenkundig vom Hass auf "Andersdenkende" und Menschen getrieben wurde, die er als "Fremde" empfand. Zeugen berichten, dass der unbewaffnete Satwant dem mit einer halbautomatischen 9-mm-Pistole um sich schießenden Mörder mutig entgegen getreten war, um ihn zu stoppen. Der Sikh-Geistliche wurde von mehreren Schüssen aus nächster Nähe getroffen.

Ein über den Notruf von Gemeindemitgliedern alarmierter Polizist erschoss den 40-jährigen Täter schließlich nach mehreren vergeblichen Aufforderungen, sich zu ergeben. Der 1998 in Unehren aus der US-Army entlassene Täter hatte zudem drei Menschen schwer verwundet, darunter einen weiteren zum Tatort gerufenen Polizisten.

Als Akt von "heimischem Terrorismus" werten die Justizbehörden den Amoklauf, der sich gegen 10.30 Uhr vormittags (Ortszeit) ereignet hatte und Amerika nur rund zwei Wochen nach dem Massaker in einem Kino in Aurora erneut schockiert.

Spekuliert wird, dass Page die Sikhs fälschlich für Muslime hielt, die er möglicherweise pauschal für den Terrorschlag vom 11. September 2001 verantwortlich machte. Der mit einem weißen T-Shirt und schwarzer Hose bekleidete, etwa 1,80 Meter große Täter soll eine auffällige Tätowierung zur Erinnerung an 9/11 getragen haben.

"Weiße Überlegenheit"

Seine Tat wird als sogenanntes "Hassverbrechen" gesehen, das auf die Vorstellung einer "weißen Überlegenheit" (white Supremacy) gegenüber anderen Ethnien oder Religionen gründet. Sikh-Vertreter haben nach 9/11 zahlreiche Anfeindungen erlebt, weil sie oft für Muslime gehalten werden. Page handelte nach bisherigen Erkenntnissen als Einzeltäter. Die halbautomatische Pistole soll er legal erworben haben. Wisconsin ist einer der US-Staaten mit den liberalsten Waffengesetzen.

Harpreet Singh, ein Neffe des erschossenen Satwant Kaleka, sagte, der Täter habe ohne jede Vorwarnung gehandelt. "Er hat nichts gesagt, er begann einfach zu schießen." Page begann seinen Amoklauf während des sonntäglichen Gottesdienstes in der Parkanlage vor dem 2007 errichteten Tempel. Dort soll er mindestens eine Person erschossen haben. Er drang anschließend in das Gebäude ein, wo er fünf weitere Menschen ermordete. Die Opfer waren nach ersten Angaben zwischen Ende 20 und über 70 Jahre alt.

Nach den ersten Schüssen entstand eine Panik. Einige Menschen flohen nach außen, andere rannten in den Keller des Gebäudes oder in eine angrenzende Küche, wo Speisen für ein geplantes Gemeindemahl vorbreitet wurden. Die meisten aber duckten sich lediglich auf den Boden oder in Ecken. Viele nahmen sich gegenseitig in den Arm.

Page lebte in der Ortschaft Cudahy in der Nähe des Sikh-Tempels. Eine Nachbarin, April Reyna, sagte, sie sei Page ein oder zweimal begegnet. Er habe jeweils ihren Gruß erwidert und einen "freundlichen und ruhigen" Eindruck gemacht.

Turban ist Markenzeichen der Sikh

In den USA leben zwischen 500.000 und 750.000 Sikhs. In Wisconsin werden 2500 bis 3000 Familien dieser monotheistischen Religion zugerechnet. Die Gemeinde in Oak Creek wurde 1997 von zunächst 25 Familien gegründet. Mit weltweit etwa 27 Millionen Anhängern ist die Sikh-Religion die fünfgrößte Glaubensgemeinschaft der Welt. Sie entstand im 15. Jahrhundert in Indien, wo auch heute noch ihr Zentrum ist.

Zum Sikh-Glauben gehören die Überzeugung eines ganzheitlichen Lebens, in dem alle Menschen gleichermaßen zu achten und Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Spiritualität, die Überwindung des Egoismus und das Streben, anderen ein gutes Beispiel zu geben, auch durch Erfolg im Beruf und ehrlich erworbenen Wohlstand, gehören zu den formalen Zielen.

Äußerliches Kennzeichen vor allem der Sikh-Männer ist der Turban, mit dem das auf Ehrfurcht von der göttlichen Schöpfung ungeschnittene Haar gebändigt wird. Ein häufig getragener Dolch soll Sikhs mahnen, Arme und Schwache zu verteidigen. Nach der Teilung Indiens gab es blutige Zusammenstöße zwischen Muslimen und Sikhs. In Pakistan haben die islamistischen Taliban auch die Sikh-Minderheit wiederholt attackiert.

Präsident Barack Obama verurteilte die Tat und erklärte, die Sikhs hätten die USA "bereichert" als "Teil unser breiteren amerikanischen Familie". Auch sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney sprach von einer "sinnlosen Tat".

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