21.07.12

Aurora-Massaker

Im Century-Kino spielte sich ein Drama ab

Sie starben, weil sie die "Batman"-Premiere sehen wollten. Beim Amoklauf von Aurora kam es im Century-Kino zu tragischen Szenen. Amerika trauert und gedenkt der Opfer.

Foto: REUTERS

In Aurora (Colorado) bringen Menschen ihre Bestürzung zum Ausdruck, sie trauern mit Kerzen und US-Fahnen um die Opfer der Tragödie.

9 Bilder

Freitag, 0.38 Uhr. Seit wenigen Minuten läuft der neue "Batman"-Film "The Dark Knight Rises" in der Mitternachtsvorstellung im Century-Kino im Zentrum von Aurora, Colorado. Durch den Notausgang tritt ein maskierter Mann in den Saal Nr. 9 ein, wirft einen Gaskanister in den Raum und feuert mitleidlos in die Menge.

Der Amokläufer, der zwölf Menschen tötete und 58 verletzte, ist bekannt. Von ihm soll in dieser Geschichte erst am Ende die Rede sein. Hier geht es um einige Überlebende und vor allem um die Opfer, deren Namen früh vergessen werden, während die Täter derartiger Massaker viel zu oft jenen Ruhm ernten, den sich ihre kranken Hirne erhoffen.

Traurige Gewissheit nach 19 Stunden

Da war Micayla Medek, 23 Jahre jung, eine Angestellte in einem Schnellrestaurant der "Subway"-Kette. Die fröhliche Frau war eine begeisterte Tänzerin und sie hatte einen großen Freundeskreis. Mit zehn Leuten aus ihrer Clique hatte Micayla diese Premieren-Vorstellung des "Batman"-Filmes besucht.

Sie wurde im Kugelhagel getroffen und ins Krankenhaus transportiert. Freunde informierten nach der Bluttat die Eltern in Milwaukee, Michigan. Ihre Schwester Amanda telefonierte die Krankenhäuser in Aurora und im 20 Kilometer östlich gelegenen Denver, der Hauptstadt von Colorado, ab. Aber erst nach 19 schrecklichen Stunden des Wartens kam die noch schlimmere Bestätigung: Micayla war ihren Verletzungen erlegen. Ihre Tante Jenny Zakovich sagt dennoch: "Ich fühle auch mit der Familie des Schützen. Wir machen ihnen keine Vorwürfe."

Spielte der Täter "Joker" nach?

Die Schüsse kamen aus einer Smith & Wesson AR-15, einer Pumpgun Remington 870 und einer Glock-Pistole, Kaliber 40. Eine weitere Glock stellte die Polizei im Hyundai des Täters sicher, der hinter dem Kino geparkt war. Dort ließ sich der Schütze festnehmen. Angeblich hatte er sich die Haare rot gefärbt. Den Polizisten sagte er, er sei "Joker", Batmans böser Gegenspieler.

Brent Lowak gehört zu den Überlebenden des Massakers. Der 27-jährige war mit Jessica, einer Freundin, im Kino. Von Jessica wird noch zu reden sein. Brent nahm kurz nach Beginn des Filmes wahr, dass ein Gegenstand in den Kinosaal geworfen wurde, offenkundig der Gaskanister, und er hörte ein zischendes Geräusch. Dann knallten die Kugeln.

"Wie in einem Horrorfilm"

Brent und Jessica warfen sich in die Sitzreihe auf den Boden. Jemand müsse 911, den Polizeinotruf, alarmieren, rief Jessica. Das versuchten viele der Besucher, auch Brent griff nach seinem Handy. Dann hörte er Jessica vor Schmerzen schreien, sie war am Bein getroffen.

Der Täter, ausgestattet mit Gasmaske und kugelsicherer Weste, setzte das Massaker mitleidlos fort, es war eine Szene "wie direkt aus einem Horrorfilm", sagt Chris Ramos, ein anderer Überlebender. "Er schoss wirklich auf jeden, wie bei einer Jagdsaison."

Erst das Ticket, dann der Massenmord

Der Schütze, zunächst unauffällig gekleidet, hatte ein Ticket für die Vorführung gekauft, sich in den Saal gesetzt und nach knapp einer halben Stunde das Kino durch den Notausgang verlassen. Die Tür blockierte er so, dass er sie von außen aufstoßen konnte. Aus dem Auto holte er seine Ausrüstung und die Waffen und kehrte zurück, um seinen Massenmord zu beginnen.

Brent versuchte Jessicas Wunde mit der Hand abzupressen und die Freundin zu beruhigen. Dann wurde er selbst von Kugeln an den Beinen getroffen. Und Jessica war plötzlich still, hatte aufgehört zu schreien. Sie war tot.

Jessica Ghawis tragische Story

Die 25-jährige Jessica Ghawi aus Denver ist zum Gesicht des Amoklaufs von Aurora geworden. Ihr Bruder Jordan hat die tragische Geschichte der angehenden Sportjournalistin gleich nach der Tat getwittert und in Interviews erzählt. "Ich will, dass wir uns an Jessica und über die anderen Opfer erinnern", sagt Jordan, "und nicht an den Schützen".

Seine Schwester, die unter dem Pseudonym Jessica Redfield für einen Radiosender vor allem über das von ihr geliebte Eishockey schrieb, war nur sechs Wochen zuvor einer ähnlichen Wahnsinnstat knapp entgangen. In einem Einkaufszentrum im kanadischen Toronto starben zwei Menschen, und fünf wurden verletzt, als bei einem Streit zwischen Gangs ein Krimineller um sich zu schießen begann. Wegen eines "eigentümlichen Gefühls" hatte Jessica unmittelbar zuvor das Einkaufszentrum verlassen.

"Ich kann dieses eigentümliche Gefühl nicht aus meiner Brust bekommen. Dieses leere, fast ekelhafte Gefühl will nicht weggehen", schrieb die junge Frau anschließend in ihrem Internet-Blog. "Ich bemerkte dieses Gefühl, als ich im Eaton Center in Toronto war, nur wenige Sekunden, bevor jemand im Restaurant-Bereich zu schießen begann.

"Jeder Tag ist wertvoll"

Ein eigentümliches Gefühl ließ mich hinausgehen und unwissend dem Unheil ausweichen. Es ist schwer für mich zu begreifen, dass ein seltsames Gefühl mich davor bewahrte, mitten in einer tödlichen Schießerei zu landen".

Die Schießerei in Toronto habe sie begreifen lassen, "dass jeder Tag wertvoll ist", schrieb Jessica weiter. "Mir wurde die Zerbrechlichkeit des Lebens gezeigt. Ich sah den Schrecken in den Gesichtern der Anwesenden. Ich sah die Opfer eines sinnlosen Verbrechens. Ich wurde daran erinnert, dass wir nicht wissen, wann oder wo unsere Zeit auf Erden endet. Wann oder wo wir unseren letzten Atemzug tun."

Jessica tat ihren letzten Atemzug am Freitag auf dem Boden eines Kinosaals, gekauert hinter Zuschauersitze, neben einem Freund, der sie vergeblich zu retten versuchte. Andere hatten Glück. Ein junges Ehepaar brachte sein Baby, das während des Films in den Armen der Mutter geschlafen hatte, unverletzt aus dem Kino. Matt McQuinn hingegen starb, als er seine Freundin Samantha mit seinem Körper vor den Kugeln abzuschirmen versuchte.

Intelligent, nett, zurückhaltend

Es bleibt über den Täter zu berichten: James Eagan Holmes, 24, ein angehender Neurowissenschaftler und ehemaliger Doktorand an der Universität von Colorado. Im Juni hatte der als intelligent und nett, aber extrem zurückhaltend beschriebene junge Mann sein Studium abgebrochen. Gründe dafür sind nicht bekannt. Seine Waffen hatte Holmes in den vergangenen Wochen legal erworben.

Ein Motiv für seinen Amoklauf gab der bislang gänzlich unauffällige Holmes nicht an. Er verlangte nach seiner Festnahme einen Rechtsanwalt. Am Montag soll er vernommen werden.

"Sie haben die richtige Person"

Der Polizei sagte der aus dem kalifornischen San Diego stammende nur, dass er seine Wohnung mit Sprengstoff präpariert habe. Bis zum Samstagvormittag (Ortszeit) waren die Beamten nicht in der Lage, sicheren Zugang in das verdrahtete und mit mutmaßlich explosiven Flüssigkeiten ausstaffierte Appartement zu finden.

Ein Journalist des Fernsehsenders ABC spürte die Mutter des Täters schneller als die Polizei telefonisch in San Diego auf. "Sie haben die richtige Person", sagte die Mutter, offenkundig instinktiv. "Ich muss die Polizei anrufen... – ich muss nach Colorado fliegen."

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    Quelle: dpa

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