20.07.2012, 09:44

Uni-Klinik Göttingen Reiche Patienten bei Transplantation bevorzugt?

Lebertransplantation

Foto: www.dbutzmann.de

Lebertransplantation Foto: www.dbutzmann.de

An der Universitätsklinik Göttingen sollen gegen Geldzahlungen schneller Lebertransplantationen zugeteilt worden sein – in mehr als zwei Dutzend Fällen. Dafür wurden angeblich Krankenakten gefälscht.

Der Transplantationsskandal an der Göttinger Universitätsklinik hat offenbar ein viel größeres Ausmaß als bislang bekannt. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, fälschten Mediziner in Göttingen offenbar Krankenakten, um ausgewählten Patienten eine Spenderleber zu verschaffen. Ermittlungen hätten ergeben, dass jeweils Dialyseprotokolle gefälscht oder frei erfunden und Laborwerte manipuliert worden seien. Es gehe dabei um mehr als zwei Dutzend Fälle.

Dem Bericht zufolge machte der verantwortliche Arzt Patienten "auf dem Papier kränker, als sie waren". Damit seien sie auf der Warteliste nach oben gerückt und hätten von der internationalen Vermittlungsstelle Eurotransplant, in der Deutschland und sieben weitere europäische Länder zusammengeschlossen sind, bevorzugt ein Spenderorgan zugeteilt bekommen. Patienten, die eigentlich an der Reihe gewesen wären, hätten demzufolge länger als nötig warten müssen.

Hohe Geldzahlung

Im Juni waren Vorwürfe gegen einen früheren Oberarzt bekannt geworden, der 2008 von Regensburg an die Göttinger Universitätsklinik gewechselt war. Er soll dort 2011 einen ausländischen Patienten gegen eine hohe Geldzahlung bei einer Lebertransplantation bevorzugt haben. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen den Mediziner sowie gegen den Patienten wegen Bestechlichkeit beziehungsweise Bestechung.

Auch gegen zwei Mitarbeiter eines Unternehmens für medizinische Dienstleistungen aus Nordrhein-Westfalen wird in dem Zusammenhang ermittelt.

Mehrere Akten manipuliert

Der Arzt soll dem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge auf mehreren Wegen Akten manipuliert haben. So seien Leberkranken auch noch Nierenprobleme angedichtet worden, weshalb diese angeblich auf Dialysen angewiesen seien. Aber auch Laborwerte wie die Blutgerinnungsneigung und der Kreatininwert, der ebenfalls ein Indikator für den Zustand der Nieren ist, seien gefälscht worden.

Dem Zeitungsbericht zufolge halten es Fachleute für ausgeschlossen, dass an den Machenschaften nur ein Arzt beteiligt war. "Es ist sicher, dass das nicht eine Person allein war", zitiert das Blatt den Hallenser Strafrechtsprofessor Hans Lilie.

Die Deutsche Transplantationsgesellschaft hat mit Bestürzung auf die Fälschungsvorwürfe reagiert. Mit großer Sorge und Betroffenheit verfolgten der Vorstand und alle Mitglieder der Deutschen Transplantationsgesellschaft die Aufklärung der Vorgänge um die Lebertransplantationen am Uniklinikum Göttingen.

Der Vorstand der Gesellschaft habe beschlossen, dass sich die deutschen Lebertransplantationszentren künftig freiwillig unangekündigten Kontrollen unterziehen wollten.

(dapd/dpa/cl)
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