10.07.12

Vatikan vs "Titanic"

Der Papst geht zu Recht gegen die Pipi-Satire vor

Wer sich über die Reaktion des Vatikans auf das Titelbild der "Titanic" mokiert, verkennt die religiösen Gefühle von Millionen Gläubigen. Sie müssen sich nicht im Namen der Toleranz verhöhnen lassen.

Foto: titanic-magazin.de / pa
„Titanic“-Titel
Wer sich über die Reaktion des Vatikans auf das Titelbild der "Titanic" mokiert, verkennt die religiösen Gefühle von Millionen Gläubigen. Sie müssen sich nicht im Namen der Toleranz verhöhnen lassen.

Die katholische Kirche steht in dem Ruf, wenig Humor zu haben. In Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" geht es um verknöcherte alte Mönche, die lieber in den Tod gehen und ihre alte Abtei in Brand setzen, als dass in der Christenheit ein Theoriewerk des Aristoteles über die Komödie in Umlauf kommt. "Das Lachen ist ein teuflischer Wind", lässt Eco seinen fanatisierten (und bezeichnenderweise blinden) Bibliothekar Jorge von Burgos sagen. "Christus hat nie gelacht."

Man könnte sich also auf den Standpunkt stellen und sagen, der Vatikan beweise mal wieder seine besondere Affinität zu mittelalterlichen Ansichten, wenn er sich, wie am Dienstag bekannt wurde, vor Gericht gegen ein deutsches Satiremagazin wehrt. Die "Titanic" hat in ihrer aktuellen Ausgabe eine Fotomontage auf die Titelseite gehoben, die die Vatileaks-Affäre aufgreift. Sie zeigt Papst Benedikt XVI. mit einem Urinfleck vorne auf der Soutane, dazu die Überschrift "Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!". Auf der Rückseite des Magazins ist eine weiteres Bild zu sehen, auf dem der Papst hinten einen Kotfleck hat. Überschrift: "Noch eine undichte Stelle gefunden!"

Der Vatikan hatte sich bei der "Titanic" beschwert und sie zunächst aufgefordert, eine Unterlassungserklärung abzugeben. Als das ausblieb, zog das Vatikanische Staatssekretariat vor das Hamburger Landgericht. Das hat jetzt per Einstweiliger Verfügung untersagt, das Heft weiter zu verbreiten.

Man muss kein Prophet sein, um die Reaktionen auf diese Entscheidung vorauszusagen: Es wird viele Stimmen geben (und es gibt sie in manchen Internet-Kommentaren bereits), die sagen: Wie kann der Papst so dumm sein, mit solch einem Gerichtsverfahren diese peinliche Pipi-Affäre erst recht bekannt zu machen? Und überhaupt: Typisch, diese intolerante Kirche, die kann freie Meinungsäußerung nicht ertragen und will zurück zur Gedankenkontrolle des Mittelalters! Warum kann der Papst nicht einfach mal mitlachen?

Doch wer so argumentiert, verkennt nicht nur das Selbstverständnis des Papsttums, sondern ignoriert auch die religiösen Gefühle von Katholiken (von denen es weltweit mehr als eine Milliarde gibt, Tendenz steigend). Vielen Christen ist es nicht egal, wenn ihre Religion ins Lächerliche gezogen wird. Deshalb bedeuten Aufklärung und Meinungsfreiheit nicht, dass kirchliche Würdenträger moralisch dazu verpflichtet sind, Schmähungen und Verhöhnungen über sich ergehen zu lassen.

Sie haben im Gegenteil auch eine Verantwortung ihrem Amt gegenüber und müssen darauf achten, dass das Ansehen dieses Amtes nicht in unzumutbarer Weise beschädigt wird. Wo die Grenze der Zumutbarkeit verläuft, entscheidet im Streitfall ein Gericht – und das hat in diesem Fall dem Papst Recht gegeben. Auch von selbsternannten Toleranzpredigern, die in ihm einen mächtigen Gegner sehen, darf der Papst erwarten, dass sie das Urteil respektieren.

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