08.07.12

Freundschaftsjubiläum

Die heftigen Böen über "chère Angela" und Hollande

Merkel und Hollande feiern das deutsch-französische Jubiläum in Zeiten großer Spannungen. Beide beschwören den Geist der Freundschaft. Nur das Wetter brachte etwas Lockerheit in die steife Atmosphäre.

Quelle: Reuters
08.07.12 2:21 min.
Küsschen gab's zum 50-Jährigen Jubiläum der Deutsch-Französische Freundschaft. Im französischen Reims haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande gefeiert.

Mit der deutsch-französischen Freundschaft ist es momentan wie mit dem Sommer: Man hat den Verdacht, dass sie möglicherweise schon vorbei ist, hofft aber noch, dass sie sich erholt. Der Festkalender bietet immerhin reichlich Gelegenheit, die Anfahrschwierigkeiten zu überwinden, die der neu zusammengeschraubte deutsch-französische Motor an den Tag legt.

Am Sonntag etwa ließ es sich nicht vermeiden, dass sich die Bundeskanzlerin und Frankreichs Präsident in Reims trafen, denn eben dort hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor einem halben Jahrhundert bei einem Versöhnungsgottesdienst den Grundstein für die deutsch-französische Freundschaft gelegt.

Der 8. Juli 1962 war ein strahlender Sommertag gewesen. 50 Jahre danach dräuten über der Kathedrale finstere Wolken und luden die Berichterstatter zur Verwendung tief drückender Wettermetaphern geradezu ein. Nicht zuletzt hatte François Hollande dafür gesorgt, dass die Vorfreude auf das Freundschaftsfest etwas gedämpft ausfiel.

Kriegsgräber geschändet

Am Samstag hatte der Sozialist in der Regionalzeitung "L'Union" aufs Neue durchblicken lassen, dass die Zeiten der privilegierten Partnerschaft zwischen Berlin und Paris fürs Erste der Vergangenheit angehören könnten: "Wir dürfen unsere Beziehung nicht wie ein Direktorium gestalten, das dafür sorgt, dass Deutschland und Frankreich allein für Europa entscheiden."

Das klang wie eine Absage an die Idee der deutsch-französischen Achse. Hollande verblüffte zudem mit der Aussage, Angela Merkel teile seinen Ansatz, "damit wir andere Länder an unserem Vorgehen beteiligen können und dafür sorgen, dass die europäischen Institutionen so weit wie möglich beteiligt sind".

Diese Methode erkläre "den Erfolg des letzten Gipfels". Das dürfte die deutsche Kanzlerin etwas anders erlebt haben, als sie sich in Brüssel am Donnerstag vor zehn Tagen einer von Hollande geschmiedeten Südallianz gegenübersah.

Zu allem Überfluss hatten Unbekannte am Samstag in Saint-Etienne-à-Arnes in den Ardennen auf einem Soldatenfriedhof 51 deutsche Kriegsgräber aus dem Ersten Weltkrieg geschändet. Den Akt verurteilte Hollande umgehend: Keine noch so dunkle Macht könne "die tiefe Bewegung der deutsch-französischen Freundschaft verändern".

Heftige Böen und Schauer

Unter lebhaften Regenschauern empfing Hollande Merkel schließlich um elf Uhr mit militärischen Ehren vor der Kathedrale, die im Ersten Weltkrieg von deutschen Geschossen stark zerstört worden war.

Ein wenig erinnerten der Präsident und die Kanzlerin an ein Hochzeitspaar unmittelbar vor der Zwangsheirat, als sie den Mittelgang der Kirche dann Richtung Altar nebeneinander hinunterschritten. Erzbischof Thierry Jordan pries in seiner kurzen auf Französisch und Deutsch gehaltenen Ansprache die historische Leistung von Adenauer und de Gaulle.

Deutsche und französische Musiker trugen den anrührenden Schlusssatz aus Bachs "Johannespassion" vor. Anschließend besichtigten Merkel und Hollande die neuen Fenster der Kathedrale, die der deutsche Künstler Imi Knoebel geschaffen hat.

Nebenan im Palais du Tau warfen sie dann einen raschen Blick in eine Ausstellung über ihre Ahnherren Adenauer und de Gaulle. Als sie schließlich vor die Kathedrale traten, begrüßte der Himmel sie mit Böen und heftigen Schauern.

Hollande zitiert de Gaulle

Hollande witzelte, bei so einem Wetter würden echte Freundschaften geschmiedet. Angela Merkel lächelte und trug jene Frisur, die einst ein Autovermieter in einer Cabrio-Reklame für sie erfunden hatte. Hollande begrüßte die "chère Angela" mit Sätzen, die der General de Gaulle nach dem Versöhnungsgottesdienst mit Adenauer gesprochen hatte: Mit der deutsch-französischen Aussöhnung sei nicht bloß eine neue Seite aufgeschlagen, sondern eine "neue Tür" geöffnet worden.

Nun wolle er der Frau Bundeskanzlerin vorschlagen, ebenfalls "eine neue Tür" zu durchschreiten. Denn "Freundschaft" müsse gelebt und "erneuert" werden, sagte Hollande. Nachdem Europa mit Figuren wie Adenauer und de Gaulle den "Wiederaufbau" gemeistert habe, befinde es sich nun in einer Phase des "Übergangs".

Die gemeinsame Währung müsse verteidigt werden. "Europa erlebt eine Prüfung, und es wird nicht die letzte gewesen sein", sagte Hollande, bevor er die Beschlüsse des Brüsseler Gipfels lobte. Die gemeinsame Bankenaufsicht und die Finanztransaktionssteuer seien Bestandteile jener "solidarischen Integration", die ihm vorschwebe.

Termine der deutsch-französischen Freundschaft

Die Kanzlerin lächelte da tapfer. Die Qualität der Beziehung sei entscheidend, versicherte Hollande und rief die Termine ins Gedächtnis, an denen die deutsch-französische Freundschaft in den kommenden Monaten ungeachtet aller Unstimmigkeiten gefeiert wird: Am 22. September gedenken Merkel und Hollande in Ludwigsburg des 50. Jahrestages der Rede, die Charles de Gaulles dort vor dem Schloss an die deutsche Jugend richtete. Im Januar dann wird das Jubiläum des Elysée-Vertrages in Berlin begangen. Das seien exzellente Gelegenheiten, die "schöne deutsch-französische Freundschaft" zu feiern.

Nun sind solche Festakte ja durchaus performativ, selbst wenn die Stimmung vorher eher dürftig war, stellen sie stets auch jene Freundschaft wieder her, die gerade ein wenig zu verblassen droht.

Dieser Effekt war am Sonntag auch in Reims zu beobachten. Angela Merkel skizzierte in einer für ihre rhetorischen Verhältnisse recht flotten Rede noch einmal den weiten Weg, den Deutsche und Franzosen – nach der Beschießung der Kathedrale von Reims durch deutsche Truppen im Ersten Weltkrieg und den deutschen Verbrechen im Zweiten – mittlerweile gemeinsam gegangen sind.

Diese Freundschaft sei "alles andere als selbstverständlich", sagte die Kanzlerin. Doch de Gaulle und Adenauer hätten gewusst, dass es "gerade in schwerer Zeit" notwendig sei zusammenzustehen.

"Vive l'amitié franco-allemande"

Das konnte man nicht nur als historische Referenz, sondern durchaus auch als freundliche Ermunterung an François Hollande verstehen. Es war aber auch schon die einzige potenzielle Spitze in dieser Rede.

Ansonsten betonte Merkel die Gemeinsamkeiten, pflichtete Hollande sogar darin bei, dass das deutsch-französische Verhältnis keineswegs ein "exklusives" sei: "Wir schließen niemanden aus und laden alle ein, eine starke Europäische Union zu bauen." Dabei handele es sich allerdings um eine "Herkulesaufgabe", sagte die Kanzlerin.

Als Angela Merkel ans Ende ihrer Rede gelangte, hatten sich die Regenschauer seltsamerweise verzogen. Der Himmel war blau, die Sonne lachte. "Vive l'amitié franco-allemande", rief die Kanzlerin, und die Menge jubelte.

Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten nahm sie ein Bad in der freundlichen Menge, bevor es zum Mittagessen ins Rathaus von Reims ging. Das Gespräch, so teilte ein Elysée-Mitarbeiter danach grinsend mit, habe sogar eine Dreiviertelstunde länger gedauert als geplant. Ein eindeutiges Zeichen, dass die deutsch-französischen Beziehungen "tief und warmherzig" seien. Es war nicht klar, ob diese Aussage ironisch gemeint war.

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