05.07.12

Hochsprung-Star

Ariane Friedrich, der schrill kolorierte Härtefall

Die Olympianominierung Friedrichs löst heftige Kritik aus. Hochsprunglegende Nasse-Meyfarth hofft, "dass weniger schrill kolorierte Haare als vielmehr Leistungen die Wildcard rechtfertigen".

Die Worte des Chefs klangen überzeugend. "Wir sind voller Optimismus und Vertrauen in unsere Mannschaft", sagte Thomas Bach nach der letzten Nominierungsrunde für die Olympischen Spiele. "Wir sind sehr, sehr zuversichtlich, dass wir den Maßstab von Peking erreichen können."

Helfen soll dabei auch ein besonderer Härtefall, zumindest der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) traut Ariane Friedrich in London einiges zu. Die Hochspringerin mit den auffallend gefärbten Haaren und dem Hang zu großen Inszenierungen hatte die A-Norm für die Olympischen Spiele zwar verfehlt, aber der DOSB nominierte sie neben 388 weiteren Athleten dennoch für das weltgrößte Sportspektakel. "Sie ist ein Wettkampftyp mit dem unbedingten Willen, gut abzuschneiden", sagte Bach.

Den lobenden Worten zum Trotz löste die Nominierung der 28 Jahre alten Hochspringerin Kritik an der Vergabepraxis des DOSB aus. Friedrich hatte zwar zweimal die B-Norm von 1,92 Meter erfüllt, war aber an der geforderten A-Norm von 1,95 Meter mehrmals gescheitert. Zuletzt musste sie ihre Teilnahme an der EM in Helsinki und einem Hochsprungmeeting in Eberstadt wegen eines Magen-Darm-Infekts absagen. Sportlich war sie trotz ihres deutschen Meistertitels (1,87 Meter) mithin nicht für London qualifiziert, profitierte aber wie die gleichsam als Härtefälle nominierten Matthias de Zordo (Speerwurf) und Ralf Bartels (Kugelstoßen) von früheren Erfolgen wie WM-Platz drei 2009 in Berlin und EM-Bronze 2010 in Barcelona.

"Sie hat bis heute keine Leistung gebracht"

Zu unrecht, wie einige in der Leichtathletikbranche finden. "Ich habe kein Verständnis für die Nominierung von Ariane Friedrich. Nach ihrem dritten Platz bei den Europameisterschaften 2010 hat sie bis heute keine Leistung gebracht und so auch die Qualifikationshöhe von 1,95 Meter für London nicht geschafft", monierte Ulrike Nasse-Meyfarth, die zweimalige Hochsprung-Olympiasiegerin (1972 und 1984). Sie könne dem DOSB, dem Leichtathletikverband und Friedrich "nur wünschen, dass weniger schrill colorierte Haare als vielmehr Leistungen die Wildcard rechtfertigen und Farbe in den Hochsprung der Frauen bringen".

Eine Einschätzung, die sie im Lager von Friedrich registriert haben – und der sie widersprechen. Günter Eisinger, Trainer und Mentor von Friedrich, sagte der Berliner Morgenpost: "Was für andere gilt, sollte auch für Ariane gelten. Ariane hat zweimal die geforderte B-Norm von 1,92 Meter erzielt, unter anderem in Turin gegen Weltklasseathleten und bei Regen und Kälte. Zumindest diesen Anspruch hat sie also erfüllt. Wobei ganz klar ist: Unser gemeinsamer Anspruch ist höher gewesen, nämlich 1,95 Meter plus x. Das hat nicht hingehauen. Leider."

Seine Athletin wolle nun zeigen, dass sie mehr draufhabe. "Ihr erklärtes Ziel ist es, nicht bloß nach London zu fahren, um teilzunehmen, sondern zunächst ins Finale der besten Zwölf zu kommen. Von einer Medaille zu sprechen, wäre in der jetzigen Situation völlig verkehrt", so Eisinger. "Letztlich hat jeder das Recht, sich seine Meinung zu bilden."

Olympiateilnahme durchs Hintertürchen

Die Olympiateilnahme durchs Hintertürchen ist die zweite Kontroverse, die Friedrich in diesem Jahr entfacht hat. Im April hatte sie auf ihrer Facebookseite den vollen Namen und Wohnort eines Mannes veröffentlicht, der ihr eine anzügliche E-Mail mit angehängtem Foto geschickt haben soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Mann, die Sportlerin musste sich dennoch Vorwürfe der Selbstjustiz gefallen lassen. Friedrichs Konzentration jedenfalls störte die Causa in der Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt durchaus. Dabei hatte sie nach einem Achillessehnenriss im Dezember 2010 in diesem Jahr richtig durchstarten wollen.

Schon vor dem Fall Friedrich hat es in der Geschichte der Olympianominierungen einige Härtefälle gegeben. 2004 wies der DOSB gleich sieben Antragsteller ab, darunter auch Bahnradfahrer Daniel Becke, der in Athen nicht wie vier Jahre zuvor in Sydney Gold gewinnen konnte (Vierer). 2008 erhielt auch Tennisprofi Rainer Schüttler keine Wildcard für Peking, obwohl er es zuvor bis ins Halbfinale von Wimbledon geschafft hatte.

Schüttler zog damals vor den Sportgerichtshof Cas und erstritt sich dort schließlich doch die Teilnahme an den Spielen. Dreispringer Charles Friedek verklagte sogar den DOSB nach der Nichtberücksichtigung für Peking auf Schadensersatz. Ein Novum im deutschen Sport. Friedek erhielt später vor Gericht recht. Nun also Ariane Friedrich.

Kontroverse Diskussion hinter den Kulissen

Gedanken über deren Berücksichtigung für London machen sich auch solche Athleten, die der DOSB nicht nominiert hat, Marie-Laurence Jungfleisch etwa. Sie wurde bei den Deutschen Meisterschaften im Juni Zweite hinter Friedrich, auch sie übersprang in dieser Saison bereits 1,92 m und scheiterte hauchdünn an 1,95 m. Ihr Trainer Tamas Kiss sagte der Berliner Morgenpost: "Dass Ariane jetzt dabei ist, damit können wir leben. Denn vieles spricht für ihre Qualität. Ich kann mir sogar vorstellen, dass sie es bis ins Finale schaffen kann."

Bei der LG in Frankfurt ist Betty Heidler (28) Vereinskollegin von Ariane Friedrich. Die Hammerwurf-Weltrekordhalterin sagte Donnerstag, sie freue sich einerseits für alle nominierten Härtefälle, "zumal oftmals an einer Olympiateilnahme ja auch die Art der weiteren Förderung als Sportler hängt. Andererseits ist es für all jene unfair, die ähnlich knapp die Normen verpasst haben". Grundsätzlich, so Heidler, "ist die Frage: Wofür haben wir denn dann Normkriterien?"

Hinter den Kulissen wird dem Vernehmen nach in den Verbänden über dieses Thema kontrovers diskutiert. Doch meinungsstarke Sportler wie Heidler hegen wenig Hoffnung, dass ihre kritischen Anmerkungen nachhaltig Gehör finden. "Vermutlich wird es keine Auswirkungen auf die Zukunft haben. Wie immer."

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