03.05.12

Schlechte Bilanz

Millionen-Verlust kostet Tausende Jobs bei Lufthansa

Der Lufthansa steht eine Rosskur bevor. Deutschlands größte Fluggesellschaft muss ihre Kosten kräftig drücken, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Tausende Stellen sollen wegfallen.

Letzter Stand 20.05.2013 17:35:0916,07 €+3,61%

Manchmal ist das Leben ungerecht. Als letzte Amtshandlung muss Lufthansa-Finanzvorstand Stephan Gemkow schlechte Quartalsergebnisse verkünden. Zwar sind die Passagierzahlen in den vergangenen drei Monaten gestiegen, aber wegen der hohen Kerosinpreise hat Europas größter Luftfahrtkonzern einen höheren operativen Verlust eingeflogen als im Vorjahreszeitraum.

Er belief sich auf 381 Millionen Euro, teilte das Unternehmen mit. Vor einem Jahr war das Minus mit 169 Millionen Euro noch deutlich geringer ausgefallen. Der Umsatz stieg um sechs Prozent auf 6,6 Milliarden Euro.

Gemkow wird Chef beim Mischkonzern Haniel in Duisburg und verlässt nach fast 20 Jahren einen Konzern, dem eine bis dahin wohl noch nie dagewesene Rosskur bevorsteht. Denn Lufthansa-Konzernchef Christoph Franz und sein Finanzvorstand haben kürzlich ein neues Sparprogramm namens "Score" gestartet, mit dem bis Ende 2014 mindestens 1,5 Milliarden Euro eingespart werden sollen.

Sparen als tägliche Routine

Für die Lufthansa-Mitarbeiter ist solch ein Spardiktat an sich zwar nichts Neues. Schon Franz' Vorgänger Wolfgang Mayrhuber hatte den rund 120.000 Mitarbeitern vor Jahren das Sparen als tägliche Routine aufgegeben: "….so wie Zähneputzen".

Das macht den angekündigten Jobabbau aber auch nicht leichter: In den kommenden Jahren sollen weltweit 3500 Stellen wegfallen, davon allein in Deutschland 2500. Die Kürzungen sollen durchweg die Verwaltung treffen.

Konzernchef Franz sagte: "Nur wenn wir jetzt die administrativen Funktionen neu strukturieren und auch einen Stellenabbau in Kauf nehmen, können wir langfristig Arbeitsplätze erhalten und neue Arbeitsplätze schaffen." Ziel sei, die Stellenstreichungen weitgehend sozialverträglich abzuwickeln.

Denn angesichts von Ölpreisen von weit über 100 Dollar pro Barrel, die die Kerosinrechnung im vergangenen Jahr um 1,2 Milliarden Euro auf 5,8 Milliarden Euro steigen ließen, immer mehr Langstreckenflugzeugen auf der arabischen Halbinsel, aggressiven Billiganbietern und Belastungen durch Luftverkehrsabgabe oder EU-Emissionshandel hat all das Sparen nicht gereicht, um auf eine langfristig akzeptable Rendite zu kommen.

2011 flog Lufthansa eine operative Marge von 3,4 Prozent ein – Emirates allerdings glänzte mit 9,9 Prozent, und Ryanair schaffte sogar 14 Prozent. Die meisten direkten Wettbewerber der Lufthansa sind dagegen froh, wenn sie überhaupt mit Gewinn fliegen.

Franz will Spitzenposition in Europa verteidigen

Aber Franz ist fest davon überzeugt, dass es der Konzern nur mit stetigen Gewinnen schaffen wird, seine derzeitige Spitzenposition in Europa zu verteidigen. Immerhin rund 820 Millionen Euro erzielte der Konzern 2011 im operativen Geschäft. Das Gros jedoch stammt nicht aus dem Kerngeschäft Fliegen. Gut verdient hat Lufthansa mit Fracht, Catering und der weltweiten Wartung von Flugzeugen.

Erste Szenarien für die Zukunft sind bereits durchgesickert. Um die Verunsicherung unter den Mitarbeitern zu mildern, versuchte Carsten Spohr, Chef der Kernfluggesellschaft Lufthansa-Passage, in einem Brief den Ernst der Lage aufzuzeigen. Zum künftigen Kurs gehöre "die Streichung verlustbringender Strecken".

Mit 170 neuen Flugzeugen im Wert von 17 Milliarden Euro sollen die Marktanteile verteidigt werden. Das Geschäft der Lufthansa Direct Services, also der direkten Städteverbindungen, und der Lufthansa-Billiglinie Germanwings soll zusammengeführt werden. Die Pläne müssen noch von den Aufsichtsräten abgesegnet werden. Sie treffen sich vor der Hauptversammlung in der kommenden Woche.

Spekulationen über neue Billigfluglinie

In der Belegschaft, aber auch bei Kunden und Gewerkschaften sorgte Spohrs Brief allerdings für noch mehr Spekulationen. Allein in der Verwaltung in Frankfurt könnten bis zu 1500 Stellen wegfallen, hieß es.

Auch vom Ende der Marke Germanwings, der Zusammenlegung mit der Lufthansa-Regionaltochter Eurowings und der Gründung einer neuen Billigfluglinie namens "direct4U" war die Rede. 4U ist der Code von Germanwings. Würden die Flotten der bisher eigenständigen 4U und die von "Lufthansa Direkt" künftig gemeinsam fliegen, entstünde in Deutschland ein neuer, ernst zu nehmender Wettbewerber im Städteverkehr mit rund 90 Maschinen. Doppelstrukturen könnten aufgehoben werden.

Sollten aber alle Restrukturierungs-Bemühungen nicht zum Erfolg führen, kann sich das Lufthansa-Management mittelfristig auch die Neugründung einer Airline für die direkten Strecken vorstellen. Bis dahin könnten zwar noch Jahre vergehen. Doch Experten zufolge wäre dies der erfolgversprechendste Weg. "Die Gründung einer Billiggesellschaft aus einem großen Airline-Konzern heraus hat noch nirgendwo auf der Welt funktioniert", sagt ein Berater.

Neue Berlin-Flotte mit Leiharbeitern

Spohr hofft allerdings auf die Beweglichkeit und Einsicht seiner Belegschaft. "Die Erkenntnis, dass ein simples 'Weiter so' für eine stabile Zukunft unseres Unternehmens nicht reichen wird, teilen die allermeisten Lufthanseaten", schreibt er in seinem Brief.

Sollte er sich täuschen, kann derzeit in Berlin besichtigt werden, wie die Zukunft aussehen könnte. Auf dem neuen Hauptstadtflughafen "Willy Brandt" will Spohr künftig ganz neue Konzepte erproben, um im Wettbewerb gegen Air Berlin oder Easyjet bestehen zu können.

So sollten neu eingestellte Flugbegleiter auf den Strecken von und nach Berlin tendenziell weniger verdienen als ihre Kollegen in Frankfurt oder München. Darauf wollte sich die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo nicht einlassen. Nun wird die neue Berlin-Flotte nach der Eröffnung des Großflughafens Anfang Juni erst einmal mit "Leiharbeitern" an den Start gehen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Vermisst Sharlyn Weigmann
21:14Suche nach Mädchen
Sharlyn aus Hellersdorf vermisst – Großeinsatz der Polizei

Sharlyn wurde Montagvormittag zuletzt auf einem Spielplatz in Hellersdorf gesehen. Seither fehlt von dem Mädchen jede Spur. Die Polizei sucht mit Hunden und Hubschrauber. mehr...

Astronomie
19:00Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Dienstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Dienstag, den 21. Mai. mehr...


Die kilometerlangen Rohrleitungen gehören zur Brandschutzanlage des BER-Terminals. Erst wenn sie stabil funktioniert, darf der neue Flughafen eröffnet werden
21:15Sprinkleranlage
Am BER tut sich was – Erstes Umbauprojekt seit Mehdorns Antritt

Wann der BER eröffnet, ist noch immer völlig unklar. Nun soll zumindest ein großes Manko beseitigt werden: Die Sprinkleranlage wird umgebaut, statt einer zentralen soll es drei separate Anlagen geben. mehr...


Kupferklau an Bahnschienen: Die Polizei kontrolliert einen Abschnitt in Marzahn
15:55Kriminalität
Metalldiebstahl – Kampf gegen die Wilderer der Großstadt

Erdungskabel, Grabplaketten: Vor Metalldieben ist nichts sicher. Die Deutsche Bahn registrierte 2012 Schäden von 17 Millionen Euro. Die Polizei fahndet mit modernster Technik. Wir haben sie begleitet. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Die wichtigsten Fakten zur Lufthansa
  • Gründung und Sitz

    Die 1954 neugegründete Deutsche Lufthansa AG mit Sitz in Köln ist einer der größten internationalen Airlines. Ihre Flugzeuge beförderten im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben insgesamt 65,5 Millionen Passagiere.

  • Umsatz und Gewinn

    Der Konzernumsatz stieg im Auftaktquartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,6 Prozent oder um gut 350 Millionen Euro auf knapp 6,27 Milliarden Euro.

    Dennoch steht im operativen Geschäft für das erste Quartal dieses Jahres ein Minus von 381 Millionen Euro zu Buche.

  • Kosten

    Grund für die hohen Verluste sind vor allem gestiegene Treibstoffkosten. Diese liegen nach Unternehmensangaben dieses Jahr um 304 Millionen Euro höher als im Vorjahresquartal.

  • Mitarbeiter

    Die Lufthansa beschäftigt gut 115.000 Mitarbeiter. 3500 Arbeitsplätze in der Verwaltung sollen im Zuge des Sparprogramms in den kommenden Jahren weltweit abgebaut werden.

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados verwüsten vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Zweite Liga

Die Aufstiegsfeier von Hertha

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote