04.07.12

Senkrechtstarter

Fliegende Autos für Jedermann lösen Stau-Probleme

Ohne Staus zur Arbeit. Für dieses Traumziel steigt das Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in die Lüfte. Denn hier sind fliegende Autos keine Utopie, sondern reale Forschung. 

Foto: Gareth Padfield; Flight Stability and Control/ Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik
Personal Aerial Vehicle (PAV)
So könnte ein persönliches Luftfahrzeug aussehen, mit dem jedermann die Staus in den heimischen Straßenschluchten überfliegen kann

Jeden Morgen dasselbe: Stillstand auf Bundesstraßen, Autobahnen, Zufahrtsstraßen zu den Industriezentren. Berufspendler kennen die zeitraubende Wartezeit. Dass zusätzliche Verkehrswege keine Lösung sind, weiß Heinrich Bülthoff, Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik. "Wir haben schon jetzt Probleme, die vorhandenen Straßen zu unterhalten, und daher macht es keinen Sinn, noch mehr Straßen zu bauen. Auch verbrauchen wir damit wertvollen Landschaftsraum", argumentiert er. Sein Gegenentwurf lautet: "Wir müssen den Raum über der Straße nutzen.

Einen dreidimensionalen Individualverkehr hat er im Blick, gedacht für ein bis zwei Personen pro Fahrzeug. Dass diese "fliegenden" Autos weniger Energie fressen, leicht bedienbar und bezahlbar sind, aber auch rechtlichen Fragen genügen und die Akzeptanz in der Bevölkerung erlangen, darum kümmert sich derzeit das EU-Forschungsprojekt myCopter.

4,3 Millionen Euro kostet die Studie, an der sich neben dem Tübinger Max-Planck-Institut die Universität Liverpool, die École Polytechnique Federale de Lausanne, die Eidgenössische Hochschule Zürich, das Karlsruher Institut für Technologie und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt beteiligen.

Flug durch Häuserschluchten

Was muss der Miniflieger können? Welche Anforderungen stellt er an den Piloten? Das sind die zentralen Fragen am Tübinger Institut. Neun Rechner stehen bereit, die Flugrouten, die Häuser, Wege, Straßen zu modulieren.

Diese Bilder werden im CyberMotion-Simulator eingesetzt. Aus einem Metallarm und einer Kabine besteht der Flugsimulator. Die Richtungen oben und unten, links und rechts, vorne und hinten sind möglich. Studenten steigen in dieses Gerät und erleben den Flug als Achterbahn-Fahrt.

Dabei testen sie nicht nur Flugstrecken, Navigatoren und andere technische Geräte. Die Studenten selbst werden geprüft, wie sie mit der fliegenden Kiste zurechtkommen. Beispielsweise wird beobachtet, welche Anzeigenfelder sie bei neu eingebauten Instrumenten tatsächlich nutzen. So erfahren die Forscher, was ein Fluglaie benötigt. Denn Ziel ist laut Bülthoff, "dass das Fliegen so einfach sein soll wie Autofahren".

Senkrechtstart als Voraussetzung

Zwar gebe es schon verschiedene Flugobjekte, etwa den englischen "skyrider". "Aber ein Modell für unsere Zwecke fehlt", erklärt Bülthoff.

So muss es ein Gerät sein, das nach dem Flugprinzip eines Helikopters funktioniert, also senkrecht starten und landen kann und damit nicht die langen Bahnen eines Flugzeuges braucht. Außerdem soll sich die Route über einen Autopiloten steuern lassen. Vorteil: Jeder kann dann fliegen – ohne Flugschein. Lediglich ein leichtes Training soll als Vorrausetzung notwendig sein.

Doch den Flug ganz über technische Geräte regeln will Bülthoff nicht. "Menschen müssen eingreifen können, sonst verlieren sie das Vertrauen." Womit der Direktor auf seine Hauptaufgabe verweist, die technischen und sozialen Rahmenbedingungen zu untersuchen – gebaut wird das fliegende Auto in Tübingen nämlich nicht.

Produzieren in Masse

Auch gilt es, rechtliche Fragen wie Lärmschutz zu berücksichtigen. Oder, wie es der Wissenschaftler formuliert: "Es sollen keine Cowboys durch die Lüfte flitzen . Vorstellen kann sich Bülthoff Sperren. Beispielsweise könne der Lenkknüppel so konstruiert werden, dass er sich kaum noch bewegen lässt, falls man verbotenes Terrain anvisiere. Die Führung übernimmt dann der Autopilot.

Und natürlich wird der Unfallschutz berücksichtigt. Denkbar sind Piep-Signale beim Landen, ähnlich den Einparkhilfen bei Autos. "Die Technik für einen brauchbaren Flieger entwickeln", das soll nach Bülthoffs Worten in der vierjährigen Forschungsarbeit herauskommen. Ein niedriger, 500 Meter hoher Luftraum ist vorgesehen, die Höhe eines Rettungsfliegers. Der Flieger wird die Größe eines Mittelklasse-Wagens haben.

250.000 Dollar kosten in den USA gebaute Modelle. Doch solche "Spielzeuge, die nichts für Otto-Normalverbraucher sind", so Bülthoff, strebe er gar nicht an. Zwar sind für andere Varianten auch 50.000 bis 70.000 Euro zu zahlen. "Aber wenn man einen VW-Käfer nur in einer geringen Stückzahl baut, ist er auch teuer", gibt er zu bedenken. Würde der geplante Flieger in Masse produziert, sei er bezahlbar.

Quelle: EPD
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