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11.02.12

Serie "Mein nächstes Auto"

Noch nie machte die Fahrt zum Bäcker so viel Spaß

Um Rentner-Autos zu entgehen, setzte sich Kulturredakteur Berthold Seewald in einen Golf GTI: Eine schöne Selbsterfahrung im Umgang mit der "Generation Golf".

Volkswagen

Tagfahrlicht-LEDs sollen Vorausfahrenden im Rückspiegel klarmachen, wer sich hinter ihnen befindet,...

10 Bilder

Der Fahrbericht hatte mir Angst gemacht. "Heimliche Rentner-Autos sind im Kommen" lautete der Titel, und was die Kollegen da als "Auto-Modelle für ältere Fahrer" vorgestellt hatten, war in der Tat zum Fürchten: Kastenförmige Kutschen mit Zwei- und Vierradantrieb wurden da vorgestellt, Vans, in die Höhe gebaute Kompaktlimousinen und ein paar SUVs. Die Überschneidung mit einer anderen sozialen Randgruppe ist offensichtlich: Offenbar hält man in den Marketing-Abteilungen der Autobauer Rentner für ähnlich vergnügungsresistent wie Kleinfamilien mit plärrenden Kleinkindern im Fond.

Doch ein erfahrener Kollege wusste Rat und drückte mir den Zündschlüssel für "eine Alternative" in die Hand. Für einen schneeweißen VW Golf mit zwei Türen und einem kleinen dezenten Schriftzug: GTI. 54 Jahre alt musste ich werden, um ihn zum ersten Mal zu fahren. Es war eine schöne Selbsterfahrung.

Nur keinen Neid

Per Definitionem beginnt die Generation Golf erst mit dem Jahrgang 1965. Elf Jahre später kam in Wolfsburg jemand auf die Idee, in den Kompaktwagen, der soeben den Konzern vor dem Untergang bewahrt hatte, einen 1,6 Liter-Motor mit 110 PS und mechanischer Benzineinspritzung einzubauen und ihn GTI zu nennen. In diesem Vehikel verbanden sich für die Generation Golf alle Merkmale, die sie auszeichneten: Sorgen- und Politikfreiheit auf der einen, Hedonismus und Markenfetischismus auf der anderen Seite. Als damaliger Käfer-Fahrer muss ich neidlos zugestehen, dass es die Golfer damit ziemlich weit gebracht haben.

Die Probefahrt schien also bestens geeignet, meinen persönlichen Frieden mit den Nachgeborenen zu machen, wäre da nicht die Sache mit dem Zündschlüssel gewesen. Ich hatte ihn zwar, das Auto aber nicht das Schloss dazu. Dafür war dort, wo in meinem Familien-Kombi der Motor gestartet wird, ein Knopf. "Schlüsselloses Startsystem ,Keyless Access’” wird die Vorrichtung genannt, und sie funktioniert. Allerdings schlägt sie auch mit 365 Euro Aufpreis zu Buch. Wie gesagt, schon die Generation Golf war für ihre Luxus-Affinität bekannt.

Die Nacht bringt es ans Licht

Danach war alles ganz einfach. Fast wenigstens. Die Sportsitze mahnten mich umgehend, dass ich mein persönliches Wohlbefinden nie beim Bodybuilding gefunden hatte. Dafür waren die Armaturen von wohltuender Übersichtlichkeit. Das änderte sich allerdings, als wir in die Nacht hinausrollten. Vor, über und neben mir erstrahlten auf einmal Leuchtdioden in einer Zahl, die eher an das Cockpit eines Düsenjets denn den Fahrersitz eines Kompaktwagens erinnern.

Nach 80 habe ich mit dem Zählen aufgehört (und da war das Radio noch gar nicht eingeschaltet). Mir war nicht klar, dass ein modernes Auto derart viele Funktionen haben kann, die dann auch noch beleuchtet werden, selbst auf dem Multifunktions-Lederlenkrad (275 Euro). Doch zum Glück ist auch der Golf GTI ein VW. Und der fährt sich wie jedes normale Auto. Man muss nur lernen, die zahllosen Angebote zu übersehen, die mit winzigen Hebeln oder Knöpfen zum Spielen reizen.

Im Ernst: Wir waren schneller auf der Straße, als es dauerte, diesen Testbericht bis hierher zu lesen. Und es war ein großartiges Gefühl. So direkt und zugleich sinnlich war ich noch nie über die maroden Straßen der Berliner Mitte gerauscht. So präzise ging es noch nie um Kurven, so satt hatte es noch nie in einem meiner Autos geklungen. Das lag weniger an "Dynaudio Excite", dem 8-Kanal-Verstärker mit 300 Watt und 8 eigenresonanzarmen Lautsprechern (Aufpreis: 565 Euro), was freundliche Menschen in meinen GTI eingebaut hatten, als an den 173 Kilowatt unter der Haube, die in den seligen Jahren mit 235 PS angegeben worden wären.

Der BMW-Fahrer hat fertig

Nie werde ich den Augenblick an der Ampelkreuzung vergessen. Wir kamen neben einem BMW zum Stehen, dessen glatzköpfiger Fahrer sich seiner scheinbaren Überlegenheit versicherte, indem er das B-MW auch im Nummernschild führte. Ich ließ ihm ein paar Meter Vorsprung. Dann erledigte der Turbo den Rest. Ob der Typ ausgestiegen ist, weil er glaubte, er stehe, weiß ich nicht. Ich hatte genug damit zu tun, meinen Golf wieder auf die erlaubte Geschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften abzubremsen. Und darauf zu halten. Dabei kann die Geschwindigkeitsregelanlage beste Dienste leisten. Dass sie allerdings als Sonderausstattung für 205 Euro zu erwerben ist, gibt echte Abzüge in der B-Note.

Meine Familie hat mich dann mehrere Tage nur noch sporadisch gesehen. Trotz angespannter Sitzlage scheute ich mich nicht, den Weg zum Bäcker im GTI zurückzulegen. Beim Einparken unterstützte mich ein Parklenkassistent inkl. ParkPilot (110 Euro), was angehenden Senioren unbedingt zu empfehlen ist.

Besitzerstolz dank Candy-Weiß

Bei der Spazierfahrt durch den Spreewald machte es großen Spaß, zwischen Lücken auf der rechten Fahrbahn und der Überholspur hin- und herzuspringen. Wenn wir einmal in einem Dorf an der Ampel anhalten mussten, registrierte ich mit einem Anflug von Besitzerstolz die verstohlenen Blicke, die meinen weißen GTI – die korrekte Bezeichnung war Candy-Weiß – und seine feinen Accessoires wie verchromte Auspuffrohre, dunkle Heckleuchten und abgedunkelte Scheiben taxierten. Und, noch ein Vorteil: Kein Hund, der sein Bein hob, konnte mir gefährlich werden.

Abends versuchte ich dann, mich in die drei Handbücher zu vertiefen, die in einer speziellen Ablage im Handschuhfach (Ablagenpaket: 107 Euro) verstaut waren. Darin konnte man viel über das Auto, seine Sound- und seine Klimaanlage lernen. Und auch über sich selbst. Irgendwie hatte ich keine Lust, mich in die zahllosen technischen Finessen zu vertiefen, von der Adaptiven Fahrwerksregelung DCC (975 Euro) bis zur Multifunktionsanzeige "Premium" mit mehrfarbigem Display (275 Euro), zumal sie mir stets einen Benzinverbrauch im zweistelligen Bereich anzeigte. Auch die kostenpflichtigen Fotos aus übersehenen Radarfallen, die noch eintrudeln würden, kamen mir in den Sinn.

Alles hat seinen Preis

Obwohl ich mich offenbar dem, wie Medien es gern nennen, Status des gut gestellten Senioren nähere, schienen mir die 38.101 Euro inklusive aller Extras für einen VW-Golf doch ein recht stolzer Preis zu sein für den Lust- und Imagegewinn, der sich mit seinem Erscheinen auf dem Parkplatz des Supermarkts einfahren lässt. Doch man täte dem GTI sicherlich Unrecht, würde man eine Testfahrt mit ihm einzig auf derartige Nebensächlichkeiten reduzieren.

Der Golf GTI eignet sich ideal zur metaphysischen Prüfung jenseits der Midlifecrisis: Welchen dialektischen Schluss ziehst du aus 235 PS, wenn du zum Zigarettenautomaten fährst? Wer anschließend bereit ist, Gas zu geben, sollte ihm vertrauen. Ich hingegen habe meinen Schlüssel artig wieder abgegeben. Das Rentner-Auto ist wohl mein Schicksal.

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