Interview Stefan Jacoby
"Volvo wird Apple der Autohersteller"
Ein Ex-Volkswagen-Manager ist jetzt Chef bei Volvo. Eine brisante Personalie, weil Stefan Jacoby VW-Interna kennt. Das erste Interview gab er Morgenpost Online.
Von Jürgen Zöllter
Schluss mit der alten Kantigkeit: Mit dem neuen V60 wagt Volvo den Designwechsel und strebt nach einem sportlicheren Image.
Morgenpost Online: Herr Jacoby, sprechen Sie chinesisch?
Stefan Jacoby: Nein. Ich hab’s zu lernen versucht, aber ich habe auch kein großes Sprachtalent. Außerdem ist unsere Konzernsprache Englisch. In China wie in Schweden.
Morgenpost Online: Wie oft haben Sie Ihren Chef Li Shufu von der Geely Holding in China seit August 2010 getroffen?
Stefan Jacoby: Wir treffen uns einmal im Monat. Das letzte Mal vor zwei Wochen in China, als es um unsere China-Strategie ging. Wir haben die Zusammenarbeit zwischen den Autoherstellern Geely und Volvo initiiert. Beispielsweise wollen wir künftig gemeinsam Teile einkaufen und technische Projekte gemeinsam vorantreiben. Sehr wichtig ist Chairman Li Shufu die Mitarbeiterschulung. Dafür unterhält er in China zwei eigene Universitäten. Dort werden Mitarbeiter auf die neuen Aufgaben der sich rasch verändernden globalen Märkte vorbereitet.
Morgenpost Online: Wissen Sie noch, welches Ihre erste Amtshandlung bei Volvo war?
Stefan Jacoby: Ich habe mich den Volvo-Mitarbeitern an unseren Produktionsstandorten in Schweden und Belgien vorgestellt. Dort sprach ich darüber, wo Volvo gegenwärtig steht, und wie ich mir die Volvo-Zukunft vorstelle.
Morgenpost Online: Was reizt Sie an der erblassten Marke Volvo, wo Sie doch bei Volkswagen auf der Gewinnerseite gearbeitet haben?
Stefan Jacoby: Ich liebe die persönliche Herausforderung. Die Marke Volvo mag ein wenig verblasst sein, besitzt aber große Entwicklungsmöglichkeiten. Ihre Werte Qualität, Haltbarkeit, automobile Sicherheit und "Made in Sweden" existieren noch, müssen aber neuen Glanz erhalten. Es geht um die Wiederbelebung des skandinavischen Charmes.
Morgenpost Online: Also steht die Marke heute nicht mehr für Schwedenstahl?
Stefan Jacoby: Nicht ausschließlich. Schwedenstahl, Langlebigkeit und Sicherheit liegen auf der rationalen Seite der Kaufentscheidungen. Wir müssen diese Qualitäten mit mehr Leichtigkeit verbinden, mit Freude und Spaß am Volvo fahren. Der Besitzer eines Volvo muss Stolz auf sein Fahrzeug sein und es auch zeigen können. Kurzum: Die Marke Volvo muss emotionaler werden.
Morgenpost Online: Braucht Volvo vielleicht einen Sportwagen?
Stefan Jacoby: Nein. Die Emotionalität erwächst aus dem Design und dem intuitiven Verständnis für ein Produkt, das nicht notwendigerweise ein Sportwagen sein muss.
Morgenpost Online: Wie sollte ein solcher Volvo aussehen?
Stefan Jacoby: Skandinavischer. Ein Volvo muss schwedisches Design widerspiegeln, das sich durch einfache und schlichte Formengebung auszeichnet. Statt alles technisch Machbare anzubieten, müssen unsere Autos funktioneller sein als die anderer Marken. Sie müssen mehr den Bedürfnissen der Menschen dienen. So wie man heute ein Apple-Produkt intuitiv bedient, werden auch künftige Volvo keine Gebrauchsanweisung mehr brauchen. Die schwedische Kultur bietet uns die Chance, der Apple im automobilen Premiummarkt zu werden. Dort wollen wir hin!
Morgenpost Online: Was fehlt Volvo heute noch auf dem Weg zum Erfolg?
Stefan Jacoby: Die innere Motivation. Jeder Volvo-Mitarbeiter muss die Stärken der Marke erkennen und sie leben. So hoffe ich, in 2015 schon 500.000 Volvo zu verkaufen, in 2020 sollten es weltweit 800.000 Einheiten sein. Mit talentierten Mitarbeitern ist das zu schaffen. Dazu werden wir unsere Produkte stärker von der deutschen Konkurrenz differenzieren, einen eigenen Volvo-Weg gehen.
Morgenpost Online: Warum sollte Ihnen dieser Weg im Verbund mit Geely leichter fallen als unter dem Dach von Ford?
Stefan Jacoby: Weil wir nicht mehr mit einem so großen, schwerfälligen Autokonzern verbunden sind. Unsere geringe Größe mag auch Nachteile mit sich bringen, bietet jedoch deutlich mehr Entwicklungsfreiheit.
Morgenpost Online: Sie erwähnten neulich, dass ein Volvo nicht auf der Wunschliste Ihres 15-jährigen Sohnes stehe. Wollen Sie überhaupt, dass Volvo eine Marke für junge Leute ist? Ältere Kunden sind doch finanzkräftiger.
Stefan Jacoby: Natürlich wollen wir jungen Menschen gefallen. Weil wir wissen, dass sich Markenbindung sehr früh entwickelt, sind 15-Jährige unsere kommenden Kunden. Dann darf ich noch eine Episode ergänzen: Mit meinem Sohn fuhr ich neulich im S60. Als der uns nach zwei Stunden das Auto erinnerte, eine Pause einzulegen, fand mein Sohn es plötzlich cool. Wir sollten mehr solcher praktischen Merkmale entwickeln.
Morgenpost Online: Auch alternative Antriebe kommen bei jungen Menschen gut an. Wie weit ist Volvo bei deren Entwicklung?
Stefan Jacoby: Die Entwicklungen sind weit fortgeschritten. Wir stehen unmittelbar vor Markteinführung unseres Elektroautos Volvo C30 DRIVe. Mehr als tausend Autos werden demnächst in Schweden, Holland, Belgien, aber auch in Deutschland, den USA und in China am öffentlichen Verkehr teilnehmen. Sie sind kompromisslos sicher und alltagstauglich: Ihre Akkus sind Aufprall geschützt im Mitteltunnel montiert, und alle Autos sind GPS gekoppelt, sodass wir das Antriebsmanagement kontrollieren können. Im Jahre 2012 fährt der Volvo V60 Plug-in Hybrid an den Markt. Sein Diesel-Elektroantrieb wird weniger als 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, was einem Treibstoffverbrauch von 1,9 l/100 km entspricht. Damit werden wir Standards setzen.
Morgenpost Online: Mit welchem Partner entwickeln Sie Ihre Elektro-Antriebseinheiten?
Stefan Jacoby: Zur Sicherung der Infrastruktur arbeiten wir mit dem schwedischen Energieunternehmen Vattenfall zusammen. Die technischen Komponenten aber entwickeln und bauen wir im Wesentlichen selbst.
Morgenpost Online: Sie haben einen Wachstumsplan für den chinesischen Markt entwickelt. Müssen Sie, um dort erfolgreich zu sein, ihre gegenwärtige Modellpalette nicht mit größeren Limousinen nach oben und mit Subkompakt-Fahrzeugen nach unten erweitern?
Stefan Jacoby: Wir werden unsere neue Strategie im Dezember veröffentlichen. Soviel kann ich schon heute sagen: Der von Ford geerbte Produktplan wird sehr engagiert hinterfragt. Unsere neuen Aktivitäten in China waren bisher nicht vorgesehen, weshalb die Frage, ob wir auch größere Autos bauen sollten, sich bisher nicht stellte. Autos unterhalb des C30 braucht Volvo nicht.
Morgenpost Online: Muss Volvo Autos in China produzieren, um dort wettbewerbsfähig zu sein?
Stefan Jacoby: Ich denke, ja. Der Preisdruck und die Notwendigkeit zu wachsen, zwingt uns dazu.
Morgenpost Online: Werden wir in Europa demnächst auch Volvo "made in China" fahren?
Stefan Jacoby: Das ist durchaus möglich. Wir haben uns daran gewöhnt, Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik und Kleidung aus China zu beziehen. Warum nicht auch Autos? Eins ist allerdings klar: Sollte Volvo draufstehen, wird auch Volvo-Qualität drinstecken. Darauf können Sie sich unsere Kunden verlassen.
Morgenpost Online: Volvo war in den USA über Jahrzehnte hinweg sehr erfolgreich. Wie können Sie an diese Erfolge wieder anknüpfen?
Stefan Jacoby: Der Dollar müsste sich nachhaltig stabilisieren (lacht). Was wir unternehmen können, formulieren wir gerade in einer USA-Strategie, über die zu sprechen aber heute verfrüht wäre. Mittelfristig wollen wir an die Erfolge unseres Geländewagen Volvo XC90 anknüpfen, von dem wir mehr verkauft haben als unsere deutsche Konkurrenz. Gegenwärtig ändert sich das Kundeninteresse, und wieder bieten wir das richtige Produkt: der Volvo XC60 ist in den USA nahezu ausverkauft. Langfristig müssen wir unser Geschäft von Währungsschwankungen zum Dollar entkoppeln.
Morgenpost Online: Sehen Sie für Volvo noch andere Wachstumsmärkte?
Stefan Jacoby: Ja, besonders gute Wachstumschancen sehe ich in den USA, Europa und China. Doch auch andere Märkte wie Brasilien, Russland und Indien verzeichnen eine steigende Nachfrage nach Volvo-Pkw.
Morgenpost Online: Für die aktuellen Baureihen nutzt Volvo strategische Kooperationen mit Ford/USA und Mitsubishi/Japan. Wer könnte neuer Partner für kommende Volvo-Baureihen werden?
Stefan Jacoby: Eine strategische Partnerschaft mit unserer Muttermarke Geely macht wenig Sinn, weil Geely die unteren Marktsegmente bedient und Volvo die oberen. Wir sondieren unterschiedliche Szenarien, wissen aber gegenwärtig noch nicht, ob wir selbst entwickeln, teilweise oder komplett zukaufen sollten. Mein Ziel ist es, eine möglichst große eigene Identität zu wahren, aber zu wettbewerbsfähigen Kosten.
Morgenpost Online: Der neue CK1 Ihrer Muttermarke Geely für Lateinamerika hat bei einem Crashtest verheerend abgeschnitten. Wurde Volvo von Geely wegen seiner Sicherheitstechnik gekauft?
Stefan Jacoby: Wenn unsere Sicherheitstechnik von einem Geely-Kunden bezahlt werden kann, wird sie dort sicherlich eingebaut werden. Realistischer erscheint mir, Geely bei der Entwicklung sicherheitsrelevanter Lösungen zu unterstützen. So wie Volvos Kompetenzzentrum für Sicherheitstechnik in Schweden auch für andere Marken arbeitet, beispielsweise für Saab und Land-Rover.
Morgenpost Online: Woran könnten Ihre ehrgeizigen Pläne für Volvo scheitern?
Stefan Jacoby: Nur an uns selbst.
Morgenpost Online: Herr Jacoby, wir bedanken uns für das Gespräch.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Fahrbericht: Der Volvo V60 ist schön, aber unpraktisch
- Geländewagen: Supersicher, aber viel zu spät – der Volvo XC60
- Kolumne "Steuer-Berater": Volvo V70 im Test – der eigenwillige Schwede
- SUV-Coupé: Der BMW X6 kriegt ein neues Diesel-Kraftwerk
- Autosalon: Die biedere Mittelklasse ist der Star in Paris
- Kolumne Steuerberater: Volvo V60 – gegen den BMW 3er kann er mithalten
-
14:59Bernd Schlömer: De Maizière verbittet Piraten-Chef Twitter-Nutzung
-
14:45Mitte: Vier Rauschgifthändler festgenommen
-
14:18Milliardäre: Familie Reimann zog wegen Steuern ins Ausland
- 1. Live-Ticker Schiedsrichter Stark: "Die Fans wollten Party machen"
- 2. Drogeriekette Berggruen macht Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung
- 3. ifo-Index Griechenland-Krise schickte deutsche Wirtschaft auf Talfahrt
- 4. Schuldenkrise Keine Annäherung zwischen Merkel und Hollande
- 5. Bauexperten Zweifel am neuen Eröffnungstermin für BER wachsen














