18.02.13

Testserie "Autoquartett"

Wie billig ist das Billigauto von Skoda?

Wer zum ersten Mal einen Skoda Rapid sieht, denkt sofort an Hans Christian Andersens Märchen vom hässlichen kleinen Entlein. Und würde nie glauben, dass die Geschichte wirklich gut ausgeht.

Von Stefan Anker
Foto: Skoda

Wenn man ihn geschickt fotografiert, sieht der Skoda Rapid richtig erhaben aus. Ein echter Vorteil des neuen Kühlergrill-Designs ist aber, dass der Wagen im Gegensatz zu früheren Skoda-Modellen optisch an Breite gewinnt.

15 Bilder

Stefan Anker

Es war einmal ein großer deutscher Konzern, der eilte von Erfolg zu Erfolg. Selbst seine leicht schwindsüchtige spanische Tochter konnte die deutsche Mutterfirma nicht stören, denn man hatte ja noch die kräftige Goldmarie aus Tschechien, bei der immer alles eitel Sonnenschein war. Nur eines machte den Herren in der Zentrale Sorgen: Warum nur konnten sie kein wirklich billiges Auto bauen?

Hier hatte die Konkurrenz aus Frankreich die Zauberformel als Erste entdeckt und schuf in Rumänien immer neue Fließbänder, von denen immer neue Autos rollten: erst eins, dann zwei, dann drei und jetzt schon vier verschiedene Modelle. Und alle sind sie billig, wirklich billig. Ab und an werden sogar noch die Preise gesenkt.

Was Renault mit Dacia gelang, das muss Volkswagen erst schaffen. Der neue Kleinstwagen VW Up, den es baugleich auch als Skoda Citigo und Seat Mii gibt, ist möglicherweise ein Anfang, die Autos jedenfalls kosten mit 8990 und 9990 Euro für die Grundversionen nicht viel.

Mit 13.990 Euro deutlich teurer als Dacia

Doch ist das bei so winzigen Modellen auch keine Kunst, und andere Mütter haben im Kleinstwagenmarkt noch deutlich preiswertere Töchter.

In Wolfsburg ist das Billigauto nach wie vor ein Thema, durch die Gerüchteküche rollt ein Wagen, der sehr klein sein und nur 6000 Euro kosten soll, aber weder Skoda noch Seat heißt – schon gar nicht VW. Nach Lage der Dinge kann er nur aus China kommen und nicht für Europa gedacht sein, jedenfalls nicht für den deutschen Markt.

Hier nimmt eher der Skoda Rapid die Rolle des Billigmodells ein. Zwar ist er mit einem Basispreis von 13.990 Euro immer noch teurer als etwa ein Dacia Sandero, doch für das, was er bietet (und dafür, dass er aus dem VW-Konzern kommt), ist er geradezu ein Schnäppchen.

Mit einer Länge von 4,48 Metern rückt er dem nächstgrößeren Octavia (4,57 Meter) dicht auf die Pelle, und im Innenraum mag man kaum Unterschiede finden. 550 statt 560 Liter Kofferraum, hinten lässt es sich fürstlich sitzen wie in dem größeren Skoda-Modell auch.

Niedrigeres Niveau bei der Materialauswahl

Was dem Rapid aber fehlt, ist Finesse. Es muss den ins Detail verliebten Volkswagen-Bossen wehgetan haben, auf ein niedrigeres Niveau bei der Materialauswahl und auf ein sehr, sehr schlichtes Design gesetzt zu haben.

So kommt dem Interessenten beim ersten Kontakt, spätestens aber beim Probesitzen das Märchen von Hans Christian Andersen in den Sinn: hässliches kleines Entlein. Billige, harte Kunststoffe, ein unangenehmerer Geruch als in anderen Konzernmodellen und eine 08/15-Gestaltung, die auch das Zweifarb-Cockpit im Topmodell Elegance nicht retten kann. Und wer die einfacheren Grau-in-grau-Varianten wählt, der bläst richtig Trübsal.

Aber im Märchen, daran erinnern wir uns, wird ja aus dem Entlein später ein stolzer Schwan, dem alle seine Schönheit neiden.

So weit kann man beim Skoda Rapid nicht kommen, ein Auto bleibt nun mal, wie es war. Doch ergreift der Wagen die Chance, den Blick seines Fahrers zu verändern. Das tut er im täglichen Umgang, indem er seine Technik herzeigt.

Verlängerte Basis des heutigen VW Polo

Zwar profitiert der Rapid noch nicht von der neuen Konzernplattform mit dem schönen Namen Modularer Querbaukasten (MQB), auf dem künftig alles von Polo- bis Passatgröße entwickelt und gebaut werden soll.

Doch die verlängerte Basis des heutigen VW Polo ist auch nicht das schlechteste Gerüst für den Skoda: Was Fahrkomfort und Handlichkeit angeht, die Leichtgängigkeit und Exaktheit der Lenkung, das leise Abrollen – da muss ein (zugegeben: viel billigerer) Dacia erst einmal hinkommen.

Es hilft dem Billig-Skoda auch das Motorenangebot des Konzerns. Der Testwagen war mit dem 1,2-Liter-TSI bestückt, einem 105 PS starken Benziner, der den Rapid auf 16.110 Euro verteuert, aber auch einigermaßen zur Modellbezeichnung passt, die ja Tempo verspricht.

Etwas knurrig, aber flott nimmt der Vierzylinder unter der Haube Fahrt auf, und wenn es sein muss, kann er den Skoda auf Tempo 195 beschleunigen – Billigauto geht anders. Doch dürfte den Rapid, so wie er daherkommt, niemand kaufen, der einen überdurchschnittlichen Bedarf an Fahrspaß zu befriedigen hat.

Weniger als sieben Liter auf 100 Kilometer

Eher zählt, dass der Wagen sich in unserem Testalltag mit 6,6 Litern auf 100 Kilometer bewegen ließ. Und natürlich geht es um die praktischen Qualitäten: Beim Rapid greift Skodas etwas seltsame Limousinenstrategie jedenfalls noch am besten.

Was bei den Modellen aus tschechischer Produktion nach Stufenheck aussieht, ist in Wirklichkeit gar keins. Den Kofferraum schließt bei Rapid, Octavia und selbst beim großen Superb kein klassischer Blechdeckel, sondern es hebt sich das halbe Heck inklusive der hinteren Scheibe nach oben.

Das macht das Auto von außen nicht unbedingt eleganter, aber im täglichen Gebrauch ungemein attraktiv. Erstens kommt man an das Gepäckabteil einfach besser heran und muss sich nicht so tief bücken beim Einladen. Und zweitens tut sich beim Umklappen der Rückbank ein Raum auf, der mit 1490 Litern so groß ist wie im aktuellen VW Golf Variant.

Am Ende sind es knapp 20.000 Euro

Angesichts dieser Vorzüge kann sich der grundlegende Vorteil des Rapid aber wieder ins Gegenteil verkehren: Froh, so ein nettes, praktisches Auto gefunden zu haben, gerät man leicht in Versuchung, den Neuerwerb, weil er ja so günstig zu haben ist, mit allerlei Extras auszustaffieren.

Das Basismodell Active ist schnell nicht mehr gut genug, schon für Ambition (inklusive CD-Radio, Klimaanlage, teilbarer Rücksitze) zahlt man 2150 Euro mehr, weitere 1400 Euro kostet Elegance (Leichtmetallräder, Lederlenkrad, Sitzheizung, Tempomat), und im Nu ist man 19.660 Euro los und hat plötzlich einen halbwegs schönen Schwan. Aber eben kein Billigauto.

"Welt"-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Autonews und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen. Oder Sie schauen auf seiner Facebook-Seite vorbei.

Quelle: DWTV
06.11.2012 2:56 min.
Als erstes Serienmodell verkörpert der Rapid das neue Design von Skoda. Scharf gezeichnete Linien und große modellierte Flächen prägen das Exterieur. Die Preise für den Rapid beginnen bei 13.990 Euro.
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Stufenheck

Die neuen Limousinen im Jahr 2013

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  • Auffällig unauffällig

    Auf den ersten Blick ist der neue Skoda vor allem ein Skoda: konventionell und unauffällig, eine klassische Stufenhecklimousine. Doch wie so oft im Leben kommt es auf den zweiten Blick an, was im Falle des Rapid bedeutet: Er ist gar keine Stufenhecklimousine. Denn er hat eine riesige Heckklappe, hinter der sich ein riesiger Kofferraum verbirgt, und wenn man die Rückbank umklappt, passt in den Skoda mehr rein als in manchen Kombi. Unauffällig bleibt er allerdings, aber darüber tröstet dann der auffällig günstige Basispreis von 13.990 Euro hinweg.

  • Eiskratzer im Tankdeckel

    Eigentlich müsste ich als Autofahrerin im Winter immer einen Eiskratzer in der Handtasche haben. Doch meistens befindet sich der in den Untiefen des Handschuhfachs. Eine typische Szene nach einer schneereichen Nacht sieht bei mir so aus: Ich öffne die Autotür, und als Erstes fallen Schneemassen ins Auto, direkt auf den Sitz. Äußerst ärgerlich und sehr nass. Skoda hat sich da etwas Praktisches einfallen lassen: Der Eiskratzer befindet sich beim Rapid im Tankdeckel. Das finde ich großartig. Einen Verbesserungsvorschlag hätte ich noch: Vielleicht wäre im Tankdeckel noch Platz für einen Schneebesen.

  • Kein Designpreis

    Der Rapid sieht von außen aus wie eine Kartoffel und von innen wie eine Grotte mit Fischernetzen. Designpreise wird der Skoda nicht gewinnen, aber womöglich das Herz eines manchen Messies erfreuen. Drei netzartige Aufbewahrungssysteme sollen verhindern, dass Karten, Kugelschreiber und Kühlpacks über die Sitze rutschen. Was alles sonst nicht fehlt beim Praktiker: Es gibt ein Fach für die Pannenweste und im Kofferraum eine Wendematte.

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