11.02.13

"Autoquartett"

Ein Toyota beflügelt die Männer-Fantasien

Nein, ausgerechnet den Toyota-Modellplanern hätte man einen Flitzer wie den GT86 nicht zugetraut: Mit Hybrid oder sonstigen Öko-Experimenten hat der kleine Sportwagen mämlich nichts zu tun. Gut so.

Von Stefan Anker
Foto: Toyota

Vollgas! Der Toyota GT86 ist ein rollendes Statement für die Lust am flotten Fahren, und wenn man die Chance hat, auf einer abgesperrten Strecke zu üben,...

13 Bilder

Man müsste noch mal 20 sein und so verliebt wie damals. Schwer zu sagen, wie tief deutsches Liedgut in die Herzen japanischer Autobosse eindringen kann, aber Willy Schneiders 50er-Jahre-Schlager trifft sehr gut das Leitmotiv des Toyota GT86.

Dieser Wagen ist nämlich völlig unnütz, er ist ausschließlich entwickelt worden, um die irrationale Zuneigung junger Menschen (okay: junger Männer) zu kleinen, hoch motorisierten und irgendwie noch bezahlbaren Automobilen auszunutzen.

Der GTI-Gedanke spukt einem im Kopf herum, doch ist der GT86 kein heißgemachter Kompaktwagen, sondern ein neu entwickeltes Sportcoupé: Mit einem hoch drehenden Zweilitermotor unter der Haube, mit 200 PS und mit Hinterradantrieb.

Der GT86 wirkt wie das pefekte Auto

Einer der sehr erfahrenen deutschen Juroren vom "Auto des Jahres" hat im Gespräch schon zugegeben, dieser Toyota sei seine Nummer eins, er könne doch gar nicht anders.

In der Tat kommt einem der GT86 vor wie das perfekte Auto, wenn man mal alles ausblendet außer dem Spaß am Fahren. Allein die Entscheidung gegen den Frontantrieb ist ein Segen. Zwar hat Toyota den Wagen natürlich per ESP gebändigt, trotzdem ist bei flotter Kurvenfahrt zu merken, wie der GT86 eben nicht spaßbremsend untersteuern will, also mit rubbelnden Vorderrädern geradeaus drängen.

Sondern wie er bereit ist zu kleinen Heckschwenks, die das Auto etwas nachdrücklicher in Richtung Scheitelpunkt der Kurve treiben. So ist es jedenfalls auf trockener Straße.

Wenn es feucht wird, sollte man sich allerdings etwas mehr vorsehen und das ESP schon mal gar nicht ausschalten: Jetzt kann der GT86 auch ins Schleudern geraten.

Wenig explosive Kraftentfaltung

Eine gewisse Sensibilität im Umgang mit dem Gaspedal vorausgesetzt, meistert der Toyota-Pilot aber auch diese Lage, denn die wenig explosive Kraftentfaltung des Motors verhindert, dass die Hinterachse urplötzlich überfordert wäre mit dem Halten der Spur.

Der vorn eingebaute Boxermotor ist das, was man eine Drehorgel nennt. Kein Turboboost liefert die Extraportion Schub, eher gleichmäßig legt der Vierzylinder an Kraft zu, und unter 4500 Touren tut sich wenig.

Wer wirklich sportlich fahren will, ist gut beraten, eins zu werden mit dem kurzen Schaltknüppel und stets zum Herunterschalten bereit zu sein. Das nicht eben satte maximale Drehmoment von 205 Newtonmetern liegt erst bei 6400 Umdrehungen an, so ist vor allem zwischen 5000 und 7000 Touren zu erleben, was man von Autos wie dem GT86 erwartet: knurrig-aggressiver Klang und das Streben nach Glück. Also gut: nach Tempo.

Zum Sound und zur Vorliebe für hohe Drehzahlen trägt das Prinzip des Motors bei. Er stammt vom Partner Subaru (der den Wagen als BRZ im Angebot hat) und ist kein Reihenvierzylinder, sondern ein Boxer.

Die Technik hat auch etwas Urdeutsches

Hier stehen die Zylinder nicht hintereinander, sondern liegen einander gegenüber. So liegt der Schwerpunkt des Motors und damit des Autos niedrig, was der Kurvenlage in die Hände spielt. Zudem bietet die Technik sympathischerweise etwas Urdeutsches: VW Käfer und Porsche 911 (hier als Sechszylinder) fahren nach demselben Prinzip.

Über den Verbrauch des Toyota decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Im Normalfall liegt er mit 9,8 Litern die üblichen 20 bis 25 Prozent über der Werksangabe.

Aber man kauft doch so ein Auto nicht, um normal damit herumzufahren. Jedenfalls wird es deutlich zweistellig (vom guten Super Plus natürlich), wenn man von einer heißen Runde über die Landstraßen zurückkommt. Und schnell geradeaus über die Autobahn? Ist mit einem Hochdrehzahlmotor ebenfalls keine gute Idee. Der präsente Sound und die knochige Federung haben auf Dauer auch Nervtötungs-Potenzial.

Politisch korrekt ist das Auto also nicht gerade, aber so ist das eben mit der Jugend, sie muss sich ausprobieren. Man darf dem Toyota dennoch zugute halten, dass er es nicht übertreibt.

Das größte Problem ist wohl der Preis

Mit 200 PS sollten auch weniger erfahrene Sportpiloten einigermaßen umgehen können. Zwar ist der GT86 mit 1240 Kilogramm Leergewicht nicht schwer und beschleunigt flott, doch fährt sich der Novize nicht gleich um Kopf und Kragen, wie er es etwa mit einem Porsche tun könnte.

Das größere Problem für die angepeilte Zielgruppe dürfte der Preis darstellen. Als der GT86 in Deutschland eingeführt wurde, kostete er 29.990 Euro, heute sind es 30.450 Euro.

Zwar ist "bezahlbar" das Attribut, mit dem der Wagen belegt wird, doch dies kann man nur gelten lassen, wenn ein Porsche Cayman, ein Nissan 370Z oder ein BMW M3 die Vergleichsgrößen bilden. Die sind alle viel stärker und auch viel teurer, so erscheint der Toyota schnell in preiswertem Licht.

Doch 30.000 Euro sind eben 30.000 Euro, und das ist viel Geld für ein Auto, das eher als Hobby denn als Transportmittel anzusehen ist. Man könnte den Wagen sicher noch etwas abrüsten und ihn ohne Klimaautomatik, CD-Radio, Xenonlicht und andere Extras auf vielleicht 26.000 Euro bringen.

Von der Automatik ist abzuraten

Aber dazu hat sich Toyota noch nicht entschlossen, angesichts der geringen Stückzahlen des aus Japan importierten Wagens ist hier möglicherweise die Logistik überfordert.

Auch der Ruf betuchterer Fans, den Wagen quasi ab Werk zu tunen und ihn gegen Aufpreis in einer Sportversion mit 250 bis 300 PS anzubieten (vielleicht doch mit Turbo?), verhallt bisher ungehört.

So lässt sich derzeit nur wählen zwischen der Standardversion und einem GT86 mit Sechsgangautomatik. Die bietet sportliche Schaltpaddel am Lenkrad, sie wechselt die Gänge auch zügig, dennoch ist abzuraten: Wenn man schon so einen unvernünftigen Flitzer kauft, dann richtig.

Sehr lustige Farben gibt es

Alltagstauglichkeit spielt im Konzept des GT86 keine Rolle, Toyota dokumentiert das selbst mit der sehr eng gehaltenen Rückbank. Und ein Automatikgetriebe neigt zudem dazu, schon dann hochzuschalten, wenn es beim GT86-Fahren noch längst nicht interessant ist. Nein, nein, die 1550 Euro Automatik-Aufpreis stecke man lieber ins Aeropaket (1600 Euro) mit breiten Schwellern, Frontspoiler und Heckflügel.

Das passt dann auch zur Namensgebung der Farben, hier komplett aufgezählt: Racing Red, Furious Black, Rapid Blue, Dynamic White, Speed Silver, Asphalt Grey und – Inferno Orange.

Man wäre gern noch einmal 20 für dieses Auto. Und so verspielt wie damals.

"Welt"-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Autonews und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen. Oder Sie schauen auf seiner Facebook-Seite vorbei.

Quelle: dapd
08.01.2013 1:20 min.
Der japanische Autokonzern Toyota präsentiert auf der Consumer Electronics-Messe CES in Las Vegas erstmals einen fahrerlosen und mit Erkennungssystemen gespickten PKW seiner Premiummarke Lexus.
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Co-Kommentare
  • Ein gefährliches Spielzeug

    Wow! Ohne den GT86 auch nur berührt zu haben, bin ich begeistert. Das ist mal eine elegante Form. Doch schon auf den ersten Metern wird klar: Hier spürt man jede Unebenheit. Das ist wohl für Liebhaber. Richtig Spaß macht dagegen das Gasgeben. Der GT86 zieht an wie nichts. Ein gefährliches Spielzeug, dieser GT86. Wahrscheinlich eines der besten, das man in der Preisklasse bekommen kann.

    Friedrich Pohl, privat: VW Touran

  • Wie einst der Celica

    Das hätte ich gar nicht mehr für möglich gehalten, dass Toyota noch Sportwagen bauen kann. So wie einst den Celica. Und jetzt das – ein puristischer Sportwagen mit knackigem Fahrwerk und exzellentem Kurvenverhalten. Nun müsste nur noch Carlos Sainz mit dem GT86 Rennen fahren und an die Erfolge aus den 90ern anknüpfen. Das Zeug dazu hätte der Wagen.

    Denise Juchem, Motorredaktion

  • Aus der Zeit gefallen

    Moderne Sportwagen haben unfassbar viele PS, peinlich breite Reifen und allerlei elektronische Helfer. Dieser Toyota hat nichts von all dem. Die harte Kupplung und die tiefe Sitzposition lassen erahnen, dass es so oder so ähnlich mit den Straßensportwagen begonnen haben muss. Ein Auto wie aus der Zeit gefallen.

    Robert Dunker, Motorredaktion

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