06.02.13

Volvo P 1800 ES

Schneewittchensarg – Das legendäre Kombi-Coupé

Der Shooting Brake ist das Auto der Stunde. Doch Coupés mit großem Laderaum gab es schon vor langer Zeit: Volvo schuf einst den P 1800 ES, der noch immer Designer sportlicher Kombi-Modelle inspiriert.

Von Thomas Geiger
Foto: dpa-tmn

Eine Heckklappe ganz aus Glas, das war 1971 elegant und beeindruckt bis heute. Der Volvo P 1800 ES war eine mondäne Erscheinung, die flotte Formen mit Nutzwert kreuzte.

8 Bilder

Der Mercedes CLS Shooting Brake. Und demnächst wohl auch der Porsche Panamera Sport Turismo. Kreuzungen aus Coupé und Kombi, mit fließenden Formen und hohem Heck, mit einer praktischen großen Heckklappe. Auf der Suche nach der letzten noch ungefüllten Nische erdenken die Designabteilungen der Hersteller immer neue Fahrzeugkonzepte.

Doch Moment einmal. Nische? Schon richtig. Aber, neu? Auf gar keinen Fall. Denn die praktisch-eleganten Kreuzungen gab es schon vor Jahrzehnten. Vor allem britische Kleinserienhersteller hatten Kombi-Coupés im Repertoire – und groß heraus kam das Konzept bei Volvo.

Denn lange bevor die Schweden zur ultimativen Familienkombi-Marke wurden, präsentierte man im Jahr 1971 den P 1800 ES. Er war schlank und schnittig, er war üppig verglast und kam hinten ohne störende Streben aus. Schnell fand der Volksmund einen Spitznamen für das Modell mit der technokratischen Bezeichnung: Aus P 1800 ES wurde "Schneewittchensarg".

Herumlavieren in den Pressetexten

Der britischen Kleinserien zum Trotz: Eigentlich gab es die Fahrzeuggattung gar nicht, die der Volvo repräsentierte. Das merkte man auch am Ringen der Presseabteilung um Worte. Die Schweden lobten die Neuheit als "Fastback Coupé", sie sprachen vom "Styling eines Sportwagens", ließen aber auch "den Nutzwert eines Kombis" nicht unerwähnt.

Ein Sportwagen jedenfalls wollte der Volvo definitiv sein. Zwar zählte er mit zwei Litern Hubraum und 124 PS schon damals eher zu den Breitensportlern als zur Crème de la Crème der Boliden.

Doch die sportlichen Gene des Schneewittchensargs kann man bis heute spüren, spätestens dann, wenn man sich in die knappen Ledersessel fallen lässt, die nur knapp über Straßenniveau montiert sind. Zwar muss man kräftig Gas geben, damit der Volvo vom Fleck kommt. Doch dann treibt man ihn auf Tempo 190 – man darf nicht vergessen, er stammt aus einer Zeit, in der bei normalen Mittelklasselimousinen in der Regel bei Tempo 150, maximal 160, Schluss war.

Heute wirkt er nicht mehr so geräumig

Unverkennbar ist der P 1800 ES ein Kind der frühen Siebziger: Die rechte Hand fällt auf einen langen, dürren Schaltknauf, die linke greift ins riesige Lenkrad, nicht zu übersehen ist das überladene Armaturenbrett mit schmucker Holzimitat-Folierung. Dort stecken sage und schreibe sieben Rundinstrumente. Und dazwischen sind noch ein halbes Dutzend Kontrollleuchten verbaut.

Und der Schneewittchensarg wäre kein echter Volvo, wenn die Schweden nicht auch an die Sicherheit gedacht hätten: Wer die breite Gurtschnalle nicht in das beleuchtete Schloss auf dem Mitteltunnel steckt, blickt in die flammend rote Aufforderung: "Bitte Anschnallen".

Sportlich fahren nach heutigen Maßstäben, das klappt zumindest auf einer halbwegs geraden Strecke. Aber wer viel laden will, der wird feststellen, dass heutige Autos mehr können als das 40 Jahre alte Kombi-Coupé: Das Schloss ist schwergängig, wer etwas Größeres einladen möchte, muss erst mühsam ins Auto tauchen und die Rückbank umlegen. 1000 Liter beträgt dann das Ladevolumen, ein heutiger Golf schafft mit umgelegter Bank mehr.

Nur zwei Jahre wurde der P 1800 ES gebaut

Aber das sind wohl nicht die Qualitäten die am Schneewittchensarg heute interessieren. Seine Silhouette ist grazil, die gläserne, rahmenlose Heckklappe wirkt auch für heutige Begriffe noch elegant. So verwundert es kaum, dass der Volvo die Designer sportlicher Kombi-Modelle noch immer inspiriert. Auch bei Oldtimer-Rallyes, in Museen und bei Sammlertreffen ist der P 1800 ES ein gern gesehener Klassiker.

Vielleicht war er in den Siebzigern seiner Zeit einfach voraus. Denn schon die ES-Variante war eine Notgeburt, sie basierte auf dem 1961 eingeführten Coupé P 1800, das anstelle des Kombihecks Flösschen anzubieten hatte, die Anfang der Siebziger schon etwas außer Mode waren. Das Coupé lief nicht, der ES sollte Kunden eine mit kleinem Aufwand zu realisierende Alternative bieten.

Die Amerikaner mochten den Schneewittchensarg und kauften ihn gern, der Rest der Welt eher nicht. Deshalb endete seine Fertigung schon zwei Jahre später, im Jahr 1973 war wieder Schluss. Im Gedächtnis der meisten Autofans ist er heute eine bekannte Größe, allerdings sieht man ihn nur selten auf der Straße, kein Wunder bei nur rund 8000 gefertigten Exemplaren.

Wer heute ein gutes Exemplar will, der sollte bereit sein, an die 20.000 Euro auszugeben, immer noch weniger als für CLS Shooting Brake von Mercedes und vielleicht ab demnächst für einen Hochheck-Panamera. Man könnte sagen, die Zukunft der Kombi-Coupés, die heute so groß zu sein scheint – vor 40 Jahren war sie schon einmal zu Ende.

Quelle: dpa
Quelle: Autobild TV
30.05.12 2:51 min.
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