21.01.13

Letzte Testfahrten

Mit dem heißesten VW Golf im ewigen Eis

VW meldet gerade die 100.000. Bestellung vom neuen Golf, aber jetzt startet man erst richtig durch. 2013 kommen sechs weitere Golf-Varianten heraus, die Berliner Morgenpost konnte sie am Polarkreis schon fahren.

Foto: Volkswagen

Der Golf im Drift, das ist ein ungewohntes Bild für das so sachlich wirkende Auto. Doch auf einem zugefrorenen See in Schweden lässt sich die Übung gefahrlos meistern, und mit Allradantrieb hat man den Golf gut unter Kontrolle, hier das Modell mit 150-PS-TDI. Das Allradmodell Golf 4Motion ist ab sofort im Handel

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Man sagt, hier gebe es ungefähr drei Seen pro Einwohner. Man sagt, das Wasser dieser Seen sei so klar, dass man es direkt daraus trinken könne. Mir ist das völlig egal, ich würde an diesen speziellen See, mit dem ich es gerade zu tun habe, am liebsten gar nicht denken.

Ich bin in Arjeplog, Schweden, der Polarkreis ist nicht weit, minus 20 Grad zeigt das Thermometer, und der See ist unter mir. Besser: unter meinem Auto. Mit einem nagelneuen VW Golf sause ich übers Eis, im Kegel des Fernlichts tauchen ab und zu Holzstangen auf, die den Rand der präparierten Route anzeigen, ich finde es irgendwie unheimlich.

Aber auch faszinierend. Der Golf, den ich steuere, ist nämlich nicht irgendein Golf. Es ist ein sogenannter Aggregateträger, so nennen die Hersteller Autos, die ganz normal aussehen, aber schon Technik unterm Blech haben, die erst später auf den Markt kommt.

Der Golf R wird 290 PS haben

Dieser Aggregateträger hier ist so neu, dass selbst Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg erst fünf, sechs Kilometer damit gefahren ist, wie er mir später erzählt. Gut, dass ich nicht in die Streckenbegrenzung geschlittert bin damit.

Temperament dazu hätte der Wagen gehabt, denn später einmal, wenn er zum Jahreswechsel 2013/2014 in die Läden kommt, wird er Golf R heißen, und wie der Name schon andeutet, wird er das Spitzenmodell der Golf-Familie sein: Aus seinem Zweiliter-Turbo haben die Ingenieure 290 PS gequetscht.

Das fühlt man, und das hört man auch, obwohl es hier auf dem zugefrorenen See (kann das Eis wirklich nicht brechen?) keine große Rolle spielt. Trotz Winterreifen ist es schwierig, so viel Kraft auf den Boden zu bringen.

Insgesamt zehn Strecken mit bis zu 3000 Meter Länge sind auf dem See präpariert, das erledigt die schwedische Firma Tjintokk, die auch das Hotel in Ufernähe betreibt. Die halbe Autoindustrie ist hier Kunde, Aberhunderte Ingenieure verbringen den Winter in Arjeplog, nur die von VW sind normalerweise kaum da.

VW testet normalerweise noch weiter nördlich

"Wir gehen noch weiter nach oben", sagt Vorstandschef Martin Winterkorn, in Finnland habe man sich ein eigenes Gelände gekauft – und damit auch mehr Ruhe vor Erlkönigjägern. Die Fotografen, die noch geheime Autos fotografieren, sind in Arjeplog ähnlich präsent wie die Ingenieure.

Beim Golf gibt es da kein Risiko im Moment, der ist ja bekannt. Das einzige Modell, das VW noch mit ganz leichter Tarnung versehen hat, ist der neue Variant, der Kombi zum Golf. Er wird im August dieses Jahres auf den Markt kommen, mit Motoren von 85 bis 150 PS, später auch als besonders sparsamer BlueMotion-Diesel und als Erdgasmodell.

Vom Allradantrieb, den der Golf R serienmäßig hat, ist offiziell noch nicht die Rede, doch könnte sich Technikvorstand Hackenberg einen Variant 4Motion durchaus vorstellen. Der Gedanke liegt jedenfalls nahe, wenn man eine Fahrt auf Eis berücksichtigt.

Was der Aggregateträger mit der R-Technik aus diesem glatten Untergrund macht, ist schon erstaunlich: Ich fahre jede Runde in der großen Kreisbahn (500 Meter Durchmesser, 35 Meter Streckenbreite) dreimal, genauso auf dem 2100 Meter langen Handlingkurs mit seinen 15 Kurven: Beim ersten Mal lasse ich das ESP eingeschaltet, dann wähle ich ESP Sport, und zum Schluss schalte ich das wichtigste aller Assistenzsysteme komplett aus.

Die Technik nimmt dem Fahrer vieles ab

Was jetzt kommt, ist insofern gefährlich, als dass ich dem Trugschluss erliegen könnte, ich sei ein guter Fahrer. Nein, es ist die Technik, die mir vieles abnimmt, besonders in der ESP-Sport-Einstellung. Dabei lässt sich das Auto zwar etwas mehr Zeit mit den rettenden kurzen Bremsungen an einzelnen Rädern, liefert aber ganz von allein einen zarten Impuls in der Lenkung.

Den spüre ich maximal unterbewusst, doch ich folge ihm, und wie durch ein Wunder fange ich den schlitternden Golf R immer wieder durch Gegenlenken ab, wenn er hinten auszubrechen droht.

Mit voll aktiviertem ESP hält sich das Auto durch harte Bremseingriffe selbst gerade, und bei abgeschaltetem System liegt es allein an mir, den Kurs zu halten. Das ist schwieriger, erzeugt aber das stärkere Glücksgefühl. Ginge es hier auf Zeit, wäre ich allerdings mit ESP Sport wohl deutlich schneller.

Wie viel aber der Allradantrieb zum Gelingen beiträgt, erlebe ich, als ich mir später den neuen Golf GTI (220 PS, ab Mai im Handel) aufs Eis hole, der traditionell mit Frontantrieb geliefert wird. Inzwischen habe ich mir sagen lassen, die Eisdicke betrage 1,50 Meter, und nun mache ich mir keine Sorgen mehr, sondern kümmere mich allein ums Fahren.

Das ESP bremst den GTI gnadenlos ein

Der GTI hätte Probleme, mit dem einfachen Golf 4Motion mitzuhalten, den ich zuvor mit 150-PS-Diesel probiert hatte. Solange nur eine Achse angetrieben wird, sind die Traktionsnachteile auf Eis und Schnee einfach zu groß. Das ESP bremst den GTI gnadenlos ein, damit er auf Kurs bleibt, und ganz abschalten lässt sich das Hilfssystem bei den Frontantriebs-Golf nicht – zu gefährlich.

Die Traktionskontrolle allerdings lässt sich deaktivieren, auch ESP Sport ist möglich, und so kann ich auch den GTI ins Driften bekommen, ohne von der Strecke zu fliegen. Aber wenn das Heck schwenkt, bin ich, was eine eventuelle Rundenzeit angeht, schon verloren, weil es ewig dauert, bis die durchdrehenden Vorderräder wieder Beschleunigung liefern.

An sich sollte wohl jeder immer mit Allradantrieb unterwegs sein, der Sicherheits- und Kontrollgewinn ist immens, auch wenn man mit 80 Kilogramm höherem Gewicht, rund 0,4 Liter mehr Verbrauch und einem etwa 2000 Euro höheren Preis leben muss – was besonders schmerzt, je kleiner die Autos werden.

"Wir haben ja sonst immer den Allradantrieb mit Leistung verbunden", sagt Konzernchef Winterkorn und nennt den Quattro-Verkaufsanteil bei Audi: mehr als 30 Prozent. Demnächst aber werde der Golf auch mit dem kleinen 1,6-Liter-Diesel (110 PS) als 4Motion-Modell angeboten.

VW rollt 2013 das Golf-Programm aus

Überhaupt wird 2013 das Jahr des Golf werden. Zwar hatte die siebte Generation des Bestsellers schon im Oktober 2012 Premiere, aber nun rollt VW das Programm richtig aus: Der 4Motion ist ab sofort zu haben, der GTI kommt im Mai, der GTD mit 184-PS-Diesel und 4,3 Liter Normverbrauch folgt im Juni.

Kurz darauf wird der besonders sparsame BlueMotion (110 PS, 3,2 l/100 km) zu haben sein, im August kommt der Variant, Ende des Jahres der R. 2014 kommen die alternativ angetriebenen Modelle: Erdgas, Elektro, Plug-in-Hybrid.

Die Schlagzahl im Konzern liegt hoch, aber den Druck machen sich die Verantwortlichen auch selbst. Mit der neuen Produktions- und Entwicklungstechnik, die als modularer Querbaukasten (MQB) bezeichnet wird, ist jedes Auto, das darauf basiert, prinzipiell mit jeder Antriebstechnik ausrüstbar, ohne die Produktion aufwendig umstellen zu müssen.

Beim Kleintransporter Caddy etwa habe man den Allradantrieb nachträglich entwickeln müssen, weil es eine unerwartete Nachfrage gegeben habe. Das soll bei allen MQB-Autos, von denen der Golf das prominenteste ist, nicht mehr passieren.

Schon 100.000 Bestellungen für den Golf

"Wir wollen möglichst das Geld, das wir ausgegeben haben, schnell wieder hereinholen." Wenn Martin Winterkorn das sagt, dürfte das für die Konkurrenz wie eine Drohung klingen – nicht nur weil VW gerade die 100.000. Bestellung für den neuen Golf gemeldet hat.

Technikvorstand Hackenberg erzählt, wie bei der Automesse in Detroit ein japanischer Professor ihn um einen Termin gebeten habe. Er sei von Toyota beauftragt, den MQB zu analysieren, und habe Fragen. Hackenberg zeigte ihm die jüngste Entwicklung auf MQB-Basis: den CrossBlue, einen fünf Meter langen Geländewagen mit sechs Sitzen.

Sieht wirklich nicht wie ein Golf aus, lässt sich aber theoretisch auf demselben Band fertigen. Für manchen ist das womöglich unheimlicher, als im Dunkeln über einen vereisten See zu fahren.

Berliner Morgenpost-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Autonews und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen. Oder Sie schauen auf seiner Facebook-Seite vorbei.

Die Reise zur Präsentation der neuen Golf-Modelle wurde unterstützt von Volkswagen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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