17.01.13

Testserie

Kleiner Mercedes aus dem Jungbrunnen

Die neue A-Klasse liegt tief und ist dynamisch und sportlich. Vom praktischen Einkaufswagen für Senioren ist nicht mehr viel übrig geblieben. Dafür gibt es aber nützliche Assistenzsysteme.

Von Robert Dunker
Foto: Daimler

Die A-Klasse ist für Mercedes-Verhältnisse relativ günstig zu haben. 27.787 Euro kostet die Ausführung, die die „Welt“ im Testbetrieb hatte, einen 200 CDI mit einem 1,8-Liter-Diesel-Motor.

5 Bilder

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Wie schon vor etwas längerer Zeit vom Standgas und der Revolverschaltung und vor gar nicht allzu langer Zeit von der Analoguhr und dem Kühlwasserthermometer an der Instrumententafel. Alles mal nützliche Dinge, die von der Technik überholt wurden. Wegrationalisiert oder aus der Mode.

Jetzt also die hoch aufragende A-Klasse. Das Seniorenauto wird erbarmungslos aufs Altenteil geschoben. War insgesamt ein ziemlich erfolgreiches Auto, an dessen Anfang 1997 allerdings ein krasser Misserfolg stand. Aber auch wenn der trutschige Einkaufswagen den "Elchtest" im ersten Anlauf verfehlt hatte, wurde er für die A-Klasse zum Gütesiegel.

Nach dem Elch-Test kam ESP

Schließlich ging das elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), das durch intelligentes Abbremsen einzelner Räder ein Ausbrechen des Fahrzeugs verhindert, auf den kippenden Baby-Benz zurück. Die elektronische Hilfe brachte den Kleinen wieder auf die Beine. Heute ist ESP weltweit verbreitet und hilft seit einigen Jahren auch dabei, das Schleudern schwerer Sattelzüge zu verhindern.

Ein großer Schritt für die Sicherheitstechnik, ein beachtlicher Wurf für Mercedes. 2,1 Millionen Mal wurde die A-Klasse verkauft. Ganz passabel, aber nicht genug, um mit einer hoch gebauten Limousine die Welt zu erobern. Also musste alles anders werden bei der dritten Generation. "A steht für Angriff", verkündete Konzernlenker Dieter Zetsche bei der Präsentation in Genf 2012.

Was aber macht ein erfolgreiches Auto aus? Darüber zermartern sie sich auch in Untertürkheim das Hirn. Geht es ohne hydropneumatische Federung, ohne spektakulären Medienrummel, ohne auffälliges Marketingkonzept? Ist es richtig, schönes Design dem praktischen Nutzen zu opfern? Darf ein Auto einfach nur ein Auto sein?

Kopffreiheit ist geblieben

Mercedes mag die Antwort mit einem Slogan nah an der Binse geben: Wer früher A sagte, muss jetzt B sagen. Es ist ja nicht so, dass Mercedes auf die Generation der über Sechzigjährigen pfeift. Nur muss eben derjenige, der das bequeme Einsteigen schätzt und die gute Übersicht, nun auf die B-Klasse umsteigen. Oder eben doch auf einen Golf Plus.

Die Verjüngungskur der A-Klasse wurde von Getöse begleitet. Einmal in den Himmel gelobt, dann wieder durch den Kakao gezogen. Als ob der Automobilhersteller zuvor nur Gerontodesigner beschäftigt hätte. Sportlicher und dynamischer ist die Karosserie nun zweifelsohne. Sie wuchs um 45 Zentimeter auf 4,29 Meter in die Länge und wurde um 16 Zentimeter tiefergelegt. Der cw-Wert ist mit 27 einer der besten seiner Klasse, was das Attribut "schnittig" untermauert, die Kopffreiheit ist geblieben, die Rundumsicht dagegen beeinträchtigt: nach hinten durch das schmale Heckfenster, über die Schultern durch die mächtigen B-Säule links und rechts. Die 893 Euro für den Tot-Winkel-Assistenten sind gut investiert.

Mercedes steht für Sicherheit

Dafür kann sich die A-Klasse als herkömmliche Schräghecklimousine mit BMW 1er und Audi A3 messen. Der Marke mit dem Stern fehlt bisher ein eingängiger Superlativ, wie ihn die Rivalen erfolgreich besetzt haben. BMW steht im Ruf, die stärksten, aber auch sparsamsten Antriebe zu produzieren. Audi hat sich mit bester Qualität bei der Verarbeitung einen Namen gemacht.

Mercedes hat vor allem in Sicherheit investiert. Sicherheit ist schwer vermittelbar und sie ist auch irgendwie selbstverständlich geworden im Automobilbau, weil in dieser Disziplin jedes höherwertige Fahrzeug auch Höchstnoten erzielt.

Bleiben also das Design, das Fahrvergnügen und der Komfort: Vier Erwachsene haben im Innenraum ausreichend Platz, der fünfte Mitfahrer muss sich wie bei den Konkurrenten dazwischenquetschen. Der Kofferraum ist mit 341 Litern kleiner als der seiner Klassenkameraden, aber die Sitze lassen sich vollständig flach legen. Die Polster sind hart, aber bequem, das Cockpit ist auf den Fahrer zugeschnitten. Mit den fünf propellerartigen Lüftungsauslässen fühlt man sich wie ein Kampfjetpilot auf der Startbahn.

Gewöhnungsbedürftige Lenkung

Drei Benziner und drei Dieseltriebwerke sind zurzeit im Angebot, im Testbetrieb fuhren wir den mittleren Selbstzünder mit manuellem Sechsganggetriebe. Es schaltet wie am Schnürchen, der Ampelstart ist forsch, die Lenkunterstützung dagegen wurde verschlimmbessert. Es ist gewöhnungsbedürftig, am Steuer gegen einen leichten Widerstand anzukämpfen. Eigentlich hätte sich nach einiger Zeit der Müdigkeitswarner melden müssen, der unter anderem auf nachlässige Lenkbewegungen reagiert. Aber die Kaffeetasse im Display blinkte nicht.

Der "Attention Assistant" ist übrigens genauso serienmäßig wie der Bremsassistent, Seitenairbags für Fahrer und Beifahrer sowie ein Knie-Airbag für den Piloten. Aus der Rentnerschaukel von damals wurden allerlei Annehmlichkeiten in die verjüngte A-Klasse überführt. Schönstes Beispiel: die Sitzheizung (345 Euro), die entwickelt wurde, um die altersempfindliche Blase und die chronisch angegriffene Prostata zu verwöhnen.

Von der Seniorenschaukel zum jugendlichen Auto

Und zum Einparken war nicht mehr die 180-Grad-Drehung der Wirbelsäule nötig. Die Parkhilfe piepst in der neuen A-Klasse für 803 Euro. Diese Features sind alle sehr nützlich, aber die meisten kosten einen stattlichen Aufpreis, gerade bei Mercedes.

Ein Alleinstellungsmerkmal hat die A-Klasse auf jeden Fall eingebüßt. Der prächtige Hochsitz erlaubte es, dass man sich rücklings hineinplumpsen lassen konnte. Aber da niemand wirklich ein Seniorenauto haben will, schon gar nicht die Alten, setzt Mercedes jetzt konsequenterweise auf eine neue Käuferschicht: die Jungen. Die sollen ein jugendliches Auto kaufen.

Das ist zumindest mal ein Anfang, auch wenn diese Zielgruppe statistisch gesehen langfristig schrumpft.

Quelle: dapd
14.01.13 1:18 min.
In Detroit stellte General Motors auf der North American International Auto Show die siebente Corvette-Generation vor und Mercedes-Benz will mit dem neuen CLA junge Käufer ansprechen.
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Mercedes-E-Klasse

Eine Milliarde Euro für ein Facelift

Co-Kommentar
  • Jugendlich, sportlich,

    aggressiv. Das ist das Image, das die Strategen der neuen A-Klasse mitgegeben haben. Damit wollen sie bei den Jungen punkten. Ihre Rechnung haben sie jedoch ohne meinen Opa Buchner gemacht. Er ist 90 Jahre alt – und schwärmt für die A-Klasse. Das sei für ihn das derzeit schönste Auto. All meine Belehrungen, das Auto liege tief und er hätte bestimmt Schwierigkeiten, rein- und rauszukommen, nutzten nichts. Opa Buchner blieb dabei. „Sollen sich doch die Alten die B-Klasse kaufen.“ Denise Juchem, Motorredaktion

  • Ich gebe zu, ich war nie

    ein großer Fan des „Oma-Autos“ A-Klasse. Aber nun, da die neue Generation so ist wie alle anderen Autos, fängt man doch an nachzudenken – die Gesellschaft altert und die Original-A-Klasse hatte durchaus treue Fans. Meiner Oma würde ich die neue Generation jedenfalls nicht empfehlen, allein schon deshalb, weil sie viel zu unübersichtlich geworden ist. Liebe Autoentwickler: Ich finde Tot-Winkel-Assistenten klasse. Noch besser finde ich allerdings Autos, in denen ich beim Schulterblick noch mehr sehe als Blech und Kopfstützen. Kai Kolwitz, Motorredaktion

  • Die neue A-Klasse will alles

    allein machen. Als Erstes zieht sich nach dem Anschnallen der Gurt straff. Wie von Geisterhand. Das Navi zeigt, wie schnell ich fahren darf, der Abstandswarner meldet sich, wenn die Parklücke, in die ich reinfahren möchte, zu klein ist. Das Lenkrad vibriert, wenn ich eine Linie überfahre, der Scheibenwischer wischt von selbst los, und die Automatik schaltet in den sieben Gängen automatisch hin und her. Ein Glück, dass ich noch selbst lenken, Gas geben und bremsen darf. Das Auto möchte selbst fahren, ich aber auch! Stefan A. Runne, Fotoredaktion, privat: VW Golf IV

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