16.01.13

Elektro-Pick-ups

Die dicksten Brummer summen jetzt ganz leise

Niemand fährt so ungeniert so große Wagen wie die Amerikaner. Jetzt ist einer ihrer Autobosse auf die Idee gekommen, wie man den Benzindurst der riesigen Pick-ups und SUVs zügelt. Aber das kostet.

Von Stefan Anker
Foto: dapd

Der frühere GM-Vorstand Bob Lutz (r.) im Gespräch mit einr holografischen Darstellung des Glühbirnen-Erfinders Thomas Edison. Es geht um den Elektroantrieb.

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In den USA haben sie ja einen besonderen Sinn für die Show, aber diese Vorführung war fast ein bisschen unheimlich. Bob Lutz, einer der größten amerikanischen Automanager, sprach mit einem Toten: Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, erschien bei der Detroit Motor Show als Hologramm, und Lutz plauderte mit ihm über die Elektrizität im Allgemeinen und das Elektroauto im Besonderen.

Natürlich war dieser Edison nur ein Schauspieler, doch das Spiel zwischen den Generationen hatte einen ernsten Hintergrund: Lutz, der nächsten Monat 81 wird und den ganzen Text dieser Nummer auswendig konnte (oder einen sehr gut versteckten Teleprompter hatte), stellte sich hinterher noch ans Rednerpult und verkündete eine kleine Revolution: den elektrisch angetriebenen Pick-up. Ein monströses Showcar stand gleich hinter ihm, dazu rollte noch ein beinahe ebenso riesiges SUV auf die Bühne, und der Kleintransporter an der Seite fiel dann schon gar nicht mehr auf.

"Das Hybridauto hat ein Problem"

Viamotors heißt die Firma, bei der Bob Lutz heute im Vorstand sitzt, und die Autos, die sie im Sommer 2014 auf den Markt bringen will, folgen dem Konstruktionsprinzip des ebenfalls von Lutz verantworteten Chevrolet Volt/Opel Ampera.

In seiner Zeit als Entwicklungsvorstand und Chefstratege von General Motors hatte der gebürtige Schweizer Lutz ein großes Ziel: die Vorherrschaft des Toyota Prius bei den alternativ oder teilelektrisch angetriebenen Autos zu brechen. "Das Hybridauto hat ein Problem: Es verbraucht Benzin", hatte Lutz damals der "Welt" gesagt. Heute steht es ganz ähnlich im Viamotors-Prospekt: "Die beste Methode, die Wirtschaftlichkeit zu verbessern, ist kein Benzin zu verbrauchen."

"Ich würde heute keinen Volt mehr machen"

402 PS leistet der Elektromotor, der den sage und schreibe 5,85 Meter langen SUV antreibt. Offiziell geht das 30 bis 45 Meilen gut (49 bis 74 Kilometer), dann muss das Auto nachgeladen werden. Dazu braucht es aber nicht unbedingt eine Steckdose, sondern wie beim Volt und Ampera ist ein Benzinmotor eingebaut, der während der Fahrt über einen Generator die Akkus lädt.

"Wenn ich heute bei GM noch einmal mit dieser Technik anfangen könnte, dann würde ich keinen Volt machen, sondern einen elektrischen Escalade." Dieses Cadillac-SUV ist so ziemlich der dickste Brummer im Konzern und eines der Synonyme für unmäßigen Benzindurst. "Aber je mehr ein Auto verbraucht, desto mehr Sinn ergibt doch der Elektroantrieb."

Batteriehersteller ist insolvent

Und so hat sich Viamotors den Chevrolet Suburban als Basisfahrzeug ausgesucht, dieses Auto gibt es sowohl als Pick-up als auch in einer SUV-Version. Die Größe des Wagens sei kein Problem für die Technik, sagt Lutz. "Man nimmt einfach eine größere Batterie und stärkere Motoren."

Eine schwierigere Herausforderung sei, dass der Batteriehersteller gerade Insolvenz angemeldet habe. Wenn er den Betrieb tatsächlich einstellen müsste, dann wäre wohl der geplante Verkaufsstart im Sommer gefährdet.

E-Pick-ups kosten das Doppelte

Doch selbst wenn alles klappt, könnte der hohe Preis der großen Elektrowagen zum Problem werden. "Sie werden etwa doppelt so viel kosten wie die normalen Ausführungen", sagt Lutz. Für Flottenbetreiber, an die sich Viamotors zunächst wendet (darum auch der Transporter am Stand), könne die Sache trotzdem interessant sein.

"Sie haben nicht nur weit geringere Energiekosten, sondern müssen auch weniger für Wartung ausgeben", sagt Lutz. Weil die Autos keine Kupplung haben und kein Getriebe, und weil man ihre Bremsen kaum verschleißen könne.

Theoretisch sind 2,3 l/100 km möglich

Sobald der Fahrer eines Elektroautos vom Gas geht, dreht der Motor seine Arbeitsrichtung um und dient als Generator, um die Akkus zu laden. Das hat eine bremsende Wirkung auf das Auto, so dass man das Pedal nur noch sehr sanft treten muss, um anzuhalten.

Die entscheidende Sparmöglichkeit aber liegt im Energieeinsatz. Lege das Auto pro Tag nur 40 Meilen zurück, was laut Viamotors 75 Prozent aller amerikanischen Fahrer tun, dann benötige es gar kein Benzin. Kommen 50 Meilen zusammen, dann ergebe sich ein Wert von 100 Meilen per Gallone (mpg), umgerechnet 2,3 Liter auf 100 Kilometer. Für 60 Meilen am Tag gibt Viamotors 60 mpg an (3,9 l/100 km), und wer lange Strecken jenseits der 200 Meilen zurücklegt, kommt auf 25 mpg (9,3 l/100 km). Immer nach Norm gerechnet natürlich.

Privatkunden dürften noch abwarten

Ein kleiner Nachteil des Konzeptes ist die Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf 85 Meilen (139 km/h), was angesichts von 402 PS und 400 Newtonmeter Drehmoment nicht als übermäßig schnell erscheint. Andererseits wiegt das Auto fast 2500 Kilogramm; Akkus sind zudem ziemlich empfindlich, was Vollgasfahrten angeht, und für US-Highways sind 85 Meilen ohnehin mehr als genug.

Mit zwei amerikanischen Unternehmen hat Viamotors schon Lieferverträge abgeschlossen, ob jemals Privatkunden den Elektroaufpreis von 30.000 bis 40.000 Dollar zu zahlen bereit sind, steht in den Sternen. Möglicherweise warten sie genauso ab wie beim Chevrolet Volt, der sich laut Lutz "nicht so gut verkauft wie erhofft".

Auch neue Benzin-Pick-ups

Und für die Interessenten klassischer Pick-ups und Geländewagen hat die Detroit Motor Show ja ebenfalls eine Menge zu bieten. Chrysler bringt mit dem Jeep Grand Cherokee die kleinste Neuheit und mit dem Dodge Ram auch die größte. Irgendwo dazwischen liegen die Neuauflagen von Chevrolet Silverado und GMC Sierra, beide von GM und beide ebenso US-Klassiker wie Fords F-Serie.

Dieses Modell, vom F-150 bis zum F-350, wird erst nächstes Jahr erneuert, Ford zeigt mit dem Atlas wenigstens schon mal eine Studie. Bemerkenswert ist deren relativ kleiner V6-Motor mit nur 300 PS. Er gehört zur modernen Ecoboost-Familie des Herstellers und soll gut mit dem wuchtigen Wagen zurechtkommen, weil der dank des verstärkten Einsatzes von Alublechen um 300 Kilogramm abgespeckt hat.

Ford F-350 jenseits von Gut und Böse

Trotzdem stehen die aktuellen Varianten der weltweit erfogreichsten Pick-up-Reihe (700.000 Zulassungen pro Jahr in USA) auf der Messe. Überall sind brav die Mpg-Zahlen mit angegeben, dann und wann liegen sie natürlich auch unter 20 (das wären also nach US-Norm über 11,5 l/100 km).

Nur der F-350 mit seinem 6,7 Liter großen V8-Diesel ist so groß und schwer, dass er offensichtlich schon zu den Lkw gezählt wird. Auf dem Schild mit dem Preis (63.395 Dollar) und den technischen Daten steht in Großbuchstaben: "Verbrauchsangaben sind für dieses Fahrzeug nicht erforderlich."

"Welt"-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Autonews und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen. Oder Sie schauen auf seiner Facebook-Seite vorbei, wo auch ein Video des selbst einparkenden Autos zu sehen ist.

Die Reise zur Präsentation des pilotierten Fahrens wurde unterstützt von Audi. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

Quelle: dapd
14.01.13 1:17 min.
Fast jeder sechste Neuwagen in Deutschland ist ein Geländewagen. Auch auf der internationalen Automesse in Detroit stehen sportliche SUV im Fokus. Dort stellen Audi und Porsche ihre neue Modelle vor.
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