31.12.12

Testserie "Autoquartett"

Der Elektro-Smart fordert viel von seinem Fahrer

Sehr lange kreißte der Daimler-Berg, doch auch er gebar nur eine kleine Elektro-Maus: Der Smart Fortwo Electric Drive kann einfach nicht die Lösung für die Mobilität der Zukunft sein.

Von Stefan Anker
Foto: Daimler

Den Smart Fortwo Electric Drive gibt es in auffälliger Grün-Weiß-Lackierung, aber man kann ihn auch dezenter bestellen.

11 Bilder

Schwierig. Wenn jemand ein Produkt verkaufen will mit den Worten: "Das Umdenken beginnt", was soll man schon davon halten? Schließlich wollen die meisten Leute beim Autokauf einfach ein Auto. Neue Verhaltensmuster einüben wollen sie eher nicht.

Aber vielleicht ist der Fall beim Smart-Fahrer auch ganz anders gelagert. Der ist ohnehin ein Umdenker, immer schon gewesen. Zwei Sitze statt vier, trotzdem ein Preis, der eher mit VW als mit Dacia konkurriert – der Smart-Kunde ist einiges gewohnt. So wird man ihm vielleicht auch ein Elektroauto schmackhaft machen können.

Es war einmal ein Swatch-Auto

Nach mehrjähriger Versuchsphase hat der Riesenkonzern Daimler endlich das kleine Auto so hinbekommen, wie es seine geistigen Väter, darunter Nicolas Hayek, mal erdacht hatten.

Nicolas Hayek? Genau, der umtriebige Schweizer, der die Uhrenmarke Swatch erfand, weshalb der Ur-Smart mal als Swatch-Auto bekannt wurde. Aber das war, bevor Daimler Ernst machte damit, als Produkt hieß er immer nur Smart.

Der E-Motor kommt erst im 14. Jahr

Als Produkt hatte er zwar noch die von Nicolas Hayek ersonnene Minikarosserie und die zwei Sitze (weshalb er mit vollem Namen Smart Fortwo heißt), aber ansonsten war er nie besonders alternativ. Mit Elektromotor jedenfalls kommt der Smart erst jetzt auf den Markt, im 14. Jahr seines Bestehens.

18.910 Euro kostet er, das ist einerseits viel teurer als ein normaler Smart, den es schon ab 10.275 Euro gibt. Andererseits ist man versucht zu denken: Sieh an, so hoch muss der Aufpreis für die Elektrotechnik gar nicht sein.

Batterien können gemietet werden

Gemach. Wie Renault beim Fluence wendet Daimler einen kleinen Trick an und verkauft die Batterien nicht mit, sondern vermietet sie. Für 65 Euro pro Monat über zehn Jahre.

Das macht 7800 Euro, eine stattliche Summe. Zumal man den Smart Fortwo ed auch für 23.680 Euro komplett erwerben kann, dann beträgt der Akku-Aufpreis nur 4770 Euro.

Elektroautos bleiben kompliziert

Andererseits trägt der Besitzer dann auch das volle Risiko, im Falle der Vermietung ist es Daimler: Selbst wenn nach neun Jahren und elf Monaten die Akkus den Heldentod sterben, verspricht der Hersteller, sie kostenlos zu ersetzen. Für den Fall, dass man einen Smart nicht zehn Jahre besitzen möchte: Der Mietvertrag geht dann auf den nächsten Eigner über.

Ist das vielleicht schon eine Spur zu viel Umdenken? Wollte man nicht einfach nur ein Auto, ein niedliches, kleines für die Stadt? Elektroautos bleiben eben kompliziert, sowohl gedanklich als auch im täglichen Umgang.

In der Stadt ist alles in Ordnung

Fährt man den Smart ed in der Stadt, ist eigentlich alles in Ordnung. Natürlich muss man häufiger zur Reichweitenanzeige linsen als sonst auf die Tankuhr, aber für fünf, zehn oder 20 Kilometer ist meistens noch Energie da.

Man kann sich für ein halbes Stündchen ins Gewimmel stürzen, den leisen Lauf des E-Motors genießen, und auch die Kraftentfaltung ist okay: 130 Newtonmeter Drehmoment aus dem Stand, das ist in der Welt des Smart ein Wort. Es entspricht dem Wert des Dieselmodells und wird nur von dem Benziner im Brabus-Tuning (140 Newtonmeter, 102 PS) übertroffen.

Maximal stehen 75 PS zur Verfügung

Hinsichtlich der Leistung steht der Elektro-Smart auch ganz gut im Futter: 48 PS sind es immer, und bei maximalem Bedarf ruft der Fahrer sogar 75 PS ab. Dann aber beginnen auch die Probleme. Denn rapide werden jetzt die Zahlen der Reichweitenanzeige kleiner. Sicher, man könnte auf der Autobahn auch 80, 90 fahren. Aber kann man das wirklich?

Also Vollgas. Mit 125 km/h saust der Smart dahin, nun wird er auch nicht mehr von Lastzügen überholt, und er ist so schnell, dass sich die Smart-typische Seitenwindempfindlichkeit bemerkbar macht.

Sehr schnell verpufft die Reichweite

Noch eine Abfahrt weiter? Längst zeigt das Instrument nicht mehr 115 Kilometer an wie zu Beginn der Fahrt, sondern 80, dann schon 70, 65, bald 55 – viel schneller verpufft die Reichweite, als das Auto Kilometer abspult. Zwischen beiden Abfahrten lagen doch nur zehn Kilometer, wenn überhaupt.

Wer ein Elektroauto besitzt, braucht in solchen Fällen gute Nerven. Oder doch noch etwas mehr Eingewöhnungszeit, als sie ein paar Testtage bieten. Jedenfalls war die Strecke zur rettenden Steckdose noch knapp 30 Kilometer lang, als der Bordcomputer so schnell gen null zählte, dass wir die Autobahnfahrt abbrachen und auf der Landstraße weiterrollten. Dabei erholte sich das System dann wieder, und am Ende standen immer noch 40 Kilometer zu Buche.

Sieben Stunden muss der Smart an die Steckdose

145 Kilometer Gesamtreichweite gibt Daimler an, aber das bezieht sich wie beim Benzin-, Diesel- oder Erdgasauto auf den Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ), der die Wirklichkeit nur ausschnitthaft abbildet.

Sieben Stunden muss das kleine Auto an die Steckdose, wenn die Akkus komplett leer sind und ganz vollgeladen werden müssen. Man kann aber auch zwischenladen, ohne Nachteile für die Kapazität zu fürchten, denn Daimler setzt im Smart Lithium-Ionen-Akkus ein. Laut Datenblatt können in sieben Stunden Ladezeit bis 23,1 Kilowattstunden verbraucht werden, während die Akkus nur 17,6 speichern.

Energieverlust beim Kühlen der Akkus

Die Differenz wird bei höheren Außentemperaturen fürs Thermomanagement benötigt, vulgo: die Kühlung der Akkus beim Laden. Mit dem Problem steht der Smart nicht allein da, trotzdem kommen bis 1,65 Euro pro 100 Kilometer hinzu, ohne dass sich das Auto rührt. Man muss halt umdenken.

Am Ende aber soll das Positive stehen: Der elektrisch betriebene Smart hat, wie alle E-Autos, kein herkömmliches Getriebe. Der Smart besitzt ein Eingang-Getriebe mit fester Übersetzung.

Endlich hört das störende Nicken auf

Auch wenn man als traditioneller Autofahrer hier etwas vermisst (umdenken!), dürften geübte Smart-Piloten den Tag preisen, an dem sie auf den Elektroantrieb umsteigen: endlich nicht mehr dieses zwanghafte Nicken, wenn das automatisierte Schaltgetriebe die Gänge wechselt. Das ist einen Aufpreis wert. Aber mehr als 8000 Euro?

"Welt"-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Auto-News und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen.

Quelle: dapd
07.09.2012 0:46 min.
Papst Benedikt XVI. hat vom französischen Autohersteller Renault ein umweltfreundliches Elektrofahrzeug geschenkt bekommen. Das verschafft dem 85-Jährigen den Spitznamen "grüner Papst".
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Jeremy Scott beflügelt den Smart

Co-Kommentar
  • Autobahn? Vergiss es.

    Sie kennen sicher Herrn Tur Tur? Den Scheinriesen aus den Jim-Knopf-Geschichten: Je näher man ihm kommt, desto kleiner wirkt er. Beim Smart gibt es auch einen Tur-Tur-Effekt: Der ist zwar ein Autozwerg, aber wenn man ganz nah vor ihm steht, kommt er einem noch winziger vor. Da soll ich reinpassen? Doch das Wägelchen bietet überraschend viel Platz und Komfort für den Fahrer. Und wie der batteriegetriebene Electric Drive abgeht! Damit kann man an der Ampel glatt einen Porsche abhängen. Köstlich. Doch beim Blick auf die Batterieanzeige trübt sich der Fahrspaß – die Nadel geht beängstigend schnell gen null. Und wer außerhalb der Stadt auf die Autobahn will, dem sei gesagt: Vergiss es.

  • Besser als der Twizy

    Den Renault Twizy mit Elektroantrieb, aber ohne Fenster, Türen und Heizung, fand ich witzig, innovativ und unpraktisch. Da ist der Smart für mich die bessere Wahl. Er hat alles, was mir beim Twizy gefehlt hat. Der Smart ist zwar klein, aber er ist ein echtes Auto, mit allen Annehmlichkeiten. Unser Testwagen war sogar mit einer Sitzheizung ausgestattet. Da ich jedoch so fasziniert von der Reichweitenanzeige war und möglichst weit mit einer Stromladung kommen wollte, habe ich noch nicht einmal die normale Heizung eingeschaltet. Es war also auch nicht viel wärmer als im Twizy.

  • Abschließbarer Stecker

    Das Blech gewordene Meerschweinchen ist wohl die naheliegendste Art, ein Auto zu elektrifizieren. Dass man erst 2007 bei Smart auf den Trichter kam, verwundert. Der Motor schnurrt, die Schaltung ruckelt dank des Eingang-Getriebes kein bisschen, das Aufladen funktioniert fast so bedienerfreundlich wie bei einem Handstaubsauger. Kurz an die Steckdose rangiert, Stecker und Kabel aus dem Kofferraum, Stecker rein – und der Strom fließt. An mögliche zwielichtige Ersatzteiljäger wurde auch gedacht. Ist der Wagen verschlossen, lässt sich der Stecker vom Smart nicht abziehen. Das Beste aber ist das Raumkonzept, von dem sie sich bei Ikea ein Scheibchen abschneiden könnten. Wie bei einer Studentenbude wurde jeder Zentimeter im Innenraum genutzt. Nur die Mittelkonsole fehlt, aber auch für das Portemonnaie findet sich im Handumdrehen ein Platz – im Gepäcknetz hinter dem Fahrersitz.

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