29.12.12

Extrem-SUV

Kommt ein dicker Range Rover geflogen

Bislang können nur Profis den Bowler EXR fahren, so wie im Januar beim Start der Dakar-Rallye 2013. Danach werden die ersten straßenzugelassenen Modelle ausgeliefert. Wir haben das Auto ausprobiert.

Foto: Charlie Magee

Gegen ihn sind selbst Gelände-Giganten wie der Porsche Cayenne Turbo S oder der Mercedes ML 63 AMG nur langweilige Spielzeug-Autos.

11 Bilder

Wenn am 5. Januar in der peruanischen Hauptstadt Lima die Dakar-Rallye gestartet wird, dürften ein Dutzend reiche Raser auf der ganzen Welt besonders gespannt vor dem Fernseher sitzen. Denn eines der Autos, das dort auf einen zwei Wochen währenden Höllentrip von 8000 Kilometern wartet, wird demnächst auch bei ihnen in der Garage stehen – beinahe zumindest.

Einen hohen Grad an Rallye-Realismus verspricht jedenfalls Drew Bowler seinen Kunden. Der Brite aus Belper in Derbyshire gehört zu den renommiertesten Rallye-Konstrukteuren der Welt, baut seit fast drei Jahrzehnten Autos für Wettbewerbe und hat seit Jahren eine ganze Flotte von Geländewagen im Dakar-Feld.

Doch mittlerweile sind ihm die Marathon-Rallyes nicht mehr genug. Weil ihn die Motorsport-Organisation mit ihren permanenten Regeländerungen und der Absage der Dakar schon einmal an den Rand des Ruins gebracht hat und weil das Interesse an seinen Boliden auch außerhalb der Rallyes immer größer wurde, legt Bowler jetzt zum ersten Mal auch ein Straßenfahrzeug auf.

E wie extrem, S wie Straße

EXR-S heißt der Hardcore-Geländewagen, und sein Name ist Programm, sagt Bowler. Denn EXR steht für nichts anderes als "Extreme Rallye". Als Basis dient der Range Rover, aber das S für Street ist nicht viel mehr als ein Alibi.

"Wir wollen kein Luxusspielzeug für verwöhnte Millionäre bauen", sagt Bowler und steckt damit die Grenzen zu Werkstunern wie Mercedes-AMG oder der BMW M GmbH und zu herkömmlichen Veredlern wie Brabus ab – obwohl Bowler mit einem Preis von rund 230.000 Euro ziemlich genau in dieser Liga fährt. "Unsere Autos bleiben auch in der Straßenversion brachiale Sportgeräte, bei denen Komfort völlig nebensächlich ist", sagt Bowler.

Als einzigen Tribut an den Alltag rang er sich zu einer Klimaanlage und einem Navigationsradio durch und zu zwei Notsitzen für jeweils gut 6000 Euro, damit Papi zwischen der Fahrt ins Büro und dem Ausflug auf einsame Feldwege auch mal den Nachwuchs zur Schule bringen kann.

Renntechnik in Reinform

Ansonsten erwartet das knappe Dutzend Erstkunden, das den Bowler bereits bestellt hat und deshalb jetzt so aufmerksam die Dakar verfolgen wird, Renntechnik in Reinform. Man klettert beim Einsteigen erst einmal durch einen Überrollkäfig, bevor man in tief ausgeschnittene Schalensitze fällt. Dann lässt man die dünne Tür ins Schloss fallen, schiebt gegen die Platzangst die winzige Luke in der Plastikscheibe auf und nestelt sich die breiten Hosenträger-Gurte vor den Bauch.

Die sollte man am besten doppelt und dreifach straff ziehen. Denn was dann beginnt, ist ein Spektakel, das jeden anderen Geländewagen zu einem Kinderspielzeug stempelt.

Mit einem ohrenbetäubenden Lärm startet der V8-Motor, den sich Bowler bei Land Rover ausgeliehen hat. Von allen elektronischen Leistungshemmern befreit, kommt das fünf Liter große Kraftpaket mit dem riesigen Kompressor nun auf 557 PS. Und weil Bowler sich jegliche Dämmung gespart und den Auspuff zu einem Stummel beschnitten hat, der hinter der Fahrertür ins Freie dringt, bebt bei jedem Gasstoß der Boden.

Dagegen verblasst der Bugatti Veyron

Dann schiebt man den ebenfalls aus dem Range Rover bekannten Schaltknauf auf dem karbonverkleideten Mitteltunnel in D-Stellung und erlebt, wie in Sekundenbruchteilen das persönliche System der PS-Koordinaten in sich zusammenfällt: Physikalische Gesetze wie die Trägheit der Masse oder eventuelle eigene Erfahrungen wie eine Probefahrt in einem Bugatti Veyron – all das kann man vergessen, wenn dieses britische Ungetüm losstürmt, als wolle es den Horizont einholen.

Kurz bäumt sich der Bowler auf wie ein Rennpferd beim Start, der Motor brüllt alles nieder, und der Koloss katapultiert sich nach vorn. 4,2 Sekunden von 0 auf 100 lassen nicht nur SUV-Sportler wie den Porsche Cayenne Turbo S oder den Mercedes ML 63 AMG blass aussehen. Da muss man selbst in einem Sportwagen von Porsche oder Ferrari ordentlich Gas geben. Nur bei Vollgas muss der Bowler diese Boliden ziehen lassen. Bei Tempo 250 wird der Motor abgeregelt.

700 Kilo weniger als der Range Rover

Doch auch Bowler kann die Gesetze der Physik nicht überlisten, weshalb er den Straßen-EXR radikal abgespeckt hat. Sein Geländewagen ist kein Luxuspanzer, sondern ein Leichtgewicht: Dank der Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff, den Plastikscheiben und dem komplett ausgeräumten Innenraum wiegt der Bowler 700 Kilo weniger als ein Range Rover Sport. Kein Wunder, dass sich der Kavalierstart mit diesem Kaventsmann anfühlt, als wolle eine kleine Cessna mit den Triebwerken des Airbus A-380 abheben.

Aber der Bowler ist nicht nur auf der Geraden schnell. Die breiten Gummiwalzen auf den 22-Zöller-Felgen bilden eine Einheit mit dem Asphalt. Die Gummis quietschen zum Gotterbarmen, das Heck probt für angstvolle Augenblicke den Ausbruch, dann reißt es den Wagen herum, und schon hat man die nächste Gerade vor Augen. Das ist PlayStation, bloß besser.

Nur die Sache mit dem Bremsen muss man sich gut überlegen. Weil sich auch da die 700-Kilo-Diät bemerkbar macht und die Scheiben in den wuchtigen Rädern groß sind wie eine Familienpizza, hat der Bowler eine immense Bremskraft. Wer nicht aufpasst, lernt schmerzhaft, wie sich die Fliegen draußen an der Scheibe fühlen. "Wir hatten nicht umsonst geraten, die Gurte ganz besonders stramm zu ziehen", sagt Drew Bowler mit einem zufriedenen Lächeln.

Flache Motorhaube, böses Design

Zu den atemberaubenden Fahrleistungen gibt es ein bitterböses Design, das jedem anderen SUV die Schau stielt. Denn mit seinen endlos weit ausgestellten Kotflügeln, der flachen Motorhaube, der Coupé-Silhouette mit Bodybuilder-Konturen, dem platten Dach und dem breiten Heck sieht der Bowler aus wie eine Kreuzung aus Land Rover und Lamborghini und erinnert nur noch entfernt an den Range Rover Evoque, dessen Form Bowler offenbar mal als Vorbild gedient hat.

Gebaut wird der EXR-S genau wie die offiziellen Rallyefahrzeuge weitgehend in Handarbeit. Im Augenblick hat Bowler dafür ein knappes Dutzend Mitarbeiter, die sechs Wochen pro Fahrzeug brauchen. Bevor es in diesem Frühjahr losgeht, hat er seine Mannschaft aufgestockt und eine größere Werkstatt gefunden. Jetzt sollen die Fertigungszeit auf eine Woche und die Produktionskapazität auf 50 Autos im Jahr steigen.

Damit sei man immer noch flexibel genug, um jedem Kunden sein individuelles Auto zu bauen, verspricht der Chef. Damit meint er nicht nur das Design und die Ausstattung, sondern auch das Setup des Fahrwerks. "Ein Fahrzeug für die Golfstaaten werden wir anders abstimmen als eines, das durch englische Grafschaften, über usbekische Kartoffeläcker, amerikanische Highways oder deutsche Autobahnen fahren soll", sagt Bowler und umreißt damit gleich die geografische Herkunft seiner Interessenten.

Partnerschaft mit Land Rover

Drew Bowlers Leidenschaft für den Rallyesport reicht zurück bis in seine Kindertage. Damals ist er auf scharf gemachten Mofas und Motorrädern durch Feld, Wald und Wiese gepflügt. "Doch als sich mein Bruder dabei beinahe den Hals gebrochen hat, hat unsere Mutter uns verboten, jemals wieder auf ein Motorrad zu steigen."

Nachdem es lange Jahre allenfalls ein friedliches Miteinander gab, haben Bowler und Land Rover jetzt sogar ein offizielles Kooperationsabkommen geschlossen. Deshalb macht sich der Rallye-Papst auch keine Sorgen über den bevorstehenden Modellwechsel für den Range Rover Sport, von dem er neben Motor und Getriebe auch den Rahmen, Teile des Fahrwerks und ein paar Kleinteile wie den Kabelbaum oder das Lenkrad übernimmt. "Ich brauche keine ganzen Fahrzeuge, sondern nur eine Handvoll Ersatzteile", sagt Bowler. "Und da ist die Versorgung über die nächsten Jahre gesichert."

Die Reise zur Testfahrt mit dem Bowler wurde unterstützt von Land Rover. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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