22.12.12

Spielzeug

Warum es in Deutschland Milliarden Modellautos gibt

Mehr als 100.000 Deutsche sammeln Miniaturautos. Die billigsten kosten einige Euro, seltene Exemplare über 10.000 Euro. Unser Autor, selbst passionierter Jäger und Sammler, erklärt seine Leidenschaft.

Foto: Ulrich Biene/Wiking

Früher Spielzeug, heute begehrte Sammlerobjekte ...

25 Bilder

Das Volkswagen-Automuseum in Wolfsburg beherbergt 140 Modelle. Nicht schlecht. Im Mercedes-Benz-Museum zu Stuttgart werden 160 Fahrzeuge präsentiert. Beeindruckend. Die Kollektion der Gebrüder Schlumpf in Mülhausen im Elsass, die sich selbst als das größte Automobilmuseum der Welt anpreist, besteht aus 437 Oldtimern von 97 Herstellern. Da kann man nicht meckern.

Trotzdem gibt es zumindest ein Automuseum weltweit, das größer ist: meines. In meiner Garage, immerhin achtgeschossig, sind aktuell 684 Modelle von 105 Autoherstellern versammelt, Tendenz: steigend.

Ich sollte allerdings hinzufügen, dass ich ein paar Millionen weniger für meine Autosammlung ausgegeben habe als die Gebrüder Schlumpf (die so viel Geld in ihre Leidenschaft steckten, dass sie sich am Ende ruinierten) und dass meine Garage ein 1,60 Meter hoher Vitrinenschrank ist, der problemlos in mein Schlafzimmer passt. Denn ich sammle keine echten Fahrzeuge, sondern ausschließlich solche im Maßstab H0, also in 1:87.

Mein erster Mercedes: Eine S-Klasse aus Plastik

Und das seit 1977. Damals bekamen mein Bruder und ich eine Fleischmann-Eisenbahn zu Weihnachten geschenkt, mitsamt Zubehör, das aus einigen Plastikhäusern, einem Miniaturbahnhof und mehreren kleinen Plastikautos bestand, darunter eine eidottergelbe S-Klasse: mein erster Mercedes, der bei Wiking in West-Berlin, so stand es auf der Bodenplatte, vom Band gelaufen war und selbst als Miniatur noch einen winzigen Mercedes-Stern auf der Kühlerhaube hatte.

Dieses Detail, diese Perfektion hatten mich schon als Kind fasziniert. Modelleisenbahn und Häuschen sind längst verschwunden, der automobile Fuhrpark aber ist geblieben – und seit 35 Jahren konsequent angewachsen.

Bis zu 120.000 Modellautosammler in Deutschland

Mein Bruder verlor bald das Interesse an den Autominiaturen, er investierte sein Taschengeld lieber in Beatles-Platten. Ich jedoch war von den winzigen, so ungemein detailgetreuen Modellautos hin und weg, konnte sie stundenlang begeistert anstarren oder spielte – ebenfalls stundenlang – mit ihnen heimlich auf meinem Schreibtisch, an dem ich eigentlich saß, um Hausaufgaben zu machen. Überholmanöver und Unfallszenen im Maßstab 1:87 waren eben viel spannender als das Büffeln von Primzahlen oder Vokabeln.

Mit meiner Sammelleidenschaft stehe ich, das habe ich inzwischen herausgefunden, nicht allein da. "Grob geschätzt gibt es deutschlandweit 100.000 bis 120.000 hartnäckige Sammler", sagt Andreas A. Berse, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Modell Fahrzeug". Wie viele Modellautos in deutschen Kinderzimmern und Sammlervitrinen stehen, hat leider noch niemand offiziell gezählt, "aber die Zahl dürfte in die Milliarden gehen", schätzt Berse, wobei er von Modellen aller möglichen Maßstäbe redet. Neben 1:87 sind hierzulande vor allem 1:43 und 1:18 populär.

97 Prozent der Sammler sind Männer

Den typischen Sammler gibt es nicht, sagt Berse: "Vom Kind bis zum Opa, vom Harz-IV-Empfänger bis zum Vermögenden ist alles dabei. Allerdings sind fast nur Männer darunter, geschätzte 97 Prozent."

Die Motive seien bei vielen Sammlern ähnlich: "Die einen erinnern sich als Erwachsene, mit welchen – längst abhanden gekommenen – Modellen sie als Kind gespielt haben und kaufen sich diese Modellautos Stück für Stück zurück, von Matchbox über bis Wiking. Die anderen wollen alle Autos, die sie schon mal gefahren sind, als Modell haben. Die meisten machen dann weiter und bauen sich ihr eigenes Automobilmuseum."

Viele Sammler spezialisieren sich

Früher oder später fange aber jeder an, sich zu spezialisieren, sagt Berse. Schließlich sei der Markt mit rund 150 Herstellern weltweit inzwischen viel zu groß und unüberschaubar. "Viele sammeln nur bestimmte Hersteller, andere spezialisieren sich auf Blaulichtfahrzeuge, Traktoren oder Formel-1-Rennwagen."

Oder man sammelt nur Modelle eines bestimmten Herstellers. Am weitesten verbreitet sind in Deutschland die Miniaturen aus dem Hause Wiking. Die Firma wurde 1936 ins Handelsregister von Groß-Berlin eingetragen, begann mit Schiffsminiaturen und schwenkte nach dem Zweiten Weltkrieg im damaligen West-Berlin alsbald auf Plastikautos im H0-Maßstab um. Heute sitzt Wiking in Lüdenscheid, 2012 eröffnete dort sogar ein eigenes Museum, die "Siku-Wilking-Modellwelt".

110 Millionen Wiking-Autos

Bei Wiking rollen jährlich aktuell rund eine Million Fahrzeuge aus den Werkshallen, insgesamt wurden bisher mehr als 110 Millionen Modellautos ausgeliefert. Die ersten Modelle waren spartanisch gestaltet und unverglast, kein Vergleich zu den perfekten Nachbildungen, die mittlerweile produziert werden.

Die Wiking-Fangemeinde ist groß und zum Teil seit Jahrzehnten dabei: "Für viele Wiking-Sammler sind die Modelle zum lebenslangen Begleiter geworden – meist währt diese zutiefst emotionale Beziehung länger als mit der eigenen Ehefrau", sagt Ulrich Biene, Sammler seit 1974 und Autor von mittlerweile vier Fachbüchern über Wiking-Autos.

Spezialgebiet: Modelle von Leichenwagen

Ich bin auch ein Spezialsammler, allerdings nicht allein auf Wiking fixiert. Ich mochte von Anfang an das klassische Design klassischer Automobile. Deshalb sammle ich Modelle aus den 40er- bis 70er-Jahren, in denen ein Auto noch wie ein Auto aussah. Zu meinen Design-Favoriten gehören der Auto Union 1000 (ein knatternder Zweitakter, den mein Vater in den Sechzigern fuhr), die Isabella von Borgward und die BMW-Knutschkugel Isetta.

Großartig finde ich zudem die liebevoll gestalteten Leichenwagen, von denen ich Vorbilder aus west- und ostdeutscher Produktion habe, vom schwarzen VW Bus mit lila Gardinen bis zum kommunistischen Skoda, der natürlich über kein aufgedrucktes christliches Kreuz verfügt.

Ausgeprägtes Jäger-und-Sammler-Gen

Dass ich meiner Leidenschaft bis heute treu geblieben bin, hat aber auch mit meinem Jäger-und-Sammler-Gen zu tun; das ist ausgesprochen ausgeprägt. Es ist neben dem Haben-wollen-Impuls vor allem der Kitzel der Jagd auf seltene Exemplare, der mich antreibt. Denn einige Modelle sind nur äußerst schwer zu bekommen, weil sie längst aus dem Handel verschwunden, sauteuer oder nur bei merkwürdigen osteuropäischen Anbietern im Programm sind.

Wer so ein rares Gefährt in seine Vitrine stellen will, braucht Jagdinstinkt, entweder beim Mitsteigern auf Ebay oder bei der Suche nach Herstellern, die irgendwo in der Walachei sitzen, kein Deutsch sprechen und keine Email-Adresse zum Bestellen haben.

Wiking-Modellautos, die Pioniere

Vor allem aber braucht er Geld. Schon eine fabrikneue Miniatur im Maßstab 1:87 des Golf I GTI kostet 9 Euro, ein fünf Zentimeter langer Simca Marly von 1958 knallt dagegen mit über 40 Euro ins Kontor. Wer da im Jahr ein, zwei Dutzend Modelle kauft, ist schnell mit ein paar Hundert Euro dabei.

Doch es geht noch deutlich teurer: Seltene Uralt-Exemplare von Wiking kosten gut und gern ein paar Tausend Euro. Und der Markt ist gar nicht mal so klein: In Köln gibt es das Auktionshaus Saure, das sich auf Wiking-Antiquitäten spezialisiert hat und im Dezember 2012 bereits die 53. Auktion veranstaltet hat.

Ein Plastikauto für 10.100 Euro

Das teuerste dort jemals verkaufte Wiking-Gefährt war ein lindgrüner Tanksattelzug Mercedes-Benz L 5000 von 1962 mit dem Aufdruck "Thyssen", ein äußerst seltenes Werbesondermodell – es kam in der 27. Auktion für 10.100 Euro unter den Hammer. Der teuerste Pkw war ein Jaguar Sport Cabrio in orangerot, ein rares Vorserienmodell von 1958, für das ein Sammler 7762 Euro hinblätterte.

Warum kauft jemand so ein teures Modell? "Unsere typischen Kunden sind zwischen 45 und 60 Jahre alt", sagt Carsten Saure, Firmengründer und Auktionator, "die haben als Kind mit Wiking-Autos gespielt, die entdecken die jetzt wieder. Aber wer so viel Geld in ein einzelnes Modell investiert, in dem steckt sicher auch ein starkes Sammler-Gen." Buchautor Biene ergänzt: "Jeder Wiking-Sammler ist ständig auf der Suche nach seiner ganz individuellen blauen Mauritius – einem seltenen Modell, das seine Sammlung krönt und bestenfalls kein anderer hat."

Das kann ich gut nachvollziehen. Und wer weiß: Wenn ich einmal reich wär, vielleicht würde auch ich den Preis eines fabrikneuen Kleinwagens für ein gebrauchtes Modellauto bezahlen?

Ein englisches Dreirad aus Böhmen

Bis dahin jage ich allerdings in bescheideneren Gefilden. Jüngst war ich wieder erfolgreich – und brachte ein höchst skurriles Dreirad-Auto namens Reliant zur Strecke, das im Original in den 60er-Jahren in Britannien gebaut wurde und mittlerweile in winziger Auflage von einem böhmischen Spezialisten in Handarbeit gefertigt wird.

Vor ein paar Wochen habe ich es im Internet aufgestöbert und zugeschlagen, seither parkt das Gefährt in meiner Garage. Dort steht es aber nicht nur rum: Manchmal, wenn niemand zusieht, hole ich es heraus und kurve damit ausgiebig auf meinem Schreibtisch herum. Beruhigt bei Stress ungemein.

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