15.12.12

Kolumne "Autonom"

Was ist ein Mercedes ohne richtigen Stern?

Die neue E-Klasse bricht mit einem Design-Tabu: Man wird sie mit einem Kühlergrill bekommen, der eigentlich zu den Mercedes-Sportwagen gehört. Und der dieser Limousine auch nicht würdig ist.

Foto: Daimler

Neue Mercedes E-Klasse (ab 2013 zu haben) mit Sport-Grill und integriertem Mega-Stern, aber ohne die stehende Stern-Skulptur auf dem Kühlergrill
Neue Mercedes E-Klasse (ab 2013 zu haben) mit Sport-Grill und integriertem Mega-Stern, aber ohne die stehende Stern-Skulptur auf dem Kühlergrill

Reden wir über den Stern, solange es ihn noch gibt. Und bevor jetzt alle sagen, den Stern gebe es doch auf jedem Mercedes, er sei das Markenzeichen des ganzen Konzerns und er werde nie sterben, sage ich: Diesen Stern meine ich nicht.

Ich meine den Stern, der auf der Kühlerhaube sitzt. Ich meine den Stern, der sich kühn den Elementen entgegenreckt. Und ja, ich meine auch das Stück Selbstbestätigung, das man übers Lenkrad hinweg sehen kann.

Als Mercedes-Fahrer hat man ziemlich lange dieses Privileg genossen, doch irgendwann nahmen sie ihren Stern in Stuttgart auf eine andere Weise wichtig. Zuerst aerodynamisierten sie ihn nur. Sie neigten ihn ein Stück nach hinten, sie gestalteten die Motorhaube so, dass man nur noch die oberen zwei Drittel des Sterns sehen konnte. So fing es an.

Es geht nicht nur um Sportlichkeit

Dann wurde eine Wissenschaft daraus, eben keinen Stern mehr zu haben. Auf Sportwagen, nein, da passe er nicht. Die Geländewagen sollten ihn auch nicht tragen, dafür sei er zu filigran. Und die Vans vom Viano bis zur R-Klasse verdienten ihn ebensowenig wie die Kompaktmodelle A- und B-Klasse.

Bleiben die Limousinen: C, E und S. Sie halten den Stern hoch, sollte man meinen. Aber nein, in der C-Klasse gibt es seit Jahren die Avantgarde-Ausstattung mit Mega-Stern im Kühlergrill, aber keiner Stern-Skulptur obendrauf. Wird erfolgreich verkauft, muss ich zugeben, und darum machen sie es jetzt genauso mit der E-Klasse.

Um Gottes willen! Das geht nicht! Bin ich denn der Einzige, der das bemerkt? Muss eine E-Klasse um jeden Preis in Richtung Sport getrimmt werden?

Und es geht ja nicht nur um Sportlichkeit: Mal abgesehen davon, dass bei der Überarbeitung das Design schwerwiegender verändert wurde, als es für eine Modellpflege üblich ist, folgt man bei Mercedes nun auch dem Trend, nach dem ein vorbeifahrendes Auto binnen Sekundenbruchteilen einer Marke zugeordnet sein muss.

Einen Mercedes genießt man mehr von innen

Diesen Erkennungsdienst leistete über Jahrzehnte der in den Fahrtwind ragende Stern. Heute, da das Subtile nicht mehr so hoch im Kurs steht, will man offenbar auch in Stuttgart plakativer sein, so wie BMW mit dem jahrzehntealten und jedem Kleinkind bekannten Doppelnierengrill oder Audi mit dem gigantisch ausgeführten Singleframe.

Ich finde das schade. Ich stamme aus einer Zeit, in der zwar ein Mercedes auch schon die Vorfahrt eingebaut hatte, in der aber seine Besitzer sich mit einer dezenten Design-Notiz am Vorderwagen begnügten. Sie liebten ihren Mercedes, aber die meisten genossen ihn still, mehr von innen.

Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater seinen ersten (und einzigen) Mercedes fuhr, einen 200 D Ende der 60er-Jahre. Aufgestiegen vom Opel Kadett A, war er stolz, wie man eben zu Wirtschaftswunderzeiten stolz war auf Aufstiege. Und ich genoss es, vorne zu sitzen und durch den großen Stern die Landschaft ins Visier zu nehmen.

Man sollte geklaute Sterne zurückgeben

Das werden meine Enkel nicht erleben, so viel ist mal sicher. Sollte mein Sohn je so erfolgreich werden, wie er jetzt schon glaubt, dass er es verdient hat, dann könnte er in 20 Jahren S-Klasse fahren. Heute ist sie das letzte Mercedes-Modell, das konsequent den Stern an der richtigen Stelle trägt. Ich bin nicht sicher, dass das so bleibt.

Ich überlege mir daher, ob ich öffentlich zu einer Straftat oder wenigstens zu einer Störung der Ordnung aufrufen soll. Dabei geht es mir ausdrücklich nicht um das Entwenden der letzten aufrechten Sterne.

Im Gegenteil: Jeder, der in den letzten 20 Jahren einen Stern abgebrochen hat, sollte jetzt die Gelegenheit wahrnehmen, den Schaden wiedergutzumachen – vielleicht könnte man sich nachts zu einer neuen E-Klasse schleichen und ihr den Stern wieder aufsetzen.

Vielleicht sollte ich aber auch sagen, dass ich zwar das meiste ernst meine, was ich samstags in meiner Kolumne schreibe, aber eben doch nicht alles. Also: zu Hause bleiben und still am Avantgarde-Design der E-Klasse leiden.

Berliner Morgenpost-Reporter Stefan Anker twittert regelmäßig spontane Auto-News und Beobachtungen aus Auto- und Testalltag. Er freut sich, wenn Sie hier klicken und ihm folgen.

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