11.12.12

Autolegende

Volkswagen 1303 – der letzte Käfer vorm Golf

Dieser VW sollte den Käfer retten. Mit dem Typ 1303 wollte man wieder in die Erfolgsspur zurück, die den Käfer zum meistverkauften Auto gemacht hatte. Alles wurde größer und besser, aber nicht gut genug.

Foto: VW

Mit dem Typ 1303 wollte Volkswagen vor 40 Jahren den Käfer fit für die Zukunft machen.

10 Bilder

Der Käfer lief und lief und lief. Volkswagen schien alles richtig zu machen. Vor 40 Jahren sonnte sich VW im medialen Scheinwerferlicht von Erfolgsmeldungen aus Amerika, wo der Marktanteil kurz zuvor ein Allzeithoch von sieben Prozent erreicht hatte. Auch in Deutschland konnten die Kleinwagen von Opel oder Ford dem klassenlosen Käfer nicht ernsthaft gefährlich werden, der gerade in neuen großen Kleidern als Typ 1303 vorgestellt wurde.

Noch schien die Konkurrenz harmlos. Doch die düsteren Schatten an der Wand kündeten bereits von bedrohlichem Unheil auf sich wandelnden Märkten. Aber erst einmal feierte Volkswagen den Titel des Produktionsweltmeisters: Mit 15.007.034 Einheiten löste der Käfer den bis dato gültigen Produktionsrekord des Ford Model T ab.

Ein neuer Schlag gegen Amerika, das aber eine scharfe Replik nach Europa sandte. So verlangte eine US-Gesetzesvorlage neue Sicherheitsvorschriften, die aufwendige und kostspielige Modifikationen auch an allen europäischen Importfahrzeugen nach sich ziehen würden. Anlass für VW, den erst zwei Jahre zuvor eingeführten Super-Käfer 1302 zum optisch noch mächtigeren 1303 aufzublasen.

95 Änderungen kündigte Volkswagen für den 1302 zum Modelljahr 1973 an, wenig im Vergleich zu den heutigen Maßnahmen bei regelmäßigen Fahrzeug-Updates. Damals aber wirkte der VW 1303 – nicht zuletzt dank der neuen Typennummer – bereits wie ein neuer Käfer. Was vor 40 Jahren kaum jemand wusste oder wahrhaben wollte: Es wurde der letzte neue Krabbler vor dem Golf.

Abstürzende Verkaufszahlen

Der 1303 bewirkte noch einmal ein Aufbäumen gegen den Zeitgeist, der luftgekühlte Heckmotoren in den Ruhestand schickte und immer nachdrücklicher moderne Frontantriebskonstruktionen mit praktischer Heckklappe verlangte. So war der 1303 bereits zum Produktionsstart heftig umstritten. Alle Fans sahen im größten Käfer aller Zeiten den glanzvollen Karrierehöhepunkt der bis dahin meistproduzierten Modellreihe der Welt.

Kritiker wollten in dem Super-Käfer dagegen eine Karikatur des ursprünglichen VW-Konzepts klassenloser automobiler Basismotorisierung erkennen und verwiesen zudem auf sparsamere und modernere Kompaktmodelle der Konkurrenz. Der Blick in den Rückspiegel gibt beiden Seiten recht.

Mit 916.000 Einheiten in knapp drei Jahren erzielte der größte und kostspieligste Käfer aller Zeiten einen beachtlichen Erfolg, zumal Karossier Karmann das 1303 Cabriolet sogar bis 1980 fertigte. Nicht wenige Liebhaber der letzten neuen Käfer Cabriolets ließen ihren 1303 sofort konservieren und einlagern für die Ewigkeit, solch eine Zuneigung hatte bis dahin kein anderes Massenmobil erfahren.

Andererseits zeigten die abstürzenden Verkaufszahlen des 1303 nach der 1974 erfolgten Einführung des Golf: Das Neue (scheinbar Bessere) ist des Alten (und Überholten) Feind. Nicht nur in zeitgenössischen Vergleichstests war der 1303 chancenlos gegen den Golf. Ein Phänomen, das ab 1975 auch der Käfer 1200 erlebte, dem (der vom Audi 50 abgeleitete) Polo keine Chance ließ.

Gewölbe Panoramascheibe für den US-Markt

Während der Käfer hierzulande ab Mitte der 70er-Jahre allmählich vom Helden des Alltags zum Teileträger auf Schrottplätzen mutierte, blieb der "Bug" beziehungsweise "Beetle" in den USA auch als Gebrauchtwagen Kult und ein Erfolg, den die Wolfsburger bis heute mit keinem Nachfolger wiederholen konnten.

Amerika hatte eben schon immer seine eigenen Gesetze, wie Volkswagen auch Anfang der 70er-Jahre erlebte. Damals verlangte eine neue Gesetzesvorlage von Fahrer und Beifahrer einen Mindestabstand zur Windschutzscheibe bei einer bestimmten Sitzposition mit nach vorne gebeugtem Körper.

Eine Auflage, der die bisherigen Käfer-Modelle nicht gerecht wurden. Und so entwickelte Volkswagen für seinen wichtigsten Exportmarkt bis 1972 eine neue Evolutionsstufe des gerade erst eingeführten Typs 1302.

Eine auffällig gewölbte Panoramascheibe sollte die künftigen US-Vorschriften erfüllen, dagegen prägten große, weithin sichtbare sogenannte Dreikammer-Rückleuchten das Heck. Überdimensionierte Leuchten, die von Liebhabern wie Kritikern schon bald "Elefantenfüße" genannt wurden.

Sparversion mit einer Leistung von 34 PS

Amerikanisches "Full Size"-Format auch im Innenraum: Hier hielt ein großer gepolsterter Instrumententräger Einzug. Außerdem entschärften neue Kipp- statt Zugschalter das Verletzungsrisiko bei Frontalkollisionen. Das käferuntypische aufwendige Fahrwerk mit McPherson-Federbeinen vorn und Doppelgelenk-Hinterachse übernahm der 1303 ebenso wie die Motoren dagegen kaum verändert vom Vorgänger.

Für flotten Vortrieb sorgte ein 50 PS starker und durchzugskräftiger 1,6-Liter Vierzylinder, der 106 Newtonmeter (Nm) Drehmoment bei 2800/min bereitstellte. Damals beachtliche Daten, lieferte doch etwa der 1973 eingeführte neue Opel Kadett C mit 52 PS Leistung ein Viertel weniger Drehmoment trotz deutlich höherer Drehzahlen.

Wem der Normverbrauch von 9,2 Litern auf 100 Kilometer für den stärksten Käfer aller Zeiten zu hoch war, konnte auch eine genügsamere 1,3-Liter-Version mit 44 PS bestellen. Passend zur Ende 1973 einsetzenden ersten Ölkrise rundete die Sparversion 1303 A mit 1,2-Liter-Boxer und 34 PS Leistung aus dem VW 1200 das Angebot nach unten ab.

Das kultige Lifestyle-Modell von Karmann, das 1303 Cabriolet, war dagegen ausschließlich mit der 50-PS-Spitzenmotorisierung lieferbar. Dies passte zur Sonderstellung, die der viersitzige Sonnenanbeter Ende der 70er-Jahre in Deutschland besaß: Damals präsentierte sich das Käfer Cabriolet als einzige viersitzige Frischluftalternative zum Rolls-Royce Corniche.

1303 LS Cabrio als Bonus für den WM-Titel

Allein das 1303 Cabriolet schaffte es auch, seine Erfolgsgeschichte nach 1974, dem Jahr des Golf, fortzuschreiben. Tatsächlich fand der nunmehr nostalgisch anmutende offene Käfer sogar Käufer unter der Generation Golf, die einen luftigen Zweitwagen suchten. Alle anderen 1303 verabschiedeten sich im Sommer 1975 von der Bühne, das konnten nicht einmal regelmäßig lancierte Sondermodelle verhindern.

Erstes Editionsmodell mit Kultcharakter war der Anfang 1973 eingeführte 1303 S "Gelb-schwarzer Renner". Die namensgebende saturngelbe Lackierung mit mattschwarzen Hauben sorgte für einen betont sportlichen Auftritt ähnlich den damals populären Ford RS-Serien oder dem Opel Rallye-Kadett. Für Aufsehen bei der Frankfurter IAA sorgten die auffällig lackierten 1303-Sondermodelle "City-Käfer" mit 1,3-Liter-Motor und "Big-Käfer" mit 1,6-Liter-Motor.

Nicht der kurz zuvor vorgestellte Golf, sondern der VW 1303 machte im Sommer 1974 anlässlich der in Deutschland ausgetragenen Fußball-WM Schlagzeilen: Jeder Spieler der Nationalmannschaft erhielt zum WM-Titelgewinn ein 1303 LS Cabriolet, dazu passend gab es eine Sonderverkaufsaktion mit sogenannten WM-Käfern.

In den USA wiederum verlängerten die Sonderserien "Sun Bug" und "Big Bug" die Produktionsdauer des 1303. "Let a little sunshine into your life", sang ein glückliches Paar in der Werbung für die goldgelb glänzenden Limousinen und Cabriolets. Eine Farbe, die scheinbar symbolisch für das Gold des Sonnenuntergangs stand, der die Karriere des größten Käfers aller Zeiten beendete.

Nicht unerwähnt bleiben darf eine Randnotiz der Geschichte: Das geplante US-Gesetz, dem der VW 1303 seine Entstehung verdankt, wurde nie realisiert.

Quelle: sp-x
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