01.12.12

USA

Warum die Amerikaner so breite Straßen brauchen

In den USA lieben sie ihre Verschwörungstheorien. Doch was ein Polizist aus Los Angeles über die Ursachen der vielen Staus in seiner Metropole erzählt, klingt plausibel. Und ist trotzdem verrückt.

Foto: picture-alliance / dpa

Typische amerikanische Freeway-Kreuzung, aber nicht irgendwo weit draußen, sondern mitten in der Stadt Los Angeles
Typische amerikanische Freeway-Kreuzung, aber nicht irgendwo weit draußen, sondern mitten in der Stadt Los Angeles

Ich komme gerade aus Los Angeles zurück, dort habe ich mir die LA Auto Show angesehen und noch ein paar andere Sachen gemacht.

Ohne Shuttle-Service hätte ich mein Programm kaum geschafft, denn Los Angeles hat nicht nur 13 oder 18 Millionen Einwohner (je nach Berechnungsgrundlage), sondern erstreckt sich auch über eine enorme Fläche.

Ein Polizist und sein Nebenjob

Also wurde ich viel mit dem Auto herumgefahren, und einer meiner Fahrer war David, ein Amerikaner argentinischer Abstammung, sehr mitteilungsbereit, sehr zackig und streng konservativ.

David ist im Hauptberuf Polizist, nebenbei verdient er noch etwas Geld mit Fahrservice. Einige Polizisten in LA tun das, sagt er, denn das Gehalt kann eine Aufbesserung gebrauchen, und außerdem seien Polizisten gefragte Shuttle-Fahrer, auch bei der stets hier anwesenden Prominenz.

David hat mir seine Marke gezeigt, vielleicht ahnte er, dass seine Geschichte für europäische Ohren seltsam klang. Dann erzählte er mir etwas noch Unglaublicheres, das ich aber nach den Erfahrungen auf den Freeways (besser: Unfreeways) dieser Stadt vollkommen plausibel fand.

Nur sechs Bahnlinien in LA

David berichtete, warum es in Los Angeles praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, jedenfalls kein nennenswertes Angebot auf Schienen.

Zwei U- und vier S-Bahnlinien stehen zur Verfügung, die gesamte Streckenlänge ist mit rund 140 Kilometern mehr als dreimal kürzer als im deutlich kleineren Berlin.

Er habe, sagte David, einen pensionierten Manager einer großen Ölgesellschaft in seinem Kundenkreis. Und der habe ihm berichtet von einer Idee der 60er-Jahre: Damals wollte Los Angeles S-Bahnschienen verlegen in größerem Stil, und zwar immer die Freeways entlang.

Mit Geld gegen das Schienennetz

Die Ölfirmen hätten dann jedem einzelnen Mitglied des Stadtrates so lange Geld gegeben, bis der Plan fallen gelassen wurde. Keine Bahn bedeutet mehr Autos, und die brauchen wieder Sprit – die Investition in die Bestechung hat sich schnell ausgezahlt.

Kann das wirklich sein? Doch, das kann es wohl, denn es klingt wie eine Variation des "Great American Streetcar Scandal": Von den 30er- bis zu den 50er-Jahren hatte die Firma National City Lines eine Menge Straßenbahnnetze und ihre Betreiber aufgekauft – um sie zu schließen.

General Motors hat mitgemischt

Hinter National City Lines standen, wie sich später herausstellte, General Motors und auch ein paar Ölfirmen. Es gab Urteile gegen das Konsortium, auch untersagte der Oberste Gerichtshof die Stilllegung der Netze.

Doch die Interessengruppe hatte schon ganze Arbeit geleistet, und der Siegeszug des Automobils, auch die Entwicklung autogerechter Großstädte war nicht mehr aufzuhalten.

Die Freeways lieber umfahren

David hat noch mehr erzählt (dass Amerika heute "zu soft und zu slow" sei, oder dass Beverly-Hills-Frauen mit Hündchen auf dem Schoß Auto fahren, was ab und an Probleme bereite), und über alle Geschichten und Anekdoten hinaus hat er mich sicher ans Ziel gebracht, sogar relativ schnell.

Eine knappe Stunde waren wir unterwegs, für rund 35 Kilometer, unter weitgehender Vermeidung der Freeways. Mit einem persönlichen Police Officer kommt man auch in Los Angeles ganz gut durch. Und man lernt noch etwas.

Berliner Morgenpost-Reporter Stefan Anker sendet auf Twitter regelmäßig kurze Auto-News und Beobachtungen aus dem Test-Alltag. Folgen Sie ihm unter http://twitter.com/StefanAnker.

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