23.11.12

Bordinstrumente

Gefährlicher Sparkurs ohne Kühlwasserthermometer

Die Autobauer betrachten das Kühlwasserthermometer im Cockpit als Auslaufmodell. Weil Autofahrer die Kühlung aber nicht mehr kontrollieren können, drohen in den schlimmsten Fällen sogar Motorschäden.

Von Hans W. Mayer
Foto: picture alliance

Ärgerliche Panne: Wenn das Kühlwasserthermostat fehlt, kann der Autofahrer nicht vor einer ungenügenden Betriebstemperatur gewarnt werden. Das kann schlimme Folgen haben
Ärgerliche Panne: Wenn das Kühlwasserthermostat fehlt, kann der Autofahrer nicht vor einer ungenügenden Betriebstemperatur gewarnt werden. Das kann schlimme Folgen haben

Die elektronische Aufrüstung im Automobilbau beschert den Autofahrern eine Fülle von optischen und akustischen Informationen, deren Sinn sich durchaus nicht jedem auf Anhieb erschließt. Man fragt sich beispielsweise, warum das Einlegen des Rückwärtsgangs mit nervigem Piepton bestätigt wird oder weshalb eine Pixelanzeige im Rückspiegel die aktuell eingeschlagene Himmelsrichtung mitteilt.

Andererseits werden immer häufiger sinnvolle Armaturen geopfert wie die Temperaturanzeige für die Kühlflüssigkeit, im Volksmund Wasserthermometer genannt. Aus vielen Modellen von BMW, Ford, Opel, Toyota, Skoda, Mitsubishi, Mazda oder Volvo – um nur einige Marken zu nennen – sind sie inzwischen spurlos verschwunden.

Rote Lampe für den kritischen Bereich

Weil technische Unpässlichkeiten in modernen Automobilen die Ausnahme seien, möchten die Herstellen den Fahrer von banalen Überwachungsaufgaben entlasten, begründet etwa BMW den Verzicht: "Im Zeitalter geschlossener Kühlsysteme ist ein analoges Anzeigeinstrument für die Temperatur überflüssig, weil der Fahrer ohnehin nicht danach schaut und nur unnötig abgelenkt wird".

Dabei wissen die Autohersteller, dass ein störungsfreier Kühlmittelkreislauf zu den lebenswichtigen Funktionen jedes Benzin- und Dieselmotors gehört. Deshalb leuchtet am Armaturenbrett ein stilisiertes Thermometer oder eine rote Warnleuchte auf, wenn die Temperatur wegen eines Defektes – nicht öffnender Thermostat, gerissener Keilriemen oder Wasserschlauch, Ausfall der Wasserpumpe oder des Kühlerventilators – in den kritischen Bereich steigt. Damit lassen sich zwar gravierende Folgeschäden wie durchgebrannte Zylinderkopfdichtung oder Kolbenfresser verhindern, falls der Fahrer früh genug anhält.

Verborgen bleibt ihm jedoch eine permanente Unterkühlung des Triebwerks, wenn beispielsweise der Thermostat nicht mehr funktioniert. Unabhängig von der Außentemperatur hält das Kühlmittel – eine Mischung aus Wasser und Frostschutz – das System konstant auf einem Wert von 85 bis 90 Grad. Ist jedoch der Thermostat defekt, steigt die Temperatur auch bei Volllast nicht mehr über 60 bis 70 Grad. Ohne Temperaturanzeige bekommt der Fahrer davon überhaupt nichts mit. Der Motor läuft nach wie vor rund und sogar die Heizung funktioniert.

Schlimme Folgen bei ständiger Unterkühlung

Die Folgen ständiger Unterkühlung können allerdings dramatisch sein, weiß Thomas Müller vom TÜV Süd: "Der Motor verschleißt schneller, Kraftstoffverbrauch und Schadstoffemissionen steigen an. Fährt man tage- oder wochenlang mit konstanter Unterkühlung, gelangen Kondenswasser und unverbrannter Kraftstoff in die Ölwanne, was schlimmstenfalls zum totalen Motorschaden führen kann."

"Verhindern könnte solche Fälle beispielsweise eine blaue Kontrollleuchte, die dem Fahrer signalisiert, dass die normale Betriebstemperatur von etwa 90 Grad Celsius nicht erreicht wird", sagt René Lehnert, Techik-Experte beim Stuttgarter Klima- und Kühlungsspezialisten Behr.

Solche Warnleuchten gibt es zwar bereits, zum Beispiel in manchen Modellen von Citroen, Toyota, Mazda, Mitsubishi oder Skoda, aber sie verlöschen schon wenige hundert Meter nach dem Kaltstart bei etwa 35 ° Celsius. Ihr Zweck besteht nämlich ausschließlich darin, aggressive Fahrer während der Warmlaufphase vom Vollgasgeben abzuhalten.

Wird als nächstes der Blinker wegrationalisiert?

Das Dilemma ist offensichtlich. Unter dem Vorwand, den Fahrer zu entlasten, üben sich viele Fahrzeughersteller immer intensiver in der Kunst des Weglassens. Das begann mit Reserverad und Wagenheber, die durch fragwürdiges Pannenspray ersetzt wurden. Dann tauschte man die mechanische Hebelhandbremse gegen eine elektronische Blockiervorrichtung, die auf Tastendruck funktioniert – allerdings nur, solange die Batterie intakt ist. Der Wegfall der System hat für die Hersteller einen großen Vorteil. Es spart Kosten.

Nun ist offensichtlich das Wasserthermometer an der Reihe. Vielleicht ist als nächstes Bauteil der Blinker dran. Dafür gäbe es zumindest gute Argumente: ADAC-Umfragen zufolge benutzt ihn ohnehin jeder dritte Fahrer nicht mehr.

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