18.11.12

Ersatzteile

Die Crash-Gefahr mit der Billigbremse aus China

Edelfelge, Stoßdämpfer und Bremsbelag werden zu Billigpreisen im Internet angeboten. Daneben steht eine Handynummer. Bezahlt wird in bar. Wer ein gefälschtes Teil kauft, begibt sich in Lebensgefahr.

Foto: DPA/AC Schnitzer

Original und Fälschung: Das kleinere Rad rechts ist eine Raubkopie der Typ-V-Schmiedefelge von AC Schnitzer.
Original und Fälschung: Das kleinere Rad rechts ist eine Raubkopie der Typ-V-Schmiedefelge von AC Schnitzer.

Felgen, Bremsbeläge, Radkappen oder Ölfilter – Tuning- und Verschleißteile fürs Auto sind oft zu Kampfpreisen im Internet annonciert. Wer dann etwa einen Satz AMG-Markenfelgen für 1100 Euro "cash auf die Hand" statt für 6500 Euro Listenpreis kauft, lädt mit großer Sicherheit gefälschte Produkte meist asiatischer Herkunft in den Kofferraum. Das ist nicht nur verboten, sondern kann lebensgefährlich für den Fahrer werden, warnt der TÜV Rheinland.

"Gefälschte Billigfelgen können reißen, meist passiert das in der Kurve", sagt der TÜV-Rheinland-Sachverständige Hans-Ulrich Sander. "Dann ist Bremsen und Lenken nicht mehr möglich. Und kiloschwere Teile der Felge fliegen weg und können Fußgänger schwer verletzen." Höchste Gefahr drohe etwa auch bei in Fernost nachgebauten Bremsbelägen, die sich beim Härtetest etwa auf Passstraßen auflösen können.

Produktpiraterie auf dem Vormarsch

Die Fälschung von Autoteilen ist angesichts der immer größeren Verbreitung des Internets als Bestell- und Vertriebsweg zu einem großen Problem für Industrie und Verbraucher geworden. Auf europaweit fünf bis zehn Milliarden Euro im Jahr schätzt der Europäische Dachverband der Automobilzulieferindustrie CLEPA den Schaden durch Produktpiraterie rund ums Auto.

Die Dunkelziffer ist hoch, weil Autofahrer, die Billigteile eingebaut haben, nach einem Unfall etwa wegen Brems- oder Lenkproblemen meist schweigen. Sie müssten ja sonst die technische Untersuchung des Fahrzeugs bezahlen und bekämen womöglich Ärger mit der Polizei und ihrer Versicherung, sagt Sander.

Autowerkstätten sollten generell über den Hersteller, den Großhandel oder persönlich bekannte und seriöse Lieferwege bestellen, rät der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, der fast 40 000 Autowerkstätten in Deutschland vertritt. Private Schrauber, die geprüfte und seriöse Ersatzteile zu einem günstigen Preis erwerben wollen, sollten zunächst mal einen genauen Blick auf das ECE-Genehmigungszeichen werfen, sagt Verbandssprecher Ulrich Köster.

Verräterische Abweichungen

Hier verrieten Abweichungen vom Original oft schon die Fälschung. Auch bei der Schreibweise der Firmennamen und beim äußeren Erscheinungsbild auf der Verpackung lägen die oft asiatischen Fälscher vielfach daneben. Das sei natürlich ein klares Indiz. Außerdem raten Verbraucherschützer, die Geschäftsbedingungen von Online-Händlern sorgfältig zu lesen und vor allem bei Firmensitzen im weiten außereuropäischen Ausland misstrauisch zu sein.

China und Hongkong sind nach der Statistik der Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz des Zolls die beiden wichtigsten Fälscherländer. Von dort stammten 2011 in mehr als drei Vierteln der Fälle die vom Zoll beschlagnahmten Waren. Bei den fast 24 000 Fällen von Produktpiraterie aller Branchen des vergangenen Jahres fielen den Zöllnern gefälschte Autoteile im Wert von 7,4 Millionen Euro in die Hände. Die meisten davon werden nach EU-Recht vernichtet. Kunden, die bereits bezahlt haben, gucken in die Röhre.

Fälscher auf der Essen Motor Show

Da die Fälscherfabriken weit weg sind, ist es schwer, sie zu belangen. Das musste etwa der Aachener Felgenhersteller AC Schnitzer in einem der dreistesten Fälle von Produktpiraterie der vergangenen Jahre feststellen. Eine Essener Firma war 2009 mit ihren illegal kopierten Felgen im Schnitzer-Design genau wie das Original-Unternehmen auf die Branchenmesse Essen Motor Show gegangen.

Dort fiel den Schnitzer-Leuten der Schwindel der Konkurrenten auf, die Felgen wurden beschlagnahmt, ein Verfahren eingeleitet. "Doch bis heute konnten wir den Produzenten – höchstwahrscheinlich in Fernost – nicht ausfindig machen", sagt Schnitzer-Sprecherin Susanne Müllejans.

Wenn mal jemand überführt wird, würden oft geringe Geldstrafen verhängt, beklagt der Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie (apm) der deutschen und europäischen Wirtschaft. Die Unternehmen fordern ein Mindeststrafmaß für die Marken- und Patentrechtsverletzungen von einem halben Jahr Haft.

Markierungen für Autoteile als Gegenmittel

Als Mittel gegen die Produktpiraten setzt die Industrie außerdem auf Markierungssysteme für Autoteile. Namhafte Zulieferer wie Bosch, Continental oder ATE haben sich dabei zu der Initiative MAPP (Manufacturers against Product Piracy) zusammengeschlossen und versehen ihre Ersatzteile mit elektronischen Codes, die in der Werkstatt ausgelesen werden können. So gibt es schnell und sicher Auskunft über Echtheit oder Fälschung. Ganz ähnlich funktioniert das konkurrierende System des TÜV Rheinland mit Sicherheitscodes (Pacs), die in ein Sicherheitshologramm integriert werden.

Das ist hoher technischer Aufwand. Mindestens genauso gut wirkt oft der gesunde Menschenverstand. "Achten Sie auf den Preis", rät der TÜV-Sachverständige Sander, "Sie würden doch auch kein 350-Gramm-Filetsteak für 2,50 Euro kaufen."

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
Aktualisiert vor 33 MinutenLohnverhandlungen
Beschäftigte werden an Erfolg der BVG beteiligt

Die Löhne der BVG-Beschäftigten sollen in drei Schritten bis 2015 erhöht werden. Das ist das Ergebnis der Tarifverhandlungen. Außerdem gibt es eine Erfolgsbeteiligung. Ein Streik ist abgewendet. mehr...


An der Fleischtheke eines Supermarktes starb der 82 Jahre alte Marcel M.
14:55Mord an Fleischtheke
Mutmaßlicher Messerstecher – Hausmeister fühlte sich bedroht

Marcel M. starb mit 82 Jahren, nachdem er an der Fleischtheke niedergestochen wurde. Den mutmaßlichen Täter kennen die meisten Nachbarn nicht, ein Hausmeister erinnert sich aber an eine Begegnung. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
13:32Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Expansion von Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann. mehr...


Maskierte Polizisten durchsuchen wegen des Verdachts der Bildung einer linksextremistischen Vereinigung ein Haus in Magdeburg
13:28Kriminalität
Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Linksextremisten

In Berlin und Magdeburg hat die Polizei Objekte von mutmaßlichen Linksextremisten durchsucht. Dabei soll es sich um eine Gruppe handeln, die mehrere Sprengstoffanschläge in Berlin verübt. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia
Tuning-Szene

Schriller Flügeltürer aus Frauenhand

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote