18.11.12

Ener-G-Force

Daimlers Super-SUV im Bigfoot-Style

Ein Mercedes-Mitarbeiter wollte nur an einem Design-Wettbewerb teilnehmen. Seine Chefs waren so begeistert, dass sie ein Auto daraus bauen ließen. Die Studie soll nach 33 Jahren die G-Klasse erneuern.

Von Thomas Geiger
Foto: Daimler

Bigfoot in der Wüste: Die Studie der neuen Mercedes-G-Klasse wird auf der LA Autoshow vorgestellt.

6 Bilder

Am Anfang stand nicht viel mehr als eine Fingerübung für eine Handvoll Designer. Wie jedes Jahr wollten sich die Kreativen im kalifornischen Mercedes-Studio in Karlsbad auch dieses Mal wieder an der LA Design Challenge zur Autoshow in Los Angeles beteiligen. Nachwuchskräfte wie Sylvain Wehert beugten sich vor knapp einem Jahr erstmals über den Skizzenblock, um sich Gedanken über ein futuristisches Einsatzfahrzeug zu machen, mit dem die Autobahnpolizei künftig Streife fährt.

Dann bemerkte ihr Chef Gordon Wagener, dass da viel mehr drin steckt, als das von den Juroren geforderte Polizeiauto für das Jahr 2025. Offenbar intuitiv näherten sich die Gestalter einem Mercedes an, der bislang allen Stylingversuchen widerstanden hat, und zwar schon seit mehr als 30 Jahren: dem G-Modell.

Klassiker aus der Steinzeit

Eckig, kantig und wie aus glatten Blechen gefaltet, ist der Geländewagen längst ein formaler Anachronismus auf Rädern geworden. Wo sich andere Allradler mittlerweile schnittig in den Wind ducken, sieht der SUV-Saurier von außen auch heute noch genauso aus wie bei der Premiere 1979. Schließlich hat jeder Designer in Stuttgart um ihn einen großen Bogen gemacht. "Sakrosankt" nennt Gordon Wagener die Form, von der jeder Kunde auf Anhieb ein Bild im Kopf hat. Da überlegt sich ein Designchef lieber zweimal, ob er daran ohne Not Hand anlegt.

Es braucht also erst ein paar unverzagte Nachwuchskräfte, um den Klassiker aus der Steinzeit in die Zukunft zu befördern, und jetzt ist der Chef davon so angetan, dass er die Spielerei zu einer ernsthaften Studie adelt: Statt wie sonst bei der LA Design Challenge üblich nur auf Papier, gibt es den Wagen mit dem etwas sperrigen Namen Ener-G-Force diesmal als fertiges Auto aus Blech und Stahl, das in zwei Wochen zu den Glanzlichtern der Messe zählen dürfte. "So oder so ähnlich könnten wir uns das G-Modell der Zukunft vorstellen", sagt der Designchef.

Ein paar kesse Kurve

Auf den G-Punkt gebracht heißt das: Genau wie der SLS kein Nachbau des schärfsten Sportwagens des letzten Jahrhunderts, sondern der erste Flügeltürer eines neuen Jahrtausends sei, sei auch der Ener-G-Force ein modernes Auto. Wie jeder Mercedes aus Wageners Feder hat er deshalb keine glatten Bleche mehr, sondern stark konturierte Flächen, die sich muskulös nach außen Wölben. Und wo bislang das Diktat der Kante galt, erlaubt sich die Studie nun ein paar kesse Kurven.

"Aber wir haben uns natürlich vom Original inspirieren lassen", sagt Studien-Zeichner Wehert und zeigt auf die Stilzitate, mit denen er die Brücke von gestern nach morgen geschlagen hat. Der Kühlergrill der Studie zum Beispiel ist noch fast genauso aufrecht und eckig wie beim Original. Und genau wie beim ersten G-Modell von 1979 thronen auch oben auf den Kotflügeln der Studie die klassischen Positionsleuchten, die wie die Augen eines Krokodils in die Nacht glubschen.

An den Flanken sieht man dieselben Radauschnitte wie beim G-Modell und unter dem schnurgeraden Dach eine ganz ähnliche Fenstergrafik. Und wo das Original an der Hecktür stolz das Ersatzrad trägt wie ein General seine Orden an der Brust, hat die Studie in der gleichen Form einen ausziehbaren Werkzeugkasten, in dem allerlei Expeditionsgut verpackt ist.

Ein G aus LED-Scheinwerfern

Dazu gibt es viele liebevolle Details, von denen jedes eine kleine Geschichte erzählt: Das Kamel, der Kletteraffe und der Pinguin auf den riesigen, grobstolligen Reifen zum Beispiel stehen für die Wüste, den Dschungel und eisiges Gelände, die Wehert und sein Team als Einsatzgebiete für den Ener-G-Force sehen. Die neongrünen Zierstreifen sollen an Sportschuhe und Snowboard-Mode erinnern, wie sie Outdoor-Fans und G-Klasse-Fahrer angeblich gerne tragen. Und wer der Studie tief in die Augen schaut, sieht wes Geistes Kind der Ener-G-Force tatsächlich ist: Die LED-Scheinwerfer sind so geformt, dass sie den Buchstaben "G" zeigen.

Natürlich sagt Wagener nicht, dass der Ener-G-Force eine Blaupause für das nächste G-Modell ist. Das kann und will die Studie auch gar nicht sein. Erst mit dem Abschied von jeder konkreten Serienumsetzung hätten die Designer den nötigen Freiraum für solch weitreichende Gedankenspiele. Der Designchef will den Entwurf gleichwohl als Fingerzeig für künftige Formen verstanden wissen. Wie seine Kollegen bei Audi plant er eine stärkere Trennung im Geländewagenprogramm.

Auf der einen Seite sieht er die sportlichen, modischen SUV, zu denen irgendwann ein Coupé der M-Klasse oder der 4x4-Ableger auf der A-Klasse-Plattform zählen werden. Und daneben plant Wagener die echten Geländewagen, die tatsächlich im Gelände unterwegs sind, für Freiheit und Abenteuer stehen und deshalb auch ein bisschen rustikaler aussehen dürfen – genau so wie die Studie für Los Angeles.

Hüfthohe Ballonreifen für den Koloss

So weit von der Wirklichkeit ist das Super-SUV im Bigfoot-Style von der Wirklichkeit nicht entfernt. Aufgebockte Geländewagen mit hüfthohen Ballonreifen und extrem modifizierter Karosse fahren in Amerika jedes Wochenende zu Hunderten durch die Wüsten Kaliforniens. Und wo der Fünf-Meter-Koloss in Deutschland alle Normen sprengen würde, geht er jenseits des Atlantiks beinahe noch als Kleinwagen durch. Wagener sagt: "Man muss dieses Auto mit amerikanischen Augen sehen, dann passt es perfekt auf die Straße."

Die Technik dagegen ist noch Sciencefiction. Eine Brennstoffzelle, die aus Brauchwasser erst einmal Wasserstoff und daraus dann den Strom für vier elektrische Radnabenmotoren erzeugt, wird es wohl so schnell nicht geben. Dass die auswechselbaren Akkus in den Trittleisten bei diesem Format einmal den Strom für 800 Kilometer speichern können, ist allenfalls ein Traum der Entwickler. Für Wagener schmälert das den Ernst des Entwurfes keinesfalls: "Ein bisschen Spinnerei muss bei solchen Studien auch erlaubt sein."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Geländewagen

Ein Klassiker windschlüpfrig wie ein Kühlschrank

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
James Rodriguez Das ist der neue 80-Millionen-Mann von Real Madrid
Tschechien Starke Regenfälle überschwemmen Straßen in Prag
Unfallserie Bahnunglück mit Todesfolge in Südkorea
Nahost-Konflikt Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und Polize…
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

"Tatort"-Krise

Furtwängler & Co. – "Tatort"-Kommissare zum Weinen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote