12.11.12

Testserie "Autoquartett"

Unterwegs im Riesen-Auto von Lancia

Mit Größe, üppiger Ausstattung und einem innovativen Sitzkonzept weiß der Voyager, der einst ein Chrysler war, zu überzeugen. Europäischen Qualitätsansprüchen kann der Van aber nicht standhalten.

Von Denise Juchem
Foto: Lancia

Konzernmutter Fiat hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lücken der Lancia-Modellpalette mit Autos von Chrysler zu füllen. Daher gibt es den amerikanischen Van Voyager (einst Chrysler) in Europa nun als Lancia zu kaufen.

12 Bilder

Ärger. Wut. Verzweiflung. Zugegeben, die Reaktionen, die der Lancia Voyager bei seiner ersten längeren Testfahrt auslöst, sind heftig und emotional. Und, um es schon vorwegzunehmen, das Verhältnis zwischen Fahrzeug und Fahrerin wird sich noch merklich verbessern.

Doch am Anfang steht die Kritik und eine Lehre fürs Leben: In manchen Momenten, im konkreten Fall eine bevorstehende Hochzeit, empfiehlt es sich, altmodisch zu sein. Statt blind auf ein unbekanntes Navigationsgerät zu vertrauen, sollte man sich auf den aus der Mode gekommenen Shell-Atlas verlassen.

Das Ziel ist ein kleiner, idyllischer Ort in Brandenburg, der laut Einladungskarte rund 60 Kilometer südlich von Berlin entfernt liegen soll. An diversen roten Ampeln im Berliner Stadtverkehr wird das in die Mittelkonsole integrierte Navigationsgerät bedient. Alles scheint problemlos zu funktionieren.

In der Stadt mehr als zehn Liter

Der 2,8-Liter-Diesel mit 163 PS jault beim Gasgeben laut auf und bringt das 2,2 Tonnen schwere Fahrzeug etwas zäh auf das gewünschte Tempo. Die Verbrauchsanzeige gibt da schon schneller Rückmeldung. Der Voyager schluckt mehr als zehn Liter. Die Sechsstufen-Automatik scheint sich bereits nach der gleichmäßigen Beschleunigung und den konstanten Geschwindigkeiten außerhalb der Hauptstadt zu sehnen.

Doch der Spritdurst des Vans ist mit einem Schlag vergessen, als das Navi die Route und die voraussichtliche Fahrtdauer anzeigt: Mehr als 300 Kilometer sollen noch vor uns liegen, und die Trauung der Freunde wäre bei der angegebenen Ankunftszeit auch schon in vollem Gange.

Der italienische Anteil hält sich in Grenzen

Panik macht sich breit. Das Navi rechnet und korrigiert sich ständig, und nach einiger Zeit minimiert sich die Strecke auf dem Display; nur der Weg zum Ziel ist noch sehr unorthodox. Ständig fordert die Stimme aus dem Off die Fahrerin auf, an Stellen abzubiegen, an denen es keine Straßen gibt.

Also Navi aus- und Hirn einschalten. Dort sind ohnehin meist die besten Landkarten abgespeichert. Und mit der Zeit und der Gewissheit, auf der richtigen Strecke zu sein, legt sich auch die Panik. Doch der Wagen hat sich durch diese Aktion so stark in den Vordergrund gespielt, dass er auch auf der restlichen Strecke das Hauptgesprächsthema bleibt.

Allerdings kann der Lancia Voyager auch ohne einen solchen Zwischenfall für Gesprächsstoff sorgen. Denn die beiden Namen Lancia und Voyager, die wollen einem noch immer nicht so leicht über die Lippen kommen. Die italienische Marke, die man mit eleganten Linien sowie zahlreichen Rallyesiegen verbindet, und die Modellbezeichnung für den auch in Europa bekannten Chrysler Voyager – das scheint ein Widerspruch zu sein.

Doch der italienische Anteil am Voyager ist äußerst gering. Dass es sich bei diesem wuchtigen, 5,20 Meter langen und knapp zwei Meter breiten Van um einen Lancia handelt, kann man lediglich am Emblem im Kühlergrill und der Lancia-Uhr im Cockpit erkennen.

Überzeugendes und sehr simples Sitzkonzept

In einigen Jahren werden sich vielleicht nur noch Oldtimerliebhaber an die einstige Eleganz von Lancia erinnern. Denn wie in dieser Woche bekannt wurde, verabschiedet sich die Traditionsmarke von ihren italienischen Wurzeln. Fiat-Chef Sergio Marchionne hat angekündigt, die Italien-Produktion der schwächelnden Konzernmarke 2015 beenden zu wollen. Abgesehen vom kleinen Lancia Ypsilon, der in Polen gebaut wird, werden dann alle Autos aus amerikanischen Chrysler-Modellen hervorgehen.

Also gewöhnt man sich besser an die neuen amerikanischen Größenverhältnisse. Den Lancia Voyager ist auch im Inneren riesig. 934 Liter fasst der Kofferraum bei voller Bestuhlung mit sieben Sitzplätzen. Bleiben nur Fahrer- und Beifahrersitz stehen, passen 3912 Liter in den Wagen.

Praktischerweise muss man beim Lancia keine der beiden hinteren Sitzreihen ausbauen. Man benötigt nur wenige Handgriffe und schon verschwinden die Sitze im Fahrzeugboden und hinterlassen einen ebenen Laderaum. Bleiben die Sitze stehen, kann man die Mulden als Staufächer nutzen. "Stow'n Go" nennt sich das serienmäßige und sehr überzeugende System.

Verarbeitung so lala, Ausstattung üppig

Amerikanische Autos sind nicht für ihre Verarbeitungsqualität im Innenraum bekannt. Da macht auch der Italo-Amerikaner keine Ausnahme. Dafür punktet der Lancia Voyager neben dem Sitzkonzept mit einer üppigen Ausstattung.

Die mittlere Modellvariante "Gold" bietet für 40.990 Euro (Einstiegspreis: 37.990 Euro) eine Dreizonen-Klimaautomatik, zwei elektrische Schiebetüren (sehr praktisch in engen Parklücken), Sitzheizung für die erste und zweite Sitzreihe, ein beheizbares Lederlenkrad, 17-Zoll-Felgen, Parksensoren sowie elektrisch verstellbare Pedale.

Mit all diesen Annehmlichkeiten nimmt auch die Fahrt zur Hochzeit in Brandenburg ein versöhnliches Ende. Und nach den anfänglichen Schwierigkeiten macht der amerikanische Van vor Ort noch Werbung in eigener Sache. Als beliebtes Großraumtaxi transportiert es einige Gäste nach dem Jawort vom Standesamt zur Hochzeitsfeier. Und da Ortskundige im Auto sitzen, kann auch das Navigationsgerät ausgeschaltet bleiben.

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Traditionsmarke

Lancia schwamm oft gegen den Strom

Co-Kommentare
  • Stow’n Go

    Die folgenden Zeilen müssen Sie sich mit viel Hall vorstellen. Es ist nämlich sehr leer hier im Voyager. Die hinteren Sitze haben wir im Boden versteckt. „Stow’n Go“ heißt das System. Nicht sehr italienisch, aber an diesem Italiener ist eben fast alles amerikanisch. Hinten erstreckt sich bis zur Heckscheibe eine Ebene groß wie der Mittlere Westen. Sanft gleiten wir dem Sonnenuntergang entgegen. Und hoffen, dass die Bildschirme nicht von der Decke plumpsen. Ist alles nicht sehr akkurat verarbeitet. Doch ein Italiener.

    Elmar Krekeler, Feuilleton,

    privat: Opel Zafira

  • Elektrische Schiebetüren

    Einen Kofferraum mit der Fernbedienung öffnen, das kann Fußgänger verdutzen, wenn der Autobesitzer noch gar nicht in Sichtweite ist. Mit dem wuchtigen Voyager kann der Jux gesteigert werden. Von Zauberhand lassen sich auch die beiden schweren Schiebetüren zum Passagierraum bewegen. Es piepst dramatisch, und innen geht das Licht an, abends ist das effektvoll. Van ist untertrieben, der Voyager ist ein Raumschiff.

    Robert Dunker, Motorredaktion

  • Unzerstörbarer Voyager

    Man kann eine Marke kaputt machen, aber auf keinen Fall ein gutes Auto. Der Voyager wird weiterleben, wenn auch möglicherweise nicht in Europa, denn Chrysler und Dodge gibt es hier nicht mehr, und Plymouth, wie der Van auch schon mit Vornamen hieß, ist seit gut zehn Jahren tot. Also doch Renault Espace? Oder VW Bus? Ich würde schnell zum Lancia-Händler gehen, mir einen Voyager sichern – und dann ein Chrysler-Emblem für ihn kaufen.

    Stefan Anker, Motorredaktion

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