10.11.12

Kolumne "Autonom"

Warum ich nicht Ferrari fahren konnte

Es hätte der Autotest des Jahres werden können, mit zwölf Zylindern und 740 PS. Aber ein paar Missetaten aus den 80er-Jahren haben die Sache verhindert, denn die Gerechtigkeit hat einen langen Arm.

Von Stefan Anker
Foto: dapd

Der Ferrari F12 Berlinetta ist das neue Topmodell des italienischen Herstellers: 12 Zylinder, 740 PS, 340 km/h, 268.400 Euro
Der Ferrari F12 Berlinetta ist das neue Topmodell des italienischen Herstellers: 12 Zylinder, 740 PS, 340 km/h, 268.400 Euro

Manchmal ist es ein Pickel, der einem ein Rendezvous verdirbt. Oder man muss plötzlich niesen im Vorstellungsgespräch. Jedenfalls können Kleinigkeiten enorme Auswirkungen haben, und bei mir hat sogar eine Existenzform, die kaum unterm Mikroskop auszumachen ist, etwas wirklich Großes verhindert. Aber der Reihe nach.

Zunächst muss ich mit einem Vorurteil aufräumen: Es ist nicht so, dass wir Journalisten mit dem Finger schnippen, und dann kommt ein Lakai angesaust, mit weißen Handschuhen, und der bringt uns unter Verbeugungen und unablässigem Nachpolieren des Lacks einen Testwagen zur dauerhaften Verwendung.

Ferrari hat nur drei, vier Testwagen

Testwagen können wir zwar bekommen, aber die Sache bedarf genauer Vorbereitung und guter Organisation. Das gilt vor allem, wenn die Objekte der Begierde selten und teuer sind.

Ferrari etwa hat vielleicht drei oder vier Testautos für die gesamte europäische Presse, und entsprechend selten gibt es für mich die Gelegenheit, so ein Auto zu fahren.

Umso froher war ich, als der Pressesprecher anrief, es sei nun zufällig so, dass der neue F12 Berlinetta wegen einer Preisverleihung am 7. November in Berlin sei, und da ergebe sich für mich die Gelegenheit einer Probefahrt am Tag darauf.

Zwölf Zylinder, 740 PS, welche Freude

Der Himmel preise das Goldene Lenkrad der Kollegen von "Bild am Sonntag" und "AutoBild", dachte ich bei mir, und vor allem sei der weise Ratschluss der Leser zu würdigen, in der Sportwagenkategorie ein Auto zu ehren, das ich noch nicht gefahren hatte. Zwölf Zylinder, 740 PS, ich freute mich wirklich.

Und dann kam dieser Virus. Erst tobte er durch Magen und Darm, dann arbeitete er sich weiter nach oben bis Hals, Nase und Stirn. Jedenfalls war ich die ganze letzte Woche krank und musste tun, was ich noch nie getan habe: eine Ferrari-Probefahrt absagen.

Das ist mindestens so schlimm wie ein Pickel beim ersten Date, und wer das nicht glaubt, der hat kein Herz für schöne und schnelle Autos. Außerdem empfinde ich Krankheit als eine Art persönliche Beleidigung, als völlig unnötige Behinderung meiner persönlichen Entfaltung.

Blaumachen während der Lehrzeit

Früher war das anders. Früher habe ich Krankheit zugelassen und sie auch mal als Vorwand genutzt, nicht zur Arbeit zu kommen, in den besten Zeiten sogar mit kriminologisch auswertbarem Vorsatz. Bevor ich Journalist war, war ich nämlich Krankenpfleger. Und während der Lehrzeit von 1983 bis 1986 haben sich bei uns häufig zwei Auszubildende zum gemeinschaftlichen Blaumachen verabredet: ich dieses Wochenende, du am nächsten.

Der Deal war: Eine harte Doppelschicht mit doppelter Lauferei gegen ein Party-Wochenende außer der Reihe. Nicht zu verachten, wenn man Anfang 20 ist. Aber auch ziemlich gemein gegenüber den ehrlichen Angestellten und den Patienten.

Der Virus als moralischer Rächer

So neige ich dazu, die Virenattacke dieser Woche als späte Rache meines moralischen Immunsystems zu betrachten: Es gleicht sich immer alles aus, die Geschichte hat einen langen Atem und die Gerechtigkeit einen noch längeren Arm.

Der Virus hat sich inzwischen verflüchtigt. Und der Ferrari kommt so schnell nicht wieder in meine Nähe.

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