11.11.12

Neue Studie

Einpark-Horror in immer engeren Tiefgaragen

Autos werden immer größer, Parkplätze nicht. Deshalb wird es langsam eng in Deutschlands Parkhäusern. Kostspielige Blechschäden können die Folge sein. Der ADAC schlägt in einer Studie Alarm.

Von Thomas Imhof
Foto: ZB

Parkhausbetreiber freuen sich über volle Parkhäuser, für Autofahrer sind sie nicht selten ein Ärgernis. Es geht dort immer enger zu, weil die Parklücken nicht mitgewachsen sind
Parkhausbetreiber freuen sich über volle Parkhäuser, für Autofahrer sind sie nicht selten ein Ärgernis. Es geht dort immer enger zu, weil die Parklücken nicht mitgewachsen sind

Düsseldorf, Einfahrt zum Parkhaus in der Kreuzstraße 27. Werner K. steuert mit seinem neuen Audi Q7 das Gebäude aus den frühen 60er-Jahren an. Shopping auf der nahen Königsallee mit seiner Begleiterin. Doch schon die Einfahrt ins Parkhaus dämpft die Vorfreude. Gerade noch eine zusammengerollte Tageszeitung passt zwischen das 1,74 Meter hohe Dach seines Geländewagens und die bröckelige Betondecke.

Unter schummrigem Licht geht der Stress am Steuer weiter. An den viel zu hohen Randsteinen der engen Kurven schaben die Reifenflanken entlang; gut möglich, dass schon eine der Leichtmetallfelgen einen Kratzer abbekommen hat.

Bei der Einfahrt in die Parkbuchten wird das Rangieren zwischen die nur 2,25 Meter breiten Stellflächen zur Geschicklichkeitsprüfung. Der Q7 misst selbst mit angelegten Außenspiegeln noch 1,98 Meter in der Breite. Vor und zurück, vor und zurück – am Ende nimmt Werner K. anderthalb Stellplätze mit seinem Wagen in Beschlag. An die bösen Blicke all jener, die sich ihres Parkplatzes beraubt fühlen, hat er sich mittlerweile gewöhnt.

S-Klasse zu groß für den Autoreisezug

Der Audi Q7 ist ein extremes Beispiel, aber mittlerweile muss schon der Fahrer eines Mittelklassewagens über Fingerspitzengefühl verfügen, um sein Auto sicher zu parken. Denn die Fahrzeuge werden immer größer, die Stellplätze hingegen nicht. Weil sich der Gesetzgeber weigert, Verordnungen den modernen Fahrzeuggrößen anzupassen, häufen sich Parkrempler in den Tiefgaragen.

So wie schon 1991 die 1,90 Meter breite Mercedes S-Klasse nicht auf den Autoreisezug nach Sylt passte, ergeht es heute immer mehr Fahrzeugen: Ihnen fehlt es an Raum zum Parken. Lackschadenträchtiges Rangieren ist ebenso üblich wie schlangenartiges Verrenken beim Ein- und Aussteigen. Als Faustregel gilt: Eine Tür muss mindestens 50 Zentimeter weit aufschwingen können, sonst drohen teure Blechschäden.

Nur jede dritte der bundesweit 3200 Großgaragen mit zusammen 1,2 Millionen Einstellplätzen bietet nach Erkenntnissen des Auto Club Europa (ACE) Boxen, die breit genug sind für moderne Autos. Die meisten Stellplätze sind derzeit nur 2,30 Meter breit. So wurde es in den 70er-Jahren in den Garagenverordnungen der Bundesländer festgeschrieben – und seitdem nicht mehr verändert. In noch älteren Parkhäusern sind die Stellplätze oft sogar nur 2,20 Meter breit. Doch was zu Zeiten des ersten Golf von 1974 mit einer Breite von 1,61 Metern noch ausreichte, ist heute zu schmal. Zumal auch die maximale Länge von fünf Metern längst nicht nur von einer inzwischen 5,10 Meter langen S-Klasse überschritten wird.

Zwei Parkhäuser "sehr mangelhaft"

Mittlerweile hat sich eine breite Protestfront gebildet, bestehend aus dem ACE, der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, dem Bundesverband Parken und nicht zuletzt dem ADAC. In seinem dritten Parkhausreport, der am Montag veröffentlicht wird und der dieser Zeitung vorliegt, prangert der Klub arge Missstände an.

Von 40 untersuchten Parkhäusern erhielt kein einziges die Note "sehr gut", zwei wurden gar mit "sehr mangelhaft" bewertet. In knapp einem Viertel der Testobjekte waren die Parkplätze lediglich 2,30 Meter breit, auch dann, wenn sie von Pfeilern und Wänden begrenzt wurden. Eine schräge Anordnung, die das lästige Rangieren und Bugsieren erübrigt, fand sich in nur acht getesteten Parkhäusern.

In sechs Garagen fehlten Schrammborde, die Autofahrer davor bewahren, an der Wand entlangzuratschen. Behinderten-Stellplätze fanden die Tester zwar mit Ausnahme von zwei Parkhäusern überall vor, doch in zwei Dritteln der Fälle nicht in der vom ADAC geforderten Anzahl von mindestens drei Prozent der gesamten Stellplatzzahl. Bei mehr als zwei Dritteln der Parkhäuser waren die Richtungspfeile so verblichen, dass man Gefahr lief, unvermutet im Gegenverkehr zu landen.

Mindestmaß von 2,50 Metern hilfreich

"Wir fordern vehement, die zum Teil fast 40 Jahre alten Garagenverordnungen endlich der Neuzeit anzupassen. Das heißt: Stellplatzbreite mindestens 2,50 Meter, Einfahrtshöhe mindestens 2,0 Meter und ausreichende Beleuchtungsstärken", sagte ADAC-Präsident Peter Meyer dieser Zeitung. "Bleibt es bei den bisherigen Vorgaben, geht es mit den kostspieligen Remplern in den Parkhäusern weiter." Mit einem 2,50-Meter-Maß könnten laut ACE rund 85 Prozent aller neuen Autos ohne Kratzergefahr und deutlich entspannter ein- und ausgeparkt werden.

Für Behinderten- und Familienparkplätze soll sogar eine Mindestbreite von 3,50 Meter bindend sein. Aktuell schreiben erst zwei Bundesländer eine Pflichtquote für solche XXL-Stellplätze vor. Doch ist sie sowohl in Sachsen-Anhalt (fünf Prozent) als auch in Hessen (drei Prozent) gering.

Änderungen an den Garagenverordnungen sind Ländersache und müssen auf einer Bauministerkonferenz besprochen werden – eine schnelle Besserung scheint nicht in Sicht. "Das Problem ist bekannt, aber eine Gesetzesänderung nicht geplant", sagt Bernhard Meier, Sprecher des nordrhein-westfälischen Bauministeriums. Schließlich handele es sich nur um "Einzelfälle". Solche Kommentare hören Betreiber alter Parkhäuser nur zu gern. Umbauten kosten nicht nur Geld, sie bedeuten auch weniger Einnahmen.

Auch der kleine VW Polo ging in die Breite

Thomas Jocher, Architektur-Professor und Fachmann für Gebäudeplanung, orakelte schon 2009 im Fachmagazin "Auto, Motor und Sport": "Die zuständigen Behörden setzen eher darauf, dass die Autos wieder kleiner werden." Es wäre tatsächlich etwas kurz gesprungen, die Schuld allein bei den Bürokraten in den Ministerien zu suchen.

Einer Studie der Westsächsischen Hochschule Zwickau zufolge sind neu zugelassene Fahrzeuge in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 15 Zentimeter in die Breite gegangen. Zugleich wurden sie 19 Zentimeter länger und 25 Zentimeter höher. Des Deutschen liebstes Auto, der Golf, ist in der siebten Generation 1,80 Meter breit und streckt sich 4,25 Meter in die Länge – 1974 war er nur 3,81 Meter lang und 1,61 Meter breit. Ähnliches Phänomen bei Ford: Gab sich der Escort von 1991 mit 1,70 Meter zufrieden, zeigt sein Nachfolger Focus in der dritten Auflage mit 1,86 Meter deutlich dickere Backen. Und auch Kleinwagen werden eher größer als kleiner. Beispiel VW Polo: Auch der Bestseller ging im Laufe der Jahre um zwölf Zentimeter in die Breite.

Fahrzeuge wie der Audi Q7 stehen auch für einen mit den wachsenden Komfortansprüchen der Kunden begründeten Größenwahn, und dessen Ende ist nicht in Sicht. In Deutschland sind gerade die SUVs das am stärksten wachsende Segment. Die Marktforscher von IHS Automotive rechnen bis 2017 mit einem Anstieg auf 14,0 Prozent – von 7,3 Prozent im Jahr 2007.

Stuttgarter Parkhaus ausgezeichnet

Dass es auch anders geht, zeigt APCOA, mit 350 Häusern in Deutschland und 7200 Standorten in Europa Marktführer in der Parkhausbranche. Für das Bosch-Parkhaus am Flughafen Stuttgart erhielt der Betreiber die ADAC-Auszeichnung "benutzerfreundliches Parkhaus". Sprecher Tilman Kube berichtet von einem firmeneigenen Handbuch für Garagen-Design, das eine Standardbreite von 2,50 Meter vorsehe.

Die Umsetzung liege allerdings beim Bauherrn beziehungsweise Eigentümer. "Aus der Erfahrung können wir bestätigen, dass heute bei Neubauten in aller Regel die 2,50 Meter umgesetzt werden. Außerdem beraten wir die Verpächter bei Renovierungen. Wo Randsteine Fahrspuren trennen, werden sie möglichst abgebaut. Und bei Neubauten versucht man, mit weniger Stützpfeilern auszukommen."

Während moderne Parkhäuser also selbst für Audi Q7, Porsche Cayenne, BMW X5 und X6 genug Auslauf bieten, bereitet das Größenwachstum in anderen Bereichen Probleme. In Autobahnbaustellen dürften die meisten Autolenker eigentlich nur noch auf der rechten Spur fahren – denn für die linke Fahrbahn gilt ein Limit von zwei Meter Breite – gemessen mit Spiegeln.

Auch Privatgaragen nicht mehr ausreichend

Bei Verstößen droht ein Bußgeld. Der ADAC fordert eine Verbreiterung auf 2,10 Meter, besser noch 2,20 Meter, denn der Lkw-Verkehr vereinnahme drei Viertel der "rechten Durchflussmenge".

Der Trend zum voluminösen Blechkleid treibt immer mehr Blüten. Selbst in privaten Garagen sind große Fahrzeuge immer seltener zu Gast. Weil auch sie nicht mitwachsen, verstauen Eigenheimbesitzer dort lieber Fahrräder und Rasenmäher. Das Auto kommt unter die Straßenlaterne – und verkleinert den ohnehin knappen Parkraum.

Für Werner K. bleiben für die nächste Shoppingtour auf Düsseldorfs Königsallee drei Lösungsansätze: den Q7 gegen einen Q5 eintauschen, ein moderneres Parkhaus ansteuern oder den Mini Countryman seiner Frau nehmen. Genügend "Kö-Appeal" hat der auch.

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