27.10.12

Extrem-Training

In einem Tag zum Vollblut-Rennfahrer

Normalerweise steht BMW für Luxus, Platz und Komfort. Doch die Bayern können auch anders: Im BMW FB02 stoßen Körper und Geist schnell an Grenzen. Ein Selbsterfahrungs-Trip im Formel-Rennwagen.

Foto: BMW

Ungläubige Blicke, unvergessliche Erfahrungen: „Welt“-Autor Roland Löwisch macht eine Sitzprobe.

6 Bilder

Schon als ich drin saß und noch keinen Meter hinter mir hatte, hab ich es geahnt: Das gibt blaue Flecken ohne Ende. Und genauso war es auch: Ein bisschen avantgardistisch ums linke Knie, eher klassisch ums rechte. Druckstellen am Rücken, Muskelkater in der rechten Pobacke, schlappe Handgelenke. Der Kopf erstaunlich leer – und abends wurde mir ein leicht dümmliches Grinsen attestiert.

Und das alles von einem BMW. Deutlich habe ich das große Logo vor mir gesehen, auf dem Lenkrad: ein blau-weißes Propellerfeld und die Buchstaben BMW. Außer drei Pedalen am Ende einer verdammt engen Röhre sind das aber auch die einzigen vergleichbaren Teile mit einem BMW, wie man ihn von der Straße kennt.

Denn dieser Blaue-Flecken-Bayer namens FB02 ist ein Formel-Rennwagen. Der einzige Rennwagen dieser Gattung, der für fast jeden problemlos erfahrbar ist: Die Truppe der Formula BMW Racing Experience reist innerhalb Europas von Rennstrecke zu Rennstrecke und bietet jedem fitten Führerscheininhaber (zwischen 160 und 188 Zentimeter groß, maximale Schuhgröße 46, nicht schwerer als 100 Kilo) das Abenteuer, auf ganz andere Art Auto zu fahren.

Wo stößt der Fahrer an seine Grenzen?

Und zwar wie einst Vettel oder Rosberg – was in diesem Fall kein plattes Synonym ist: Der aktuelle Weltmeister fuhr 2004 im Formula BMW bei 20 Läufen 18 Mal aufs ganz obere Treppchen und holte sich die Meisterschaft, Nico Rosberg gewann sie 2002.

Mich interessiert die alles entscheidende Frage: Wo stößt der geübte Straßenkämpfer auf der Rennstrecke in einem echten Rennwagen mit freistehenden Rädern an seine Grenzen? Antwort: Zum Beispiel gleich in der ersten Runde.

Aber der Reihe nach: Wir machen den Basiskurs auf dem ehemaligen Russenflugplatz in Groß Dölln bei Berlin. Zuerst schlüpfen wir in BMW-Overalls und -Helme, nicht ohne einen Funk-Knopf im Ohr zu postieren. Dass der eher drückt als informiert, merken wir erst später auf der Strecke – für sinnvolle Informationen ist der Motor einfach zu laut. Dann wird der "Wagen angepasst", wie es heißt, schließlich werden diese Autos normalerweise von schmächtigen 13- bis 16jährigen in der Formel-Aufbau-Schmiede "Formula BMW Talent Cup" eingesetzt.

Haltung wie im Mumienschlafsack

In Wirklichkeit wird nicht das Auto angepasst, sondern der Fahrer: Beim Einfädeln in den technischen Maßanzug muss das zu breite Becken des gestandenen 80-Kilo-Journalisten irgendwie schräg durch die Kopfseitenteile. Der Rücken hat sich an den Sitz zu formen, die Füße werden wie in einem Mumienschlafsack gebündelt und sollen trotzdem noch die extrem eng beieinander liegenden Pedale sortieren können. Und die Knie sind überflüssig – letztlich zwangsgeformte Masse am, unterm, neben dem abnehmbaren Lenkrad. Jedenfalls dann, wenn die Hacken nicht auf den Pedal-Verankerungspunkten ruhen. Und wer fährt schon mit der Hacke.

Die Einweisung ist schnell erledigt. Theoretisch hört es sich ja auch toll an: im Rücken ein drehfreudiger 140-PS-Motor aus dem BMW-Motorrad K 1200 RS, unter sich 465 Kilo Auto, um sich herum ein Kohlefaser-Monocoque, neben sich ein kurzer Hebel für das sequentielle Sechsganggetriebe, im Kopf die immense Beschleunigung von vier Sekunden 0 bis 100 km/h, im Blick fette Slicks.

In kleinen Gruppen, im Normalfall mit nicht mehr als sechs bis sieben Novizen, geht es auf einen Ovalkurs, abgesteckt mit Pylonen. Die Kupplung ist stramm – und wir sollen immer mit Kupplung die Gänge wechseln, das diszipliniert – aber bei allen klappt das Anfahren auf Anhieb. Auf dem viereckigen Lenkrad thront die Ganganzeige: zwei grüne LEDs, zwei gelbe und dann eine Menge rote. Optimal ist es, bei Aufleuchten der letzten roten zu schalten, das ist bei etwa 9000/min.

Verwirrte Amateuere tuckern hinterm Profi her

Gar nicht so einfach, wenn man sich außerdem darauf konzentrieren muss, die richtigen Gänge zu finden, die von den Slicks in Kurven hoch geschleuderten Steinchen oder die fetten Hummeln auf dem Visier zu ignorieren und die Pylonen stehen zu lassen. Was uns allen zunächst überhaupt nicht gelingt: Das bei diversen Tourenwagentrainings gelernte Verhalten, Kurven möglichst eng zu nehmen, artet hier in Pylonenmeucheln aus. Bis die Instruktoren uns bitten, den gesamten Platz auszunutzen, da sie des Hütchenspieles bald müde werden.

Nächste Stufe: Hinter dem Instruktor Jens Klingmann (2007 Meister in der Formula BMW) über die relativ unbekannte Rennstrecke – nur 2,4 Kilometer lang, aber mit 17 Kurven und blinden Kuppen. Der Profi tobt ein paar hundert Meter vorneweg, sammelt die verwirrten Amateure wieder ein, zieht wiederum ein bisschen und so weiter, bis sich jeder mindestens einmal gedreht hat.

Das geht schneller als gedacht: Ich zum Beispiel bremse gleich in der ersten Runde in eine ganz linke Kurve – mit einem ABS-unterstützten Tourenwagen kein Problem, im knapp vier Meter langen, ABS-losen Formula BMW aber die Garantie zum Ausritt. Wie gelernt sofort voll auf Kupplung und Bremse, der Bolide dreht sich nicht mehr und der Motor läuft weiter. Der folgende Kollege verreißt erschrocken das Lenkrad und raspelt den Holzunterboden seines Renners seitwärts über die Kerbs.

Kaputte Anlasser normal

Das kennen die Mechaniker schon. Ein kurzer Check, alles ok, dann geht es weiter. Ein anderer Kollege vergisst beim Rückwärtsrollen nach einer Pirouette zu kuppeln – der nicht entkoppelte Anlasser dreht sich dabei zu Schrott. "So etwas ist normal," sagt Instruktor Markus Lungstrass, "und es ist schnell reparabel."

Ein Stint geht bei uns Neulingen nicht länger als eine Viertelstunde, und wir sind froh darüber. Unter den Rennklamotten schwitzen wir erbärmlich, obwohl wir doch nur hinterherfahren. Der Respekt vor den Leistungen der aktiven Rennfahrer wächst, wenn man bedenkt, dass die Kids nicht nur 20 bis 40 Prozent schneller fahren als wir, sondern im Gegensatz zu uns dabei noch überholen sollen, müssen, dürfen und so ein Lauf viel länger dauert als unsere Schnupperminuten.

Leidende Körper, höchste Konzentration

Letzte Übung: freie Runden fahren. Nur zwei Mann nutzen diese geniale Möglichkeit, das Gelernte unter Aufwendung sämtlicher Selbstdisziplin anzuwenden. Den anderen ist schon schlecht, haben ihre 60.000-Euro-Autos so im Kies vergraben, dass die Reinigung länger dauert, als der Arbeitstag noch lang ist oder sich bereits unter Vorspiegelung dubioser Ausreden verabschiedet. Tatsächlich fordert der Formel-Lehrgang leidensfähige Körper und höchste Konzentration.

Nach ein paar Runden winken die Instruktoren unseren Tag ab. Denn die Rundenzeiten werden von Mal zu Mal schneller, die kurze Start-Ziel-Gerade nehme ich endlich im fünften Gang, auch wenn ich meine Extremitäten schon längst nicht mehr spüre. Und die Konzentration korreliert nicht mehr mit dem Mut.

Das Fahrertraining wurde unterstützt von BMW. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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