22.10.12

Unfallserie

Polizei will Geisterfahrer mit Krallen stoppen

Geisterfahrer haben seit Anfang Oktober drei schwere Unfälle mit zwölf Toten verursacht. Jetzt streiten Experten über eine Lösung des Problems: Polizisten fordern Krallen an Autobahnabfahrten.

Foto: AFP

Am Ende zeugte ein verkohlter Fleck auf der Autobahn von der nächtlichen Tragödie:

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Es ist der Albtraum für jeden Autofahrer: Bei hohem Tempo kommt plötzlich ein Wagen entgegen, nachts ist es nur ein Scheinwerferkegel in der Dunkelheit, der sich rasend schnell nähert – auf der eigenen Spur. Oft ist es für eine Reaktion dann schon zu spät.

Für zwölf Autofahrer wurde dieses Szenario allein in den letzten drei Wochen tödliche Realität: Sie starben seit Anfang Oktober bei Geisterfahrer-Unfällen auf deutschen Autobahnen.

Beim schwersten Unfall kamen allein am Sonntagmorgen fünf Menschen ums Leben. Ein Ehepaar aus Sundern in Nordrhein-Westfalen ist nachts mit zwei Frauen auf der rechten Spur der A46 unterwegs. An einer Kuppe kommt ihnen plötzlich ein BMW entgegen und trifft sie frontal und ungebremst.

Geisterfahrer schickte Abschieds-SMS

Die Staatsanwaltschaft geht nach den ersten Ermittlungen von einem Suizid des Falschfahrers aus. "Die Unfallspuren lassen den Schluss zu, dass der Fahrer nicht aus Versehen in den Gegenverkehr geriet", bestätigte Staatsanwalt Werner Wolff. Er habe kurz vor dem Unfall die Spur gewechselt. Zudem habe der 24-Jährige nur wenige Minuten zuvor eine Abschieds-SMS an seine Familie geschickt, teilte Wolff weiter mit.

Für ihn und die vier anderen Unfallopfer kommt jede Hilfe zu spät – beim Eintreffen der Rettungskräfte gleicht die Autobahn einer verkohlten Trümmerlandschaft.

Der ADAC spricht bei den Fällen der letzten Wochen von einer "unglücklichen und zufälligen Häufung". "Die Unfälle passierten auf verschiedenen Strecken und hatten unterschiedliche Ursachen", sagte Sprecher Andreas Hölzel der Berliner Morgenpost. Pro Jahr komme es im Schnitt zu 2000 gemeldeten Geisterfahrten, 500 bis 1000 tatsächliche Vorfälle seien aber realistischer, der Rest gehe auf Telefonscherze und Irrtümer zurück.

Vier Ursachengruppen für Falschfahrt

Zu Unfällen komme es normalerweise selten: "Geisterfahrer verursachen nur drei Prozent der tödlichen Unfälle auf Autobahnen", sagt Hölzel. Durchschnittlich 20 Unfalltote seien im Schnitt jährlich auf Falschfahrer zurückzuführen. "Das Problem ist: Wenn es dann mal kracht, dann sind die Folgen meistens schwer."

Vier mögliche Ursachengruppen für eine Falschfahrt führt Hölzel an: Alkohol und Drogen, Orientierungslosigkeit, bewusstes Wenden auf der Autobahn – etwa wegen einer verpassten Ausfahrt – und schließlich Suizidabsicht. "Solche Geisterfahrer wollen mit einem richtig dicken Knall gehen und noch einmal Aufsehen erregen", glaubt Verkehrspsychologin Susanne Laumeyer.

Den typischen Falschfahrer könne man nicht charakterisieren, sagt dagegen Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE): "Ich warne davor, Falschfahrer einzuteilen in die Kategorien seniler Alter oder betrunkener, junger Autofahrer oder Suizidtäter." Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass Suizidabsichten vermehrt der Auslöser für Unfälle mit Falschfahrern sind.

Viele Auffahrten schlecht beschildert

Wichtiger sei es vielmehr, die Verkehrsführung zu verbessern. "Viele Autobahnauffahrten sind schlecht beschildert. Hier kann man visuelle Hindernisse aufbauen und die Autofahrer bei der Orientierung noch stärker unterstützen", sagt Hillgärtner. In Bayern wird dies seit 2010 in einem Pilotprojekt mit großen Warntafeln getestet.

Die Hinweisschilder stehen entlang der A8 an Anschlussstellen und Tank- und Rastanlagen und sollen Autofahrer am versehentlich falschen Auffahren auf die Autobahn hindern. Auf den signalgelben Warntafeln sehen die Autofahrer eine schwarze Hand mit den Hinweisen "Stop" und "Falsch".

Erste Erkenntnisse werde es Ende 2012 geben, heißt es im Bundesverkehrsministerium. Sollte ein positiver Effekt messbar sein, könne das Projekt möglicherweise auch bundesweit eingeführt werden.

Polizeigewerkschaft fordert Krallen

"Die Behörden müssen sich Autobahnkreuze und Auffahrten, an denen es Unfallhäufungen gibt, sehr, sehr genau anschauen", heißt es beim ADAC. Verbesserungsmöglichkeiten gebe es zuhauf.

"Man kann die Rampen durch bauliche Veränderungen klar trennen, man kann die Beschilderung an noch mehr Stellen hell beleuchten, man kann die höchste Reflexionsklassen auf Schildern wählen, man kann die Auffahrrampen mit überdimensionalen Richtungspfeilen versehen", zählt Hölzel die verschiedenen Möglichkeiten auf. "Das darf nicht an den Kosten scheitern!"

Elektronische Warntafeln und Blinklichter gehen der Deutschen Polizeigewerkschaft NRW noch nicht weit genug. Die Gewerkschaft fordert den Einsatz sogenannter Krallen an Autobahnabfahrten. Wer in die falsche Richtung darüber fährt, dem werden automatisch die Reifen aufgestochen, die Weiterfahrt verhindert.

Die Krallen sollten an allen Autobahnabfahrten eingesetzt werden, sagte der DPolG-Landesvorsitzende Erich Rettinghaus. "Dabei nehmen wir eher geplatzte Reifen als Tote und schwerverletzte Menschen auf der Autobahn in Kauf."

Nicht hinter jeder Kurve ein Falschfahrer

Ihr Einsatz ist aber umstritten. "Vor allem im Winter können die Krallen einfrieren und bieten dann nicht mehr den gewünschten Schutz", meint Verkehrsexperte Hölzel vom ADAC. Auch Einsatzkräfte, die bei einem Notfalleinsatz auf dem kürzesten Weg entgegen der Fahrtrichtung auf die Autobahn auffahren, würden damit behindert.

Auch der ACE hält nichts davon, alle Autobahnzugänge in Deutschland mit Krallen auszustatten. "Das wäre bei mehr als 10.000 Ausfahrten nicht verhältnismäßig", sagt Experte Hillgärtner.

Gleichzeitig warnt er davor, in Hysterie zu verfallen. "Autobahnen sind im Vergleich zu anderen Strecken die sichersten Verkehrswege. Wir haben täglich im Schnitt fünf Warnmeldungen vor Geisterfahrern – das muss man in Relation setzen zu den Millionen Autofahrern, die jeden Tag unterwegs sind." Man dürfe nicht hinter jeder Kurve einen Falschfahrer vermuten.

"Radio hören und Augen und Ohren offen halten"

Verkehrspsychologin Laumeyer rät Autofahrern, vorausschauend zu fahren und aufmerksam zu sein. "Radio hören und Augen und Ohren offen zu halten ist am wichtigsten", sagt Laumeyer der Berliner Morgenpost.

Trotzdem: Suizidtäter lassen sich nur schwer aufhalten, ein Restrisiko bleibt immer, sagt Andreas Hölzel: "Wenn einer sich mit einer Geisterfahrt umbringen will, hilft gar nichts."

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