06.10.12

Kolumne "Autonom"

Widerliche Handyknipser an der Unfallstelle

Was geht eigentlich in den Köpfen der Leute vor, die einen schweren Unfall auf der Autobahn zum Anlass nehmen, davon Fotos zu machen und sie so schnell wie möglich zu veröffentlichen?

Foto: dapd

Wenn der Rettungshubschrauber landet, bleibt der Verkehr dahinter erst einmal stehen. Gelegenheit für viele Autofahrer, in Ruhe Bilder vom schrecklichen Geschehen zu machen
Wenn der Rettungshubschrauber landet, bleibt der Verkehr dahinter erst einmal stehen. Gelegenheit für viele Autofahrer, in Ruhe Bilder vom schrecklichen Geschehen zu machen

Einmal ist immer das erste Mal. Das dachte ich, als ich neulich in einen zunehmend zähflüssigen Stau geriet, als ich schon die Unfallstelle auf der linken Spur sah und dann merkte, dass wir Autofahrer, die Verunglückten und die Unversehrten, nicht länger allein waren. Aus der Luft näherte sich der Rettungshubschrauber, das hatte ich noch nie live gesehen. Etwa 200 Meter von meinem Kühlergrill entfernt setzte der Heli auf, Vollsperrung, Stillstand, Motor aus.

Na, da kriegen wir ja was geboten, raunte es vom Beifahrersitz. Meine Frau, sie meinte es ironisch. Aber da war sie die einzige. Denn ich hatte kaum die Hand vom Zündschlüssel genommen, da stieg der BMW-Fahrer neben mir schon aus und zückte seine Kamera. Beinahe unanständig lang fuhr das Zoom-Objektiv aus, und er knipste das Rettungsgeschehen.

Noch etwas näher herangehen

Gerade wollte ich meine Frau fragen, ob sie das genauso widerlich findet wie ich, da kamen zwischen den Autos schon die ersten Neugierigen zu Fuß angewackelt, sie hielten ihre Smartphones hoch und stellten fest, dass sie doch näher herangehen mussten. Zoomprobleme.

Es folgte eine junge Mutter mit ihren beiden Kindern an der Hand. Man kann den Kleinen nie früh genug beibringen, was es alles Interessantes zu sehen gibt.

Übermaß an Neugier

Als ich meine Fassung wiedergewonnen hatte, wurde mir klar, dass mein Erstaunen naiv war. Im Zeitalter von Leserreportern und sozialen Netzwerken ist ein Übermaß an Neugier und Mitteilungsbedürfnis normal geworden. Wahrscheinlich hatten die Menschen mit den Fotoapparaten nicht mal ein schlechtes Gewissen, sie verhielten sich einfach wie jeden Tag: Etwas Interessantes passiert, also dabei sein, Fotos machen, weiterleiten, wir leben schließlich im 21. Jahrhundert.

Ich überlege, ob es mir, wenn ich das Unfallopfer gewesen wäre, etwas ausgemacht hätte, dass wildfremde Menschen Bilder von meinem Unglück machen und sie wahrscheinlich noch ins Netz stellen. Je nach Schwere der Verletzung hätte ich wohl andere Sorgen gehabt, aber wäre es nicht trotzdem ein rohes Eindringen in meine Privatsphäre gewesen? Und kann man nicht verlangen, dass jeder potenzielle Eindringling das selbst wahrnimmt und sich gar nicht erst aufmacht, mich in meinem Elend zu betrachten?

Hinsehen ist ein notwendiger Reflex

Irgendwann hob der Hubschrauber wieder ab, und wir fuhren langsam an der Unfallstelle vorbei. Langsam, weil alle noch einmal guckten, ich natürlich auch. Das wird landläufig als Gaffen bezeichnet, und schon das Wort ist ein einziger Vorwurf.

Nur wird es falsch benutzt. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen Gaffen und Hinsehen. Wer an einem Unfall vorbeifahren kann und stur geradeaus schaut, der ist kein Mensch. Oder vielleicht doch, aber dann einer mit einer Störung. Menschen interessieren sich für andere Menschen, ob sie einander kennen oder nicht, das Hinsehen ist ein natürlicher und vielfach auch notwendiger Reflex.

Gaffen 2.0 ist normal geworden

Doch aus diesem Reflex haben wir eine bewusste Handlung gemacht. Nicht nur hinsehen, auch hingehen. Ein bisschen im Weg herumstehen. Das Smartphone zücken. Das Bild sofort über Mobilfunk hochladen. Oder es wenigstens den Umstehenden zeigen, also den seltsamen Typen, die keine Bilder gemacht haben.

Gaffen 2.0. Alles ganz normal inzwischen. Und schrecklich.

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