21.09.12

Fahrbericht

Der Clio wird größer und greift den Polo an

Kleine Motoren, wertige Ausstattungen und spannungsreiches Äußeres. Mit dem neuen Clio will Renault Absteiger aus größeren Fahrzeugklassen locken. Falls gewünscht, röhrt der Wagen wie ein Rennwagen.

Foto: Renault

Frisch gemacht – am 10. November kommt die neue Auflage des Renault Clio zu den Händlern.

11 Bilder

Das ist mal eine Idee: Man sitzt in einem harmlosen Kleinwagen, aber die Kiste röhrt, als kämpfe man im Rennen um die vorderen Plätze. Und nur der Fahrer kann das hören. Beim neuen Renault Clio lässt sich das regeln, mit der höheren Ausstattungsstufe des Entertainmentsystems. Da ist dann nicht nur Internetzugang dabei und ein Navigationssystem, sondern auch ein Soundgenerator.

Dabei ist der gar nicht nötig. Denn der neue Dreizylindermotor knurrt auch so recht bissig vor sich hin. Nicht dass die Maschine ungebührlich laut wäre, aber gut erkennbar klingt sie schon. Kleiner Hubraum (hier: 0,9 Liter) und Turboaufladung sind nun auch bei Renault das Mittel der Wahl, um einen besonders niedrigen Benzinverbrauch zu verwirklichen.

Auf dem Papier stehen 4,5 Liter auf 100 Kilometer für den Clio Energy TCe 90, das etwas teurere Modell Eco-Drive kommt sogar auf 4,3 Liter – mit nochmals rollwiderstandsärmeren Reifen, längerer Übersetzung und verbessertem Wärmemanagement des Motors.

90 PS aus 0,9 Liter Hubraum

Dabei ist der Dreizylinder mit seinen immerhin 90 PS keine Spaßbremse. Die Maschine hängt gut am Gas, ihre Kraftentfaltung (maximal 135 Newtonmeter bei 2500 Umdrehungen) passt gut zum Fünfganggetriebe. Nur wenn es bergauf geht, muss man mit dem Überholen etwas aufpassen, dann geht dem Clio irgendwann die Luft aus.

Zwar hat das Auto abgespeckt, je nach Version um bis zu 100 Kilogramm, und auch der Motor selbst wiegt 15 Kilogramm weniger als ein vergleichbares Aggregat der jetzt noch aktuellen Serie, doch ist ein Clio mit 0,9 Liter Hubraum eben doch kein Rennwagen, auch wenn die Bordelektronik ihn so klingen lassen kann.

Verbrauch sinkt auf 3,6 Liter Diesel

Man bekommt auch stärkere Motoren für den neuen Renault, aber noch nicht jetzt. Von einer 120-PS-Version fürs nächste Jahr ist die Rede, derzeit gibt es aber neben dem neuen Dreizylinder aber nur den 1,2-Liter-Vierzylinder mit 75 PS als Basismodell sowie zwei Versionen des bekannten 1,5-Liter-Diesels, mit 75 und 90 PS.

Der Motor wurde überarbeitet und verbraucht nach Norm nun jeweils 3,6 Liter auf 100 Kilometer, was einer Verringerung um 0,4 Liter gegenüber dem Vorgängermodell entspricht.

Mit dem Diesel kann man also noch mehr Kraftstoff sparen, doch muss man dafür auch eine stattliche Anfangsinvestition aufbringen. Mit 14.900 Euro ist das Basismodell des 75-PS-Diesels um 2100 Euro teurer als der einfachste 75-PS-Benziner. Der kostet mit 12.800 Euro auch 400 Euro mehr als das Vorgängermodell.

Fünf Türen sind nun Standard

Trotzdem ist der Clio insgesamt deutlich günstiger geworden. Denn es gibt ihn nun grundsätzlich mit fünf Türen, die früher noch 800 Euro Aufpreis gekostet haben. "Der Dreitürer ist rückläufig seit mehreren Jahren, nicht nur bei uns", sagt Ali Kassei, bei Renault der Verantwortliche für die kleinen Baureihen.

Und es verursache hohe Kosten in der Fertigung, Fünf- und Dreitürer gemeinsam anbieten zu können. Das Geld habe man lieber gespart und in die Ausstattung gesteckt.

Die Ausstattung ist üppig für einen Kleinwagen

Tatsächlich ist schon die Basisversion Expression sehr ordentlich ausgerüstet. Elektrische Fensterheber, elektrisch verstellbare Spiegel, LED-Tagfahrlicht, Berganfahrhilfe, Tempomat – das sind nur einige der serienmäßigen Extras, die der neue Clio seinem Vorgänger voraushat.

Richtig interessant wird es wie üblich in der zweiten Ausstattungsstufe Dynamique, wo auch Klimaanlage und CD-Radio samt Navigationssystem zum Serienumfang gehören. Hierfür ruft Renault 15.000 Euro auf, mit dem neuen Dreizylinder sind es 16.300 Euro.

Kleine Autos bedeuten heute nicht mehr Verzicht

Dann hat man sich schon ein recht gediegenes Auto zusammengestellt, aber damit liegt der Clio im Trend. Laut Renault sind heute schon 21 Prozent der Kleinwagenkäufer Absteiger aus höheren Fahrzeugklassen. Sie brauchen kein großes Auto mehr, wollen aber auf den gewohnten Komfort nicht verzichten.

Darum müssen die angebotenen Extras stimmen, das Auto selbst muss aber auch hohen Qualitätsansprüchen genügen. So rollt der neue Clio sehr komfortabel über die Straßen, die Straßenlage ist satt und sicher, auch in engen Kurven, und an der Lenkung wurde offenbar sehr gründlich gearbeitet. Denn sie ist nicht nur leichtgängig wie früher, sondern ermittelt einen deutlich besseren Kontakt zur Straße.

Das Fahrgefühl eines größeren Wagens

Könnte man ein Auto mit verbundenen Augen testen, könnte man meinen, in einem Auto zu sitzen, das eine Klasse über den Kleinwagen rangiert. Die Augenbinde wieder abgenommen, sieht man auch den gewachsenen Innenraum des nun 4,06 Meter langen (plus 35 Millimeter) und 1,73 Meter breiten (ohne Rückspiegel, plus 24 Millimeter) Autos.

Selbst hinten sitzen Erwachsene noch gut, und Personen bis etwa 1,80 Meter stoßen auf der Rückbank auch nicht mit dem Kopf gegen den Dachhimmel – obwohl der Clio nur noch 1,45 Meter hoch ist und damit um 45 Millimeter niedriger wurde.

Ein ernster Rivale für den Polo?

Zwar sagt Ali Kassei, er habe sich bei der Entwicklung des vierten Clio-Modells seit 1991 am Clio 3 orientiert, doch wirkt der Wagen eher, als solle er nun endlich auch bei deutschen Kunden als ernsthafte Alternative zum VW Polo durchgehen. Nicht unbedingt im Design, das bei Renault weniger kühl anmutet, fließendere Formen zeigt und insgesamt spannungsreicher ist.

Aber die Qualität im Innenraum mit weichen Oberflächen (ab Dynamique), viel Chrom und Klavierlackanmutung um die Mittelkonsole (100 Euro Aufpreis) und Verarbeitung zeigt, wohin die Reise geht: Der Kleinwagen darf mehr sein als ein reines Fortbewegungsmittel.

Viele Möglichkeiten zur Individualisierung

Dazu passt, dass man den Clio nun individualisieren kann wie einen Mini oder einen Fiat 500. Fünf sogenannte Look-Pakete für außen sind bestellbar, sieben sogar für den Innenraum, und sogar mit drei verschiedenen Beklebungen fürs Dach experimentiert man bei Renault.

Aber selbst als schlichtes Standardmodell von der Stange fällt der neue Clio auf, denn stets drängt sich das neue Markengesicht in den Vordergrund. Der Clio ist das erste Serienmodell des neuen Designchefs Laurens van den Acker, der vor drei Jahren von Mazda zu Renault kam.

Das Design hat einen hohen Stellenwert

"Der Vorstand hat mich gebeten, eine neue Richtung vorzugeben", erzählt der Designer. "Sie sagten zu mir: Machen Sie schöne Autos, bitte." So hat der Holländer den Clio zeitgleich mit der Sportwagenstudie Dezir entworfen, bei beiden eher skulpturale Oberflächen gestaltet und das Renault-Markenlogo sehr groß in die Mitte des Kühlergrills gestellt.

Das Design sei heute Kaufgrund Nummer eins, sagt van den Acker, bei Renault sei es aber in den vergangenen Jahren auf Rang zwei oder drei abgerutscht. Dies solle nun anders werden. "Und der Clio ist erst der Anfang."

Weitere Ableitungen sind angekündigt

Als nächstes neues Modell kommt im Sommer kommenden Jahres die Serienversion der Studie Capture, das ist eine Art Van-Offroad-Crossover auf Clio-Basis. Wem das zu spektakulär erscheint, der wird Ende 2013 mit dem Clio Grandtour versöhnt, einem klassischen Kombi. Das eher langweilige Stufenheckmodell entfällt genauso wie der heutige Klein-Van Modus, der Ende 2012 ausläuft.

Wie viel Selbstbewusstsein im neuen Clio steckt, lässt sich auch am Termin für den Verkaufsstart ablesen: Die Renault-Händler erwarten ihre Interessenten am 10. November. Am selben Tag bringt auch VW den neuen Golf auf den Markt.

Die Reise zur Präsentation des Clio wurde unterstützt von Renault. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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