14.09.12

Kolumne "Autonom"

Sekundenschlaf? Alles halb so schlimm

Wir legen heute fast alles in die Hände der Elektronik. Manche Autos wollen sogar beurteilen können, ob ihre Fahrer müde werden. Die Frage ist nur: Wie können sie so sicher sein?

Foto: picture alliance / obs

Nach einem gängigen Klischee trifft Übermüdung am Steuer vor allem Fernfahrer – das stimmt aber nicht, Pkw-Fahrer sind ebenso gefährdet wie Trucker
Nach einem gängigen Klischee trifft Übermüdung am Steuer vor allem Fernfahrer – das stimmt aber nicht, Pkw-Fahrer sind ebenso gefährdet wie Trucker

Ich bin ein erfahrener Sekundenschläfer. Will sagen: Ich weiß, was es bedeutet, auf der Autobahn müde zu werden. Und alle wohlmeinenden Tipps (Fenster auf, Kaffee aus der Thermoskanne etc.) schlage ich seit jeher in den Wind. Es gibt nämlich nur eine Abhilfe: schlafen.

Also nehme ich den nächsten Parkplatz, wenn ich merke, dass mir die Augen zufallen. Ja, ich warte nicht, bis endlich eine Raststätte kommt, ich nehme tatsächlich einen von diesen stockfinsteren und unheimlichen Autobahnparkplätzen.

Ausruhen wie Helmut Kohl

Da stelle ich mein Auto irgendwo ab, wo die Lkw noch Platz gelassen haben, verriegele die Türen ab und bringe meinen Sitz in Liegeposition. Wer sich noch an die Regierungszeit Helmut Kohls erinnert, der weiß, dass der Altkanzler auch auf kurzen Strecken im Regierungsflugzeug und für kurze Zeiträume wunderbar nickern konnte und danach jeden Verhandlungspartner an Fitness weit übertraf.

Zwar ist mir die politische Karriere verwehrt, aber in dieser Hinsicht kann ich mich mit Kohl vergleichen: 30 Minuten Powernapping im Auto wirken Wunder, und ich bin danach keine Gefahr mehr für mich und andere.

660 Kilometer sind doch keine große Sache

Diese wunderbare Meinung, die ich von mir habe, hat aber nun einen Knacks bekommen. Neulich war ich am Hockenheimring und bin von dort gegen 16 Uhr aufgebrochen. 660 Kilometer nach Hause, keine große Sache.

Ich habe sogar auf dem Weg noch in einem Fitnessstudio angehalten und 45 Minuten auf dem Laufband gejoggt (ich mache hier keine Werbung, aber eine Studiokette, bei der man immer und überall Zutritt in jeder Filiale hat, ist schon nicht übel). Ich fühlte mich also topfit.

Der Mercedes und die Kaffeetasse

Und dann fuhr ich ja auch noch mit einem Mercedes. Die neuesten Modelle wachen mit dem sogenannten Aufmerksamkeits-Assistenten über ihre Fahrer. Das System registriert winzig kleine unplausible Lenkbewegungen, die der Mensch am Steuer gar nicht selbst bemerkt.

Man kann die Technik nicht durch bewusst eieriges Lenken zum Fehlalarm bewegen, heißt es. Das stimmt, ich habe das schon probiert. Nie hat sich die kleine Kaffeetasse im Cockpit gerührt, und ich dachte schon, das ganze muss ein Schwindel sein.

Schriftliche Aufforderung zur Pause

Bis zu diesem Abend. Wegen zweier Staus war ich doch mehr als sieben Stunden unterwegs, als plötzlich die Musik leiser wurde und die kleine Kaffeetasse immer größer. Außerdem piepste das Auto unangenehm und forderte mich schriftlich – im Display – zu einer Pause auf.

Das Problem: Ich war eigentlich nicht müde. Jedenfalls nicht so sehr, dass ich schon nach einem Parkplatz Ausschau gehalten hätte. Ich verlangsamte immerhin meine Fahrt und überlegte: Noch 70 Kilometer, das schaffe ich schon. Zehn Minuten später piepste es wieder, das Auto war mit mir nicht mehr zufrieden.

Vielleicht werde ich doch alt jetzt

Aus dem Ganzen kann ich nur zwei Schlüsse ziehen. Entweder werde ich alt, und meine Langstrecken-Leistungsfähigkeit hat ein wenig nachgelassen. Oder das Kaffeetassensymbol ist wirklich ein übler Schwindel und hat nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, wie es mir am Steuer geht.

Genau, das wird es sein.

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