24.08.12

Benzinverbrauch

VW hat beim neuen Golf 7 eine große Chance vertan

Noch gar nicht auf dem Markt, hagelt es vor der Premiere Kritik von Greenpeace und einem Autoexperten für den Klassiker von Volkswagen. Er hätte viel sparsamer sein können. Oder ein Erdgasfahrzeug.

Foto: Lars Saeltzer/Auto Bild

Der neue Golf hat seinen Benzinverbrauch um bis zu 23 Prozent gegenüber dem Vorgänger gesenkt. Manche finden, das sei nicht genug
Der neue Golf hat seinen Benzinverbrauch um bis zu 23 Prozent gegenüber dem Vorgänger gesenkt. Manche finden, das sei nicht genug

In wenigen Tagen wird VW ihn erstmals öffentlich zeigen – den Golf 7, die wichtigste automobile Neuerscheinung für den europäischen Markt, wenn nicht sogar für die ganze Welt. VW wirbt mit technischen Innovationen und weniger Gewicht trotz gestiegener Abmessungen.

Doch in den Premierenwirbel mischen sich auch kritische Stimmen. So moniert Greenpeace die ersten Verbrauchswerte, die VW vorab für das kommende Modell kommuniziert hat.

Dieselverbrauch unter vier Litern

Dabei scheinen die Zahlen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht zu sein: 3,3 Liter soll der Wagen als Blue-Motion-Diesel mit Spritspartechnik verbrauchen, 3,8 Liter immerhin noch der Basis-Selbstzünder ohne die zusätzliche Technik.

Für den Basis-Benziner sind noch keine Werte bekannt, die Variante 1.4 TSI mit 140 PS und Zylinderabschaltung soll mit 4,8 Litern Kraftstoff 100 Kilometer weit kommen.

Experte vermisst Erdgasantrieb

Zahlen, die den Umweltschützern zu hoch sind: VW habe die Chance vertan, als Basismodell einen hocheffizienten, klimafreundlichen Golf VII zu präsentieren, heißt es im Statement des Greenpeace-Verkehrsexperten Wolfgang Lohbeck: "Die bisher bekannten Verbrauchswerte sind vom technisch möglichen und klimapolitisch notwendigen weit entfernt."

Auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Professor und Leiter des Centers Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen, kann die Kritik der Umweltschützer nachvollziehen: "Es ist schade", sagt er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost, "dass VW das wichtigste Auto auf dem europäischen Markt nur mit konventionellen Motorisierungen vorstellt."

Einen Erdgasantrieb, wie ihn der Verkehrsclub Deutschland im VW Up gerade zum umweltfreundlichsten Auto des Jahres gekürt hat, hätte sich Dudenhoffer gewünscht. Auch eine Hybridvariante des Golf von Anfang an, aber die wird die Modellpalette erst später ergänzen.

Greenpeace berechnet den möglichen Verbrauch

Bei Greenpeace ist man noch weiter gegangen: Auf gut 30 Seiten hat man ausgerechnet, wie sparsam der neue Golf hätte sein können, wenn VW alle Register gezogen hätte. Auf 2,9 Liter Diesel und 3,4 Liter Benzin je 100 Kilometer kommt die Umweltschutzorganisation in ihrer Rechnung.

Dazu hätte der Golf nicht neu erfunden werden müssen, bei Greenpeace summiert man nur die Maßnahmen auf, die heute schon Standard sind, wenn Autos besonders sparsam gemacht werden sollen: Leichtlaufreifen, elektrische Nebenaggregate, weniger Gewicht, Zylinderabschaltung, variable Ventilsteuerung, Rückgewinnung von Bremsenergie und noch einiges mehr.

All das bauen Hersteller heute schon in Autos ein, zum Teil auch VW selbst, in den Sparvarianten seiner Modelle. Warum also hält so etwas nicht Einzug in den Basis-Golf? Die Antwort dürfte darin liegen, dass die zusätzliche Technik den Kaufpreis in die Höhe treibt – und VW braucht einen attraktiven Basispreis für die Werbung.

Autos werden mit dem Bauch gekauft

Auch Käufer gehen oft nur nach dem niedrigsten Kaufpreis, auch wenn die Ersparnis im Verbrauch die Mehrkosten wieder einspielen würde. Dudenhöffer wird deutlich in dieser Hinsicht: "Beim Autokauf steht oft die Emotion im Vordergrund."

Er verweist auf eine wenige Tage alte Studie seines eigenen Instituts, die ausweist, dass die Deutschen im Durchschnitt noch nie so PS-starke Autos gekauft haben wie heute – und das trotz Benzinpreisen auf Rekordniveau.

Von sich aus, so ist der Experte überzeugt, sei die Industrie deshalb nicht sonderlich motiviert, ihren Kunden genügsamere Autos anzubieten. "Dass der Verbrauch in den letzten Jahren zurückgegangen ist, hat vor allem mit den Vorgaben der EU-Kommission zu tun."

Das Marketing fordert viele PS

Aber viele Menschen, die sich einen Golf der neuen Generation anschaffen, werden ihren Wagen praktisch nur in der Stadt bewegen oder fahren aus Prinzip nie schneller als 130 Stundenkilometer. Was spräche also dagegen, ihnen einen kleinen Motor mit wenig PS anzubieten, mit kurzer Übersetzung, so dass der Wagen bei den Sprints in der Stadt agil bleibt und Spaß macht? Wer nicht mit 180 über die Autobahn fährt, würde den Unterschied nicht einmal bemerken.

Dudenhöffer kennt Kunden, die sich genau so ein Modell wünschen würden. Aber er glaubt, dass das Marketing der Hersteller so etwas nicht zulassen wird: "Wenn Opel den neuen Astra mit 100 PS als Basismotorisierung auf den Markt bringt, dann muss VW mindestens 101 haben. Das ist ein Wettlauf, aus dem die Hersteller nicht mehr herauskommen."

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