18.08.12

Kolumne "Autonom"

Wie man in Afrika das Autofahren lernt

Es geht nicht überall auf der Welt so geordnet zu wie in Deutschland. Hören wir Michael Muyafula aus Malawi zu, der erzählt, wie er seit 28 Jahren Auto fährt. Dabei ist er heute erst 40.

Foto: Stefan Anker

Michael Muyafula am Steuer seines Kleinbusses vom Typ Toyota Townace. Mike ist 40 Jahre alt und hat schon seit 25 Jahren seinen Führerschein
Michael Muyafula am Steuer seines Kleinbusses vom Typ Toyota Townace. Mike ist 40 Jahre alt und hat schon seit 25 Jahren seinen Führerschein

An dieser Stelle berichte ich gewöhnlich über mein eigenes Leben als Autofahrer, aber manchmal muss man auch anderen den Vortritt lassen. Vergangene Woche lernte ich Michael Muyafula kennen, und wir hatten lange Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Mike arbeitet für den Reiseveranstalter Wilderness Safaris in Afrika, er brachte mich vom Flughafen der malawischen Hauptstadt Lilongwe ins 260 Kilometer entfernte Safari-Camp und später wieder zurück.

Eine andere Welt, natürlich, und das nicht nur, weil hier alle links fahren. Sondern auch, weil sich das Leben direkt neben der Straße abspielt, auch wenn es eine Hauptstraße ist. Überall Stände mit Gemüse, Früchten, Haushaltswaren, immer wieder Haltestationen für Kleinbusse und ohne Ende Fußgänger, Fahrradfahrer und Haustiere. Ziegen und Hühner laufen am Straßenrand herum, zudem sind viele Kinder ohne Begleitung Erwachsener auf dem Seitenstreifen unterwegs, während die Autos mit 50 (in der Stadt) oder 100 km/h dicht an ihnen vorbeifahren.

Sein Vater bestellte sich einen Peugeot

Ich sagte zu Mike, wenn er je nach Europa käme, würde ihm sofort auffallen, dass auf unseren Hauptstraßen keine Menschen zu sehen seien, sondern nur Autos. 84 Millionen Einwohner hätten wir und 46 Millionen Pkw, er konnte es kaum glauben.

Aber er mag Autos, schon als Junge war das so. Sein Vater hatte eine Farm, oben im Norden des Landes. Die Farm lief gut, und Vater Muyafula beschloss, das auch nach außen zu dokumentieren: In Frankreich bestellte er einen Peugeot 504. Kein heruntergekommenes Wrack, wie sie heute noch von Studenten nach Afrika überführt werden, sondern ein nagelneues Modell.

Für das neue Auto kam er ins Gefängnis

Das brachte Mikes Vater fünf Tage Gefängnis ein. Denn die Regierung argwöhnte, dass er niemals aus ehrlicher Arbeit so viel Geld hätte haben können. Hatte er aber, und sie mussten ihn wieder freilassen (heute sind die Verhältnisse in Malawi übrigens nicht mehr so). Was Mikes Vater allerdings fehlte, war der Führerschein und jegliches Interesse, ihn zu erwerben. Er beschäftigte einen Fahrer. Und der nahm ab und zu den zwölfjährigen Michael auf den Schoß und ließ ihn lenken.

Das hätte er besser nicht getan, denn Klein-Mike stibitzte daraufhin regelmäßig nachts den Autoschlüssel, schob das schwere Auto zwei-, dreihundert Meter vom väterlichen Bauernhof weg, fuhr ein paar Kilometer und schaltete dann rechtzeitig den Motor aus, um das Auto wieder an seinen Platz zu rücken.

"Dein Vater bringt dich um!"

Irgendwann kam die Mutter dahinter, behielt den Schlüssel ein und sagte auch dem Vater nichts. Sie hatte nur eine dieser mütterlichen Drohungen parat: Er bringt dich um, wenn er es erfährt. Und dann kam der Tag, an dem er es erfahren musste.

Eine Nachbarin wurde krank, sehr krank. Es hieß, sie müsse sterben, wenn sie nicht schnell ins Krankenhaus komme. Niemand weit und breit hatte ein Auto, nur Mikes Vater. Aber der konnte ja nicht fahren, und der Fahrer hatte frei und war weit weg.

Mit 13 Jahren zur Fahrprüfung

Die Mutter beschwor Mike, die Nachbarin ins Krankenhaus zu bringen. Der aber fürchtete Zorn und Strafe des Vaters so sehr, dass er sich weigerte. Erst nach der Intervention des Dorfältesten beim Vater konnte das Problem gelöst werden: Mikes Vater gab Anweisung, der Junge möge die Nachbarin ins Krankenhaus bringen – und fortan nie wieder Auto fahren.

Als die Frau gerettet war und sich alles wieder beruhigt hatte, kam Mikes Schwager auf die richtige Idee: Der Junge kann fahren, er soll fahren, das kann ihm noch einmal nützlich sein. Also brachte er Mike mit seinen nun 13 Jahren zum Fahrprüfer, der etwas erstaunt war, ihm aber ein Buch mit Verkehrsregeln in die Hand drückte und einen Termin anberaumte.

Heute herrschen strengere Regeln

Mike bestand die Prüfung, bekam aber den Führerschein nicht, weil er zu jung war. Stattdessen erhielt er eine Urkunde, die er wieder vorzeigen solle, wenn er 15 geworden sei. Das tat Mike, und mit 15 Jahren händigte man ihm – ohne weitere Prüfung – seinen Führerschein aus. In Lebenskunst sind uns die Afrikaner wirklich überlegen.

Nachtrag: Mikes Geschichte wäre heute so nicht mehr möglich. Wer in Malawi Auto fahren will, muss nun 40 Fahrstunden à 30 Minuten nehmen – das ist sogar strenger als in Deutschland.

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