02.07.12

Rennschmiede Abt

Getunter Audi – So fühlt sich ein Raketenstart an

Es ist eine schwierige Aufgabe, etwas Perfektes noch besser machen zu wollen. Der bayerische Familienbetrieb Abt hat sich an den Audi A6 Avant gewagt — und gewonnen. Nicht nur 47 PS mehr.

Foto: Abt

Tuning im Understatement-Modus. Dem Abt AS6 Avant sieht man nicht sofort an, dass er aus einem Rennpferdestall kommt. Auf den zweiten Blick fallen die große Frontschürze und die 21-Zoll-Räder auf.

4 Bilder

Wer ein Auto tunt, der geht ein hohes Risiko ein, genau wie derjenige, der ein getuntes Auto kauft. Das Teil ist entweder so prollig, dass die Nachbarn nicht mehr grüßen. Oder es bemüht sich so sehr um Understatement, dass niemand merkt, wie viel Extra-Geld man hineingesteckt hat. Vielleicht ist das noch schlimmer.

Dem Abt A6S Avant gelingt eine Gratwanderung zwischen beiden Extremen. Fährt man damit ins Büro, werden die meisten nicht viel bemerken: Schöner Audi, vielleicht etwas große Räder. Ganz anders die Reaktion auf dem Parkplatz des Fitness-Studios: Junge Männer mit Basecap und Expertenmiene halten ihr eigenes Auto an, begutachten die veränderte, leicht aggressivere Front des Audi und nicken kaum merklich. So ein Auto hätten sie auch gern.

Zuwachs von 47 PS

Wer den Abt A6S Probe fährt und den Audi A6 3.0 TDI kennt, der dem Tuning-Modell zugrunde liegt, spürt den Unterschied schnell. Die Leistungssteigerung von 313 auf 360 PS, auch den Zuwachs an Drehmoment (700 statt 650 Newtonmeter). Vor allem beim Zwischenbeschleunigen auf Autobahn und Landstraße entfaltet der Abt einen Druck, den man selten bei einem Auto erlebt hat.

So muss sich ein Raketenstart anfühlen, in der Phase zwischen der Zündung der Brennstufen und dem Erreichen des Orbits. Dabei ist es völlig egal, ob man im sechsten, siebten oder achten Gang aufs Gas tritt, oder ob man vorher mit 70, 100 oder 150 dahingeschnurrt ist. Der Abt schiebt an, gnadenlos.

Tuning mit einem Steuergerät

3990 Euro kostet die Leistungssteigerung, und sie lässt einen den Glauben ans Chiptuning zurückgewinnen. Keine Kolben werden aufgebohrt, keine Einspritzdüsen getauscht, auch die Nockenwellen bleiben unangetastet: Die Abt-Ingenieure machen sich nicht die Finger schmutzig, sondern programmieren ein Steuergerät, das es in sich hat. Und geben darauf zwei Jahre Garantie, bis zu 100.000 Kilometer – der Käufer eines Abt steht nicht schlechter da als ein Audi-Kunde.

Der Trick der Abt-Elektronik ist, dass es für die Basistechnik des Autos kein Drama ist, wenn es eine Störung gibt. Das standardmäßige Audi-Steuergerät bleibt unangetastet und bringt den Wagen immer noch mit 313 PS in die Werkstatt, sollte das zusätzlich eingebaute Tuning-Teil ausfallen.

Dicht dran am perfekten Automobil

Fällt es nicht aus, wovon wir ausgehen, kann man sich gut an die Extraportion Druck gewöhnen, muss aber auch sagen: Der A6 3.0 TDI quattro mit Allradantrieb und Achtgang-Automatik ist für sich genommen dicht dran an dem, was man ein perfektes Automobil nennen würde. Stark, elegant, gut verarbeitet und mit einer Fahrkultur, die ihresgleichen sucht. Und mit 58.750 Euro relativ fair gepreist: nicht billig, aber auf keinen Fall so teuer, dass es frech wäre.

Tuning ist da eine wirkliche Herausforderung, denn als Fahrer muss man die Zusatzinvestition bemerken, gleichzeitig darf die verbesserte Feinabstimmung (um Tuning mal korrekt zu übersetzen) nicht stören. Beim Motor ist das gelungen: Weder kreischen die Reifen, wenn man mit voller Beschleunigung losfährt (5,1 Sekunden auf Tempo 100), noch schraubt sich der AS6 Avant in unschickliche Höhen beim Spitzentempo.

250 km/h stehen zu Buche, wie beim Serienmodell, und das ist ein gutes Signal: Es geht nicht ums Rasen, sondern um mehr Effektivität in der Kraftentfaltung. Sogar der Normverbrauch bleibt gleich (6,4 Liter), und die Alltagswerte kann man ohne größere Schwierigkeiten unter der Zehnliter-Marke halten. Drehmoment heißt ja: Man bekommt viel Schub mit wenig Gas.

Automatik vierstufig einstellbar

Und dass man den Motor auf Knopfdruck lauter und knurriger machen kann, das ist keine Abt-Erfindung, sondern kommt von Audis Drive-Select-System. Das Ansprechen von Gaspedal und Lenkung, die Härte des Fahrwerks und die Schaltstrategie der Automatik lassen sich in vier Stufen einstellen (Effizienz, Komfort, Normal, Sport), und das Lustige ist, dass alles frei kombinierbar ist. Man könnte also eine zackige Lenkung mit träger, weil verbrauchssenkender Schaltung und sanfter Federung mixen.

Eine Extraportion Fahrkomfort ist im AS6 Avant nicht die schlechteste Idee, denn die riesigen Räder bedingen eher flache Reifen (265/30) mit entsprechend harten Flanken. Auch daran spürt man, dass man in einem getunten Auto sitzt, aber auch hier gilt: Übertrieben ist es nicht. Und man muss die Räder auch nicht nehmen. Einen Abt stellt man sich zusammen wie ein Menü vom Buffet, nur dass es keinen All-you-can-eat-Preis gibt. Alles kostet sein eigenes Aufgeld, und die extreme Rad-Reifen-Kombination ist sogar noch teurer als die Leistungssteigerung: 5490 Euro.

Tieferlegungssatz für nur 360 Euro

Weiter waren im Testwagen verbaut: Front- und Heckspoiler, Seitenschweller, Auspuffblenden mit passendem Heckschürzeneinsatz. Summa summarum kommt dieser Abt auf 73.730 Euro, und dann darf man schon von einem teuren Auto sprechen. Zumal am Fahrwerk noch gar nichts verändert wurde. Selbstverständlich gibt es einen Tieferlegungssatz: Um 30 Millimeter wird die Vorderachse abgesenkt, die Hinterachse um 25 Millimeter. Wie bei allen Tuninganbietern ist das erschütternd billig, nur 360 Euro.

Den Testwagen davon zu verschonen war eine weise Entscheidung: Allen tiefgelegten Autos fehlt es an Fahrkomfort, bei verkürzten Federn kein Wunder. Wenn es aber nicht darum geht, auf der Rennstrecke den Auftrieb zu verringern oder einen Normal-Pkw weit jenseits der 250er-Schallmauer unterwegs sein zu lassen, kann man vom Tieferlegen nur abraten. Es sieht oberhalb der Honda-Civic-Klasse auch komisch aus.

Am Ende hat ein Abt AS6 gute Chancen, sich ins Herz eines engagierten Audi-Piloten zu fahren. Das Bessere ist schließlich des Guten Feind. Aber wem ein A6 3.0 TDI gut genug ist, der muss sich auch nicht schämen. Nicht mal vorm Fitnessstudio.

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