27.05.12

Oldtimer

Mille Grazie Miglia – Bugatti voller Lust und Leid

1000 Meilen unterwegs bei der berühmtesten Oldtimer-Rallye der Welt in Italien. Warum das Anlassen eines Bugatti T35, der als erfolgreichster Rennwagen der Geschichte gilt, Schwerstarbeit ist.

Foto: Wolfango Spaccarelli
Treffen der Legenden bei der Mille Miglia, und der Bugatti T35 fährt stolz voran
Treffen der Legenden bei der Mille Miglia, und der Bugatti T35 fährt stolz voran

Ohne Overall, Schal, Stiefel, Handschuhe und Helm geht nichts an diesem denkwürdigen Wochenende. So rustikal die Ausrüstung ist, so filigran wirkt das Gerät. Vor dem ersten Start wird eine Checkliste abgearbeitet, die eine Kfz-Mechanikerausbildung erfordert: beide Hebel für Öl- und Benzinzufuhr links im Fußraum öffnen, dann den Haupthahn vor dem Fahrersitz rechts. Jetzt die Zündung einschalten, den Stromkreis schließen, den großen Hebel für den Zündzeitpunkt Richtung "spät" bewegen. Schließlich die Motorhaube öffnen und zwei Vergaser fluten.

Wer bisher noch auf ein romantisches Freizeitvergnügen hoffte, wird jetzt aus dem Traum gerissen: Ein-, zwei-, dreimal wuchtet man an die Anlasserkurbel vorn. Der Körper bebt, die Lunge droht unter der Anstrengung zu platzen, doch der Reihenachtzylindermotor lässt sich Zeit. Als er endlich aufbrüllt und die Erde scheinbar unter sich erbeben lässt, empfindet man Erlösung.

Über 2000 Rennsiege

Der mit über 2000 Siegen erfolgreichste Rennwagen der Automobilgeschichte hat sich tatsächlich erbarmt. Er lebt, bebt und rasselt. Es ist ein Bugatti T35 von 1926, ein Grand-Prix-Rennwagen in seiner reinsten Form, den heute die historische Abteilung der Marke unterm Dach der Volkswagen AG pflegt. Er wird seinem Piloten Tage voller Schweiß, Brandblasen, geschwollener Hände und Adrenalin bescheren. Der Bugatti und sein Gast am Volant nehmen teil an der historischen Mille Miglia, der berühmten Langstreckenfahrt für Oldtimer, die von Brescia nach Rom und zurück führt.

Die Rallye, die zum 35. Mal seit 1977 Italien in einen automobilen Ausnahmezustand versetzt, ist ein Tribut an das legendäre Autorennen zwischen 1927 und 1957. Auch in diesem Jahr ist die wichtigste Teilnahmebedingung, dass alle Fahrzeuge im Originalzustand sind und vor 1957 gebaut wurden. Es wird streng kontrolliert. 380 Fahrzeuge sind gemeldet.

Promis und Politiker als Teilnehmer

Wie der Liebhaberpreis für den Erwerb und die Instandhaltungskosten solcher Oldtimer vermuten lassen, zählen die Piloten und Beifahrer nicht gerade zum einkommensschwachen Teil der Weltbevölkerung. Auch Prominente aus Industrie, Showbusiness und Politik reihen sich ein. Letztere pilotieren meist eine Leihgabe der Automobilindustrie, die ein Interesse daran hat, ihre Marken in der Öffentlichkeit vertreten zu sehen. Rund eine Million Zuschauer säumen die Strecke, das Fernsehen überträgt zum Teil live. Schließlich findet keine Spazierfahrt statt, vielmehr werden zwischen zahlreichen Sonderprüfungen auch Kämpfe der Eitelkeiten in spontanen Rennen ausgetragen.

Polizisten feuern an

Nicht selten sogar im Grenzbereich. Auf öffentlichen Landstraßen und in Städten und verschlafenen Dörfern. Vielleicht das Beeindruckendste daran: Die Polizei schaut weg, und wenn sie zuschaut, dann mit Ehrfurcht. Mitunter treiben die Beamten die Hobbyrennfahrer noch an. So viel Großzügigkeit lässt nur Italien walten.

Die historische Mille Miglia kennt viele Facetten. Als Liebhaber feinmechanischer Hochleistungstechnik kann man die schönsten Landstriche Italiens in historischen Gefährten bereisen. Wer bis zu 16 Millionen Euro für seine automobile Preziose ausgegeben hat, fährt sie gern mit stolzgeschwellter Brust durch die Spaliere der Passanten.

In den Bergen sind Porsche und BMW im Vorteil

Über 1000 Meilen entlang der Adriaküste, durch die Stadtzentren von Ferrara, Rom, Florenz und Siena geht die Tour, die manchen Teilnehmer ins Rennfieber treibt.

Auf den langen Geraden Richtung Rimini donnern die hubraumstarken Kompressor-Rennwagen von Bentley, Mercedes-Benz und Alfa Romeo sowie die helldrehenden Aston Martin, Jaguar, Ferrari und Maserati voraus. In den Bergen holen dann die leichteren und wendigeren Porsche, BMW und Ferrari wieder auf. Der Bugatti T35 fährt sozusagen in einer eigenen Liga. Er gehört zu den Meisterwerken der Automobilbau-Geschichte. Trotz eines stolzen Gewichts von etwa 700 Kilo und einem rund 110 PS starken 2,3-Liter-Reihenachtzylindertriebwerk besitzt er dank einer Gewichtsverteilung von 50 zu 50 Prozent über den Achsen eine einzigartige Wendigkeit.

Das Mechanikerteam braucht der Bugatti nicht

Der bis über 8000 Touren drehende Motor hängt so spontan am Gas, wie man es sich noch heute von modernen Autos wünscht. Brüllend und schnarrend wirft er die Fuhre in Kurven, untermalt vom Krachen der Zahnräder des unsynchronisierten Getriebes, wenn der Pilot mal wieder nicht sauber Zwischengas gibt.

Spezialisten aus England haben den Bugatti T35 exzellent vorbereitet, sogar Juniorchef Stephen Gentry ist gekommen. Ein Mechanikerteam begleitet die fahrende Legende über die gesamten 1000 Meilen. Erfreulicherweise bleibt es vor Ort arbeitslos.

Nach eineinhalb Tagen voller Glücksgefühle zurück in Brescia schält der Pilot seine steifen, von Brandblasen gezeichneten Gliedmaßen aus der Aluminiumhaut des Bugatti T35. Die unverfälschte Symbiose von reinster Renntechnik und menschlicher Muskelkraft beeindruckt nachhaltig und auch die Faszination dieses großartigen Kulturgutes und die erfrischende italienische Art, Feste mit unvergleichlicher Zwanglosigkeit zu feiern. Mille Grazie Miglia.

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