24.05.12

Fahrbericht

Im BMW M6 Cabrio weht der Wind mit 560 PS

M wie mehr, M wie Mumm, M wie Muckibude – wer mit dem neuen BMW M6 Cabrio unterwegs ist, hat mehr Kraft zur Verfügung, als er je gebrauchen kann. Dabei soll der Motor doch kleiner geworden sein.

Foto: BMW

Wer Wind sät, wird Sturm ernten: Das M6 Cabriolet von BMW ist mit 560 PS eines der stärksten Autos mit offenem Dach.

8 Bilder

Friedrich Nitschke hat gut Lachen. Für den Chef der BMW M GmbH könnte es kaum besser laufen: Zum 40. Geburtstag des Werkstuners präsentiert der Ingenieur strahlende Bilanzen und freundliche Prognosen. "In den ersten vier Monaten liegen wir schon 40 Prozent über den Vorjahreswerten", sagt Nitschke.

Er beweist damit, wie recht Verkaufsvorstand Robert Lutz hatte, als er 1972 die BMW Motorsport GmbH aus der Taufe hob. "Eine Firma ist wie ein Mensch", sagte Lutz damals. "Treibt sie Sport, ist sie durchtrainiert, begeisterungsfähig, leistungsfähiger."

"Wir haben noch Pfeile im Köcher"

Dabei gibt es für die rosige Entwicklung außer der positiven Grundstimmung und der Genesung der US-Wirtschaft gar keinen rechten Grund, noch nicht zumindest. Der M5 ist zwar vergleichsweise frisch im Handel, aber der M3 rollt so langsam auf die Zielgerade, und die M-Modelle von X5 und X6 gehen irgendwie im Grundrauschen unter. Dass Nitschke trotzdem so optimistisch ist, liegt an dem, was demnächst kommt. "Wir haben noch Pfeile im Köcher."

Weil der neue M3 noch etwa ein Jahr auf sich warten lässt, ist der wichtigste Pfeil für dieses Jahr ohne Zweifel der M6, der in diesem Sommer an den Start geht. Passend zur Jahreszeit kommt er Ende Juni zunächst als Cabrio und folgt zum Herbst als Coupé. Und in Garching dementiert niemand mehr ernsthaft, dass es bald auch das neue, viertürige Gran Coupé der 6er-Reihe mit den Insignien der M GmbH geben wird.

M6 vergrößert die Zielgruppe

Für Nitschke ist der M6 schon nach einer Generation zu einer Ikone gereift, die Fahrzeugen wie M1, M3 oder M5 ebenbürtig ist. Zwar wurden vom M6 bislang gerade 15.000 Fahrzeuge verkauft, räumt Produktmanager Jörg Herrmann ein, das waren etwa 5000 weniger als vom technisch eng verwandten M5. "Aber der M6 hat unser Angebot deutlich erweitert und unsere Zielgruppe vergrößert."

Wo der M5 oft für Geschäftstermine eingesetzt wird und auch mal als Familienkutsche herhalten muss, ist der M6 nach den Worten Herrmanns das ultimative Auto für den Genießer.

131.000 Euro muss man schon ausgeben

Hedonisten, wenn nicht gar Egoisten sind es, die für die elegantere Form und den auffälligeren Auftritt Abstriche bei der Alltagstauglichkeit hinnehmen, sich Ärger mit den gelegentlichen Hinterbänklern einhandeln und noch etwas tiefer in die Tasche greifen. Dafür bekommen sie allerdings auch einiges geboten: Wer die 131.000 Euro für den offenen M6 ausgibt, sitzt im leidenschaftlichsten BMW seit dem seligen Z8.

Man genießt jeden erdenklichen Komfort, angefangen bei den babyzarten Ledersitzen über das Heer von Assistenzsystemen bis hin zur Armada der elektrischen Helfer, die sogar das gläserne Windschott im Fond auf Knopfdruck aufstellen. Man schwebt förmlich über die Straße, und jede Landpartie wird zur Luxuskreuzfahrt auf einem Dampfer, der sich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen lässt.

Ein Auto mit zwei Gesichtern

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Mehr als jedes andere Modell in der M-Palette ist das 6er Cabrio ein Auto mit zwei Gesichtern, die nur einen Gasstoß weit auseinander liegen.

Kaum bedient man die Klaviatur der vielen Taster um den Schalthebel, mit denen man fast jede Komponente im Triebstrang einzeln justieren kann, und lässt mehr als einen Schatten auf das Fahrpedal fallen, geht ein feines Zittern durch das Auto. Es spannt sich jeder Muskel, und aus dem feudalen Dickschiff wird ein forsches Rennboot.

Wenn sich 680 Newtonmeter Drehmoment in den Asphalt krallen, die siebenstufige Doppelkupplung die Gänge ins Getriebe knüppelt und eine ebenso scharfe wie direkte Lenkung den Wagen an die Ideallinie heftet, werden Gewicht und Format zur Nebensache.

Es geht bis zu 305 km/h schnell

Ein paar Zentner weniger würden dem Zweitonner natürlich nicht schaden, und ein echter Sportwagen muss auch keine 4,90 Meter lang und 1,90 Meter breit sein. Aber wen interessiert das schon, wenn man in 4,3 Sekunden auf Tempo 100 sprintet, ein Überholvorgang nicht viel länger dauert als ein Wimpernschlag und man selbst eine Nebenstrecke dritter Ordnung noch mit dem kleinen Finger fahren kann?

Selbst die üblichen 250 km/h sind im M6 kaum mehr als eine Formalität. Die M GmbH gewährt der Kundschaft mit dem aufpreispflichtigen "Drivers Package" und nach einem Fahrertraining Auslauf bis 305 Sachen.

Im Motorraum wurde abgerüstet

Die treibende Kraft für diese Kür ist jetzt allerdings kein Zehnzylinder mehr. Genau wie beim M5 sind die Entwickler auch beim M6 dem Trend zum Downsizing gefolgt und haben unter der Haube abgerüstet: Acht Zylinder und 4,4 Liter Hubraum müssen reichen. Vor allem, weil man dafür zumindest auf dem Prüfstand ein Drittel Sprit spart und nun nach Norm mit 10,3 Litern auskommt.

Trotzdem wuchs die Leistung um zehn Prozent auf 560 PS, und beim Drehmoment hat der M-Motor sogar um 30 Prozent zugelegt. Und auch der Sound des Turbos kann locker mit dem hochdrehenden Saugmotor von einst mithalten.

Ein tiefes Grummeln beim Cruisen, ein Bollern beim Beschleunigen und ein Brüllen bei Vollgas – bayerische Blasmusik, die jede B&O-Anlage überflüssig macht. Und die ganz nebenbei einen weiteren Grund dafür liefert, weshalb man an den rund 8000 Euro Aufpreis zum M6 Coupé nicht sparen sollte: In keinem Auto klingt der Motor besser als in einem Cabrio.

Die Fans warten schon auf den M7

Wer sich das (noch) nicht leisten kann, für den wird die M GmbH demnächst ein Angebot machen, das erstmals in der Neuzeit die 40.000-Euro-Marke unterschreitet: Der neue M135i beerbt mit 320 PS das 1er M Coupé. So hat die M GmbH 40 Jahre nach dem ersten Straßenfahrzeug ein breiteres Portfolio als je zuvor.

Doch für die eingefleischten BMW-Fans ist genug noch nicht genug. Fragt man Stammkunden und Sammler auf der ganzen Welt nach ihren Wünschen, sind die um Antworten nicht verlegen. Ein M7 steht ganz oben auf der Liste und wird nur noch von einem Modell übertroffen: einem Nachfolger für den legendären M1. Denn ein echter Sportwagen würde der Sportabteilung nicht schaden.

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