Kommentar

Die Nacht von München zeigt, wie sich unser Leben ändert

Unser Alltag ist seit den Anschlägen von Paris ein anderer geworden. Das hat die Silvesternacht gezeigt, meint Jörg Quoos.

Ein Polizist mit Maschinengewehr sichert den Bahnhof von Pasing

Ein Polizist mit Maschinengewehr sichert den Bahnhof von Pasing

Foto: Johannes Simon / Getty Images

Es ist ein bitteres Eingeständnis zum neuen Jahr 2016, aber es lässt sich nicht leugnen: Unser Alltag ist seit den Anschlägen von Paris ein anderer geworden. Die Furcht vor Terror ist allgegenwärtig und an Szenen wie in München, wo schwer bewaffnete Spezialeinheiten in der Silvesternacht zwei Bahnhöfe evakuierten, werden wir uns leider gewöhnen müssen. Genauso wie an die scharfen Sicherheitskontrollen bei den Silvesterfeiern am Brandenburger Tor oder bei anderen Großveranstaltungen in Deutschland.

Es ist ein großes Glück, dass Deutschland bislang von Terroranschlägen wie in Spanien, Großbritannien oder jüngst in Frankreich verschont geblieben ist. Das ist nicht selbstverständlich und auch das Verdienst aufmerksamer Ermittler, die trotz aller Aufregung über die umstrittenen Abhöraktionen konsequent den Kontakt zu befreundeten ausländischen Diensten halten.

In der bayrischen Hauptstadt konnte der Terror islamistischer Extremisten wohl wegen Warnungen aus Frankreich und aus den USA verhindert werden. Diese Kooperation wird immer wichtiger werden, je länger sich deutsche Soldaten mit dem schwarz-rot-goldenen Hoheitszeichen im Kampf gegen den "Islamischen Staat" in Syrien beteiligen.

In Bayern hat der Staat vorbildlich reagiert

Auch nicht selbstverständlich ist, wie entschlossen der Staat in München für Sicherheit sorgte. Binnen sieben Minuten hatten Spezialkräfte den Münchner Hauptbahnhof geräumt und – aufgerüstet wie eine Armee – mögliche Attentäter nachhaltig abgeschreckt.

Effektiv war auch die schnelle, unkonventionelle Warnung über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Und dass sowohl der Innenminister als auch der wichtigste Polizeipräsident Bayerns noch in der Silvesternacht Rede und Antwort standen, ist ebenfalls ein Indiz für die große Ernsthaftigkeit, mit der Bürger in Deutschland vom Staat geschützt werden.

Für die Sicherheitsbehörden ist die Entscheidung über öffentliche Terrorwarnungen äußerst heikel und eine ständige Gratwanderung zwischen dem Vorwurf der Panikmache und der Gefahr, das entscheidende einzige Mal zu spät zu warnen. Dabei möchte man weder in der Haut von Innenministern noch von Polizeipräsidenten stecken.

Schlägt man häufig falschen Alarm, werden die Warnungen nicht mehr ernst genommen. Ist die Schwelle für eine Warnung zu hoch, kann diese Zurückhaltung Menschenleben kosten.

Und wer will sich nach einem tödlichen Anschlag auf die Zivilbevölkerung öffentlich erklären und sagen: Es gab zwar Hinweise, aber sie waren nicht konkret genug. Kein Minister, keine Regierung würde dies überleben – weder politisch noch moralisch.

Verantwortung für die persönliche Sicherheit tragen

Es liegt jetzt auch an uns allen, über unsere persönliche Sicherheit nachzudenken und mehr Verantwortung dafür zu tragen. Eltern mit Kindern werden mit solchen öffentlichen Terrorwarnungen wie in der Silvesternacht anders umgehen als mancher Single. Ängstliche Menschen werden für sich wiederum andere Schlüsse aus ihnen ziehen als Mutigere, die sagen: Jetzt feiere ich erst recht!

Für beide Haltungen muss man Verständnis haben. Hier gibt es kein Richtig und Falsch. Und der einzig gangbare Weg für die Polizei wird künftig sein: Möglichst offen Transparenz über Gefährdungslagen herstellen – auch auf die Gefahr hin, dass sich Menschen unnötig sorgen.

Ein letztes Restrisiko bleibt dann bei jedem Einzelnen. Wir werden lernen müssen, dass uns auch die bestgerüstete Polizei nicht hundertprozentige Sicherheit geben kann. Und wir werden lernen müssen, unser Leben trotz dieses Risikos weiterzuleben.

Die fröhlich feiernden Münchner, die nach der Silvesterparty gelassen, statt mit der S-Bahn zu fahren, zu Fuß nach Hause gingen und den Beamten freundlich ein gutes neues Jahr wünschten, sind ein gutes Beispiel dafür, wie es gehen kann.

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