03.12.12

Dessous-Expertin

"Wenn Du wüsstest, was ich drunter trage"

Wenn es um Wäsche geht, macht ihr keiner was vor: Seit 50 Jahren verkauft Heide Meyer Strapse und Tangas. Nun hat sie ein Buch geschrieben, denn sie war ihren Kundinnen oft näher als die Ehemänner.

Foto: Massimo Rodari

Heide Meyer hat ein Buch über Frauen und Dessous geschrieben.

6 Bilder

Wenn Heide Meyer ein Mann wäre, hätte sie ganz schön Probleme. Dann würde sie vermutlich als unverschämt gelten oder als widerwärtig. Warum? Weil Heide Meyer Frauen immerzu und ohne Zögern auf den Busen schauen darf, nein: sogar soll. Heide Meyer ist nämlich die Grande Dame der Dessous-Welt, mit Perlen an Hals und Handgelenk und mit einem Charme, der selbst die schüchternsten Kundinnen aus den schmerzendsten Büstenhaltern befreit.

Bis vor wenigen Jahren hat die 69-Jährige ihr Fachgeschäft "Lady M" in Berlin betrieben, in dem sie Jahrzehnte lang Frauen jeder Façon beim Wäschekauf beraten hat. Dank ihrer freundlichen, zuvorkommenden Art vertrauen Kundinnen der Verkäuferin ihre intimsten Fragen an – beispielsweise, wenn es um den Kauf eines BHs für einen besonderen Abend geht. "In dieser Branche", sagt Heide Meyer, "bin ich meinen Kundinnen manchmal näher als der eigene Ehemann."

Im Laufe ihrer Karriere, die – umgerechnet in Waschgänge so lang ist, dass sie selbst der beste BH auf Dauer nicht überstehen würde - hat Heide Meyer ganze Generationen von Familien eingekleidet; wenn ihre Kundinnen Strapse und Stringtangas probiert haben, war sie immer auch ein wenig Psychologin. "Irgendwann kenne ich die Frau, die bei mir einkauft, ganz genau. Dann weiß ich, ob sie einen neuen Freund hat, oder ob es Probleme in der Ehe gibt, weil sie auf einmal nicht mehr den beigen BH trägt, sondern schwarze Spitze."

Viele Frauen tragen den falschen Büstenhalter

Heide Meyer, hell gefärbte Haare, gerne in Kostümen gekleidet, weiß um ihre einfühlende Art, die sie anwendet, wann es immer es erforderlich ist. "Dies ist aber auch eine besondere Branche, in der du mit den Menschen mitlebst", sagt Meyer, "irgendwann weißt du, wie die Frauen fühlen." Und die Männer ebenso: Hin und wieder passiere es, dass ein Ehepaar gemeinsam in das Geschäft komme, und wenn es dann eine rote Korsage zur Kasse bringt, ist Heide Meyer Expertin genug, um einzuschätzen, wie der weitere Abend verlaufen wird. "Das Paar kauft dann gar nicht mehr ein. Die beiden träumen schon, die sind schon ganz woanders."

Dass die Verkäuferin sich nicht nur in Kleidergrößen, sondern auch in der Gefühlswelt ihrer Kundinnen auskennt, liegt an ihrer lebenslangen Leidenschaft für Dessous. Schon mit 15 Jahren fing sie an, für den Wäschehersteller Horten zu arbeiten, im Jahr 1958 wurde sie Einkäuferin im KaDeWe, mit 28 eröffnete sie ihre eigene Boutique in Berlin-Wilmersdorf, "Lady M".

Durch deren Tür hat sie etliche Kundinnen in schlechter Wäsche kommen und in guter gehen sehen, "bestimmt mehrere Tausend Frauen", sagt Meyer, "und mindestens 60 Prozent von ihnen hatten Büstenhalter an, die ihnen nicht passten." Mal standen die Schalen des BHs, die sogenannten "Cups", zu weit vom Körper ab, dann waren die Träger zu straff oder die Nähte nicht weich genug.

Ihr ganzes Berufsleben über hat sie es sich deswegen zum Auftrag gemacht, Frauen von ihrer Belastung zu befreien, nämlich von Büstenhaltern minderer Qualität, und ihnen ein Gefühl von Freiheit zu vermitteln, sodass sie sich in ihrer Unterwäsche endlich wieder wohlfühlen.

Strapse statt Strapaze, lautet das Motto, und Lady Meyer verfolgt es eisern – auch wenn sie ihren Laden inzwischen an ihre Nachfolgerin übergeben hat.

Schon so viele Busen berührt

Heute ist sie nicht nur Vorsitzende des Landesverbandes Berlin-Brandenburg deutscher Unternehmerinnen, sondern berät angehende Bekleidungsschneiderinnen bei der Herstellung von Büstenhaltern, und lehrt an einer Fachhochschule in Nagold. Heide Meyer ist ein Vollprofi, sie kennt die 110 verschiedenen Körpchengrößen so gut wie andere ihre Westentasche, ihr Rat ist im Radio gefordert und in Fernsehsendungen, bei Treffen von Unternehmensgründerinnen ist sie gefragte Gesprächspartnerin. Die 69-Jährige gibt ihr Wissen gerne weiter, schließlich hat sie in ihrem Berufsleben so viele Busen berührt wie wohl nur wenig andere Frauen zuvor und selbst gestandene Herren wie Hugh Hefner könnten bei dieser Vielzahl in Verlegenheit geraten.

Das Auge der ehemaligen Dessous-Verkäuferin ist sogar so geschult, dass sie die BH-Größe einer Kundin durch den Pullover, ja selbst durch einen Pelzmantel erkennen kann. "Meine Freundinnen haben mich deswegen schon dazu aufgefordert, mich doch bei 'Wetten, dass..?' zu bewerben", sagt Meyer lachend.

Dazu aber hat sie viel zu wenig Zeit, denn im kommenden Jahr wird sie ihr Buch präsentieren, das heute erscheint, es heißt "Mutter Corsage" und handelt, wie sollte es anders sein, von ihren Erfahrungen, die sie in ihren Jahren als Dessous-Verkäuferin gesammelt hat.

Eine der entscheidendsten: Die psychologische Wirkung von Wäsche, über die noch viel zu wenig bekannt ist. Heide Meyers Tipp für alle Frauen, die vor einer schwierigen Situation stehen: "Wenn ihr ein schweres Gespräch mit euren Vorgesetzten habt, dann zieht euch was Tolles an, sodass ihr denkt: Wenn ich mich heute ausziehe, fällt jeder um. Dann sitzt man dem Mann ganz anders gegenüber, nach dem Motto: 'Wenn du jetzt wüsstest, was ich drunter habe…'".

Wenn Heide Meyer ein Mann wäre, hieße sie vielleicht Franz Beckenbauer. Denn was der Kaiser für den Fußball geschaffen hat, erreichte Meyer in der Welt der Wäsche. Beide sind früh gekommen und lange geblieben und haben in ihrer Branche viel bewegt - außer Brüste, denn die sitzen Dank Heide Meyers BHs felsenfest.

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