24.06.12

Mode

Designerin Jil Sander feiert in Mailand ihr Comeback

Donnernder Applaus, riesige Erwartungen: Nach acht Jahren zeigt sich die Designerin zurückhaltend bei ihrer ersten Schau in Mailand.

Foto: DPA
Milan Fashion Week Men's Collections S/S 2013 - Jil Sander
Hello again: Jil Sander begrüßt die Gäste der Präsentation ihrer neuen Männerkollektion – ganz zurückhaltend, aber glücklich

Ein weißer Schatten hinter den weißen Säulen, eine, zwei Sekunden vielleicht, dann war Jil Sander wieder verschwunden. Das große Posen liegt der Designerin auch bei ihrer Rückkehr auf die große Modebühne nicht. Dabei hätte sie allen Grund gehabt, sich feiern zu lassen, der donnernde Applaus, die herausgejohlte Begeisterung nach ihrer ersten Schau in Mailand seit acht Jahren hätten einen größeren Auftritt durchaus gerechtfertigt.

Doch Sander ist im besten Sinne die Alte geblieben: in ihrer persönlichen Zurückhaltung ebenso wie in ihrer Designsprache. Seit im Februar verkündet worden war, dass die 68-Jährige als Kreativchefin zu dem von ihr gegründeten Label zurückkehren würde, waren die Erwartungen groß. Würde sie an ihre eigene Legende anknüpfen können?

Im Rahmen der Männerschauen in Mailand, wo die Mode für Frühjahr/Sommer 2013 gezeigt wird, bot sich eine erste Erkenntnis beim "Warm-up" für den großen Belastungstest, der im September ansteht, wenn die Frauenkollektionen gezeigt werden.

Der Jil-Sander-Kosmos: konsequente Symmetrie und Ästhetik

Déjà-vu im großen Saal in der Via Beltrami. Die puristisch weiße Unternehmenszentrale hatte Frau Sander maßgeblich mitentworfen, als sie noch Chefin des Hauses war. Die weißen Sitzblöcke stehen wieder wie früher auch in akkuraten Reihen, dazwischen und darum das Laufsteg-Rechteck wie mit dem Lineal gezogen. Die Models kommen zwischen hohen weißen Säulen hervor, die aussehen, als wären die Sitzbänke hochgestellt. Alles ein Maß. Das ganze Setting folgt einer konsequenten Symmetrie und Ästhetik. Den Vorboten im Jil-Sander-Kosmos.

Es ist sehr heiß schon am Morgen in Mailand, im Saal ist es angenehm kühl, kurz vor halb elf wird die Schutzfolie vom Laufsteg gepellt, es wird plötzlich still, einige Augenblicke passiert gar nichts, die Spannung ist greifbar. Dann Elektrosound, das erste Model kommt forsch, in kantigen Lederschuhen und mit der Antwort auf alle Spekulationen. Einem klaren: Ja. Jil Sander ist zurück. Oder wie sie später, gelöst, bei einer kleinen Feier sagen wird: "Ich bin wieder zu Hause."

Nur gut zehn Minuten dauerte die Schau, doch die Botschaft ist deutlich: die typischen schmalen, knöchelkurzen Hosen, dazu messerscharf geschnittene Blazermäntel, Gehröcke, "Gehwesten" und Zweireiher, grafisch bedruckte Pullis, irisierende Punkteprints, aber eben auch das Blau. Ihr Blau. Eine Kollektion, die sehr frisch und selbstverständlich wirkt. Die Klarheit des Nordens, die die Hamburgerin nie verleugnen will, auch wenn das Unternehmen längst in japanischer Investorenhand ist und von Italien aus geführt wird, dazu die selbstverständliche Eleganz vermitteln eine geradezu beruhigende Unaufgeregtheit und Seriosität.

Eigene Tradition, aber keine Sentimentalität

Als wäre sie nie weggewesen, knüpft Sander an ihre eigene Tradition an, ohne dabei in Sentimentalität zu verharren. "Es ging mir immer darum, Mode zu entwerfen, die Wertigkeit und Klasse hat und dabei funktional ist", erklärt sie nach der Schau. Und schon drückt sie wieder Hände. "Jil, thank you!", ruft ein älterer italienischer Einkäufer euphorisiert.

Sie hat sich nicht verändert. Optisch schon gar nicht. Zur schneeweißen Kaftanbluse trägt sie eine blaue Nadelstreifenhose und schwarze Schnürschuhe. So klein und zart sie ist, so stark ist ihre Aura. Doch die Hose ist ein kleiner Wink. Sie stammt aus der +J-Kollektion, jenem Designabenteuer, auf das sie sich von 2009 bis 2011 eingelassen hatte, als sie als erste der internationalen Stardesigner eine Zusammenarbeit mit einer Massenmarkt-Modekette einging, mit der japanischen Uniqlo, die derzeit auch auf der Suche nach Standorten in Deutschland ist. Die Arbeit in Tokio hat sie geprägt und ihren Blick geschärft. Galt es doch, Design bezahlbar zu machen. So ist sie gut gerüstet für die Herausforderung, die Zukunft des Labels, das ihren Namen trägt, zu sichern. Preiswert wird die Marke gleichwohl nicht werden, darum geht es nicht.

Warum sie sich das noch einmal "antut", fragen manchmal Freunde. Und sie sich auch. Aber nun, nach der ersten Bewährung, lächelt sie viel. "Die Marke Jil Sander ist meinem Wesen tief verbunden und mein Traum von raffinierter, kompromisslos moderner Mode so frisch wie am ersten Tag. Paradigmen ändern und entfalten sich von Saison zu Saison, aber das Herz einer Marke bleibt gleich."

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